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Foto © Thomas Jauk

Fluch des religiösen Fanatismus

LA JUIVE
(Fromental Halévy)

Besuch am
17. November 2022
(Premiere am 6. November 2022)

 

Theater Dortmund, Opernhaus

La Juive des jüdischen Kompo­nisten Fromental Halévy ist die einzige seiner 36 Opern, die dem Sohn des Kantors der jüdischen Gemeinde von Paris schon zu Lebzeiten Ruhm einbringt. Das auf Spektakel im Genre Grand opéra versessene Publikum spricht nach dem Spektakel der Urauf­führung mit 20 dressierten Pferden auf der Bühne von einem „achten Weltwunder“. Der von der Musik begeis­terte Richard Wagner würdigt Halévy als einen „wahrhaft drama­ti­schen Kompo­nisten“. In seinem Werk entfalte sich „der volle Zauber der Romantik“.

In Deutschland ist dieser „Zauber“ mit der Macht­über­nahme der Natio­nal­so­zia­listen jäh verflogen. 1933 wird das Werk verboten und aus seiner sicheren Position im Reper­toire von Musik­theatern verstoßen. La Juive teilt die Rezep­ti­ons­ge­schichte von zahlreichen Opern jüdischer Künstler, die das Theater Bonn in seinem Programm Fokus ´33 aufar­beitet. Erst 1988 erlöst John Dew in Bielefeld den Fünfakter aus dem Vergessen. In der Folgezeit bringt eine Reihe von Bühnen Die Jüdin – so der Titel im deutsch­spra­chigen Kontext – heraus, zuletzt 2014 München.

Halévys Librettist, der jüdische Erfolgs­autor Eugène Scribe, thema­ti­siert gesell­schaft­liche Verhält­nisse zur Zeit des Konzils 1414 in Konstanz aus einer kriti­schen Sicht gegenüber der Insti­tution der Kirche. Auf eine Verbindung von Christen und Juden steht den Normen der Staats­kirche zufolge die Todes­strafe. Eine Direktive, die zum Verständnis der Handlung essen­tiell ist. Sie nimmt am Tage der Konzils­er­öffnung ihren Lauf. Der Goldschmid Éléazar stört durch sein Handwerk im Verständnis der Christen die Ruhe des Feiertags und soll als Ketzer zur Rechen­schaft gezogen werden. Ruggiero, der Stadtvogt, fordert in einem kurzen Prozess für ihn und Rachel, die als seine Tochter gilt, den Tod.

Rachel ist in einen Mann verliebt, der vorgibt, Jude zu sein. Tatsächlich ist er der christ­liche Reichs­fürst Léopold, obendrein mit der Prinzessin Eudoxie, Nichte des römisch-deutschen Kaisers Sigismund, verhei­ratet. Voller Eifer­sucht denun­ziert Rachel ihren Geliebten als Verführer. Ein von Kardinal de Brogni angeführtes Tribunal verur­teilt das Liebespaar und Éléazar zum Tode. Durch die Bitte von Eudoxie lässt Rachel sich zur Zurück­nahme ihrer Anschul­digung gegen Léopold überreden, der daraufhin begnadigt wird. Rachel könnte zum Chris­tentum konver­tieren, entscheidet sich aber für den gemein­samen Tod mit Éléazar. Dieser offenbart im Augen­blick ihrer Hinrichtung dem Kardinal, zuvor im Amt eines Magis­trats, Rachels wahre Identität.

Sie sei dessen verlo­ren­ge­glaubte Tochter, die Éléazar seinerzeit unbemerkt aus einem Feuer gerettet habe. Éléazar geht frohlo­ckend in den Tod, de Brogni bricht zusammen. Ein Finale, das an das Schicksal des Grafen Luna in Verdis Oper Il Trovatore erinnert, die knapp zwei Jahrzehnte später urauf­ge­führt wird.

Halévys und Scribes Wahl der christlich-jüdischen Thematik ist vorrangig aus den Verhält­nissen zur Zeit der Entstehung der Oper zu begreifen. 1835 ist der Einfluss der Religionen auf den Staat in der Folge der Juli-Revolution von 1830 zurück­ge­drängt, die Diskri­mi­nierung von Juden offiziell durch Gleich­stellung der Religionen aufge­hoben worden. Ein in Noten gefasster Protest gegen die Unter­drü­ckung, die das Land gerade hinter sich lässt, ist so von vornherein willkommen.

Foto © Thomas Jauk

2022 muss die Konstel­lation des Librettos nicht zwingend inter­es­sieren. Um den Gräuel des religiös begrün­deten oder getarnten Fanatismus zu verstehen, hat es allein seit September 2001 genügend schreck­liche Beispiele gegeben. Also sollte ein Besuch von La Juive primär der Musik wegen erfolgen? Was naheliegend erscheint, stimmt im Dortmunder Fall des Theaters freilich nicht. Der aus politi­schen Gründen erfolgte Wechsel des Regis­seurs zwei Wochen vor der Premiere lenkt die Aufmerk­samkeit automa­tisch auf die Inszenierung.

Das Textbuch Scribes enthält Hassaufrufe und Szenen eines Pogroms gegen Juden. Au bûcher, au bûcher les Juifs, dekla­miert der Chor alias das Volk. Grausame Ausschrei­tungen gegen die von der kirch­lichen Obrigkeit zu Sünden­böcken gestem­pelten Juden gibt es seit Jahrhun­derten. Zur Zeit des Konzils wie danach.

Wie aller­dings der ursprünglich verpflichtete Regisseur Lorenzo Fioroni diese Szenen zur Darstellung bringen wollte, hat – im Sog der Documenta-Debatte um Antise­mi­tismus in Kassel – einen Konflikt mit der Theater­leitung und am Ende seine Entlassung ausgelöst. Die Umstände sind mangels ausrei­chender Trans­parenz bis heute nicht umfänglich nachvoll­ziehbar. Jeden­falls soll Fioronis geplante Umsetzung – auch für das Verständnis Kundiger aus christlich-jüdischen Organi­sa­tionen – eine Linie überschritten haben, die mit Grund­werten des Dortmunder Theaters nicht vereinbar sei. Ob das in der Öffent­lichkeit auch so empfunden worden wäre oder ob nicht vielmehr die Sorge vor Angriffen auf das Theater von außen die Entscheidung wesentlich beein­flusst hat, bleibt offen.

In der Konse­quenz ist jetzt im Haus mit der hochge­wölbten Beton­schale über dem Zuschau­ersaal eine Insze­nierung von Sybrand van der Werf zu erleben, die sicher nicht als Guss aus einer Hand zu bewerten ist. Die Ausstattung, die der Nieder­länder zusammen mit der Bühnen­bild­nerin Martina Segna verant­wortet, reduziert das Erschei­nungsbild insbe­sondere in den ersten drei Akten auf ein Minimum. Zu sehen ist ein dunkel gehal­tener, einfacher Bühnenraum mit Vorhängen an den Seiten. Schlichte Stuhl­reihen bieten Platz für das Publikum, das die Verur­teilung der Angeklagten verfolgt.

Erst mit dem vierten Akt stellen sich Schau­werte ein. An erster Stelle eine steile Treppe auf blutrotem Hinter­grund, die in einen Kerker führt, an dessen Wand Rachel lange Zeit lehnt. Am Ende wird sie, das Opfer des funda­men­ta­lis­ti­schen Starr­sinns zweier Männer, gekreuzigt im Bühnen­hin­ter­grund gezeigt, hell ausge­leuchtet. Ein Schockbild nach all der Feind­schaft und der Verwei­gerung von mensch­lichen Reaktionen zuvor.

Die nach Entwürfen von Annette Braun entstan­denen Kostüme trans­por­tieren das Geschehen in eine Überzeit­lichkeit, also auch in unsere Tage. Das gilt speziell für Rachel in Hosen und Regen­mantel, später in einem merkwürdig-bauchigen Gewand, verwandt einem Feder­kleid. Ansonsten sind die Juden in schwarze Anzüge gehüllt. Einige tragen eine Kippa. Wie ein Kontra­punkt wirken der Kardinal in seiner roten Robe und die elegante Erscheinung der Prinzessin in einem prunk­vollen Abend­kleid samt goldener Schuhe.

Ein kurioser, ambiva­lenter Einfall des Video­de­si­gners Alexander Hügel ist im Rahmen eines Festes der Christen die Video-Einspielung einer Stumm­film­se­quenz unter dem Rubrum „Die Heimkehr der Helden“. Ambivalent, weil es in dieser Geschichte keine „Helden“ gibt, sondern unerbitt­liche Starr­köpfe, die scheitern und Unschuldige wie die empathische Rachel in den Tod treiben.

Halévys Kompo­sition zeichnet sich durch die Verwendung der vielfäl­tigen stilis­ti­schen Elemente aus, die die Grand opéra zur dominanten Gattung der franzö­si­schen Oper um 1830 werden lässt. La Juive steht zwischen den Haupt­werken Les Huguenots und Le Prophète Giacomo Meyer­beers, des Exponenten des Genres. Optischer Prunk, Theater­ef­fekte, Massen­szenen, melodische Ideen, präten­tiöse Vokal­partien und – last not least – Ballett­ein­lagen finden sich auch in der Partitur Halévys. Prunk und Pomp sind zwar diesmal Fehlan­zeige. Doch die Ballett­musik darf sein. Die glänzend aufge­legten Dortmunder Philhar­mo­niker spielen sie unter der Leitung Philipp Armbrusters mit franko­philer Einfühl­samkeit. Dabei ragen die Ecksätze, das Andantino con gracie sowie das schwung­volle Allegro marziale e vivo besonders heraus.

Die Besetzung weist in den zentralen Partien Beson­der­heiten auf. Die Rolle des Éléazar ist mit einem Tenor besetzt, wobei eher ein Bariton wie bei Verdi-Opern in ähnlichen Partien zu erwarten wäre. Die Partie der Rachel ist wie die der Eudoxie mit einem Sopran besetzt. Im Duettino Le Cardinal Madame en ce lieu doit se rendre des vierten Akts tritt die stimm­liche Homoge­nität der beiden besonders in Erscheinung. Vielleicht ein Schachzug des Kompo­nisten zur Unter­strei­chung der Austausch­barkeit wie Überein­stimmung der beiden in der Liebe, obwohl sie fast bis zum Finale Rivalinnen sind.

Barbara Senator ist mit ihrem ausdrucks­starken Sopran, der sie mühelos durch alle Höhen und Tiefen des Geschehens wie ihrer Stimme führt, eine auch in der Darstellung beein­dru­ckende Erscheinung. Als Eudoxie ist Enkeleda Kamani stimmlich wie in der Anmutung verführerisch.

Ist Rachel die Haupt­partie der Oper, so ist die Figur des Éleazar die zentrale Gestalt des Histo­ri­en­dramas. Der aus Dortmund stammende Mirko Rosch­kowski gestaltet sie stimmlich mit Vehemenz und großer Bühnen­präsenz, darstel­le­risch ergreifend. Er bestimmt auch den drama­ti­schen Höhepunkt der Oper im vierten Akt. Es ist die Szene, in der Éleazar, der Rachel durch Enthüllung ihrer wahren Identität retten könnte, in der Arie Va prononcer ma mort, ma vengeance est certaine den aufge­wühlten Ozean seiner Gefühle artiku­liert. Als Kardinal wirkt Denis Velev zwar etwas steif, beein­druckt aber mit seinem dunkel grundierten, markanten Bass.

Der sanguine Tenor Sungho Kims als Léopold ist deutlich integrer als der Charakter seiner Rolle. Mandla Mndebele als Ruggiero, Daegyun Jeong als Albert, Hiroyuki Inoue als Haushof­meister und Carl Kaiser als Henker arron­dieren den vorzüg­lichen Eindruck des Sänger­ensembles. Der Chor, einstu­diert von Fabio Mancini, hat abgesehen von einer weinse­ligen Beschwörung der Festtags­freude im ersten Akt seine stärksten Auftritte als Furcht einflö­ßender Mob.

Legt sich das Publikum im durchaus anspre­chend besetzten Saal beim Szenen­ap­plaus keine Schonung auf, bricht sich die Begeis­terung nach der fast dreiein­halb­stün­digen Aufführung Bahn. Weitere Auffüh­rungen sind für den 23. November sowie im Mai termi­niert. Anhänger der Grand Opéra können mithin planen.

Ralf Siepmann

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