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Trost für die geschundene Seele

WEIHNACHTSORATORIUM
(Johann Sebastian Bach)

Besuch am
10. Dezember 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Evange­lische Kirchen­ge­meinde Büderich, Bethlehem-Kirche, Meerbusch

In der Adventszeit kann man es wieder landauf, landab in den Kirchen hören – das Weihnachts­ora­torium von Johann Sebastian Bach. Spiel­arten gibt es viele, gern gilt jedoch: Je größer, desto besser. Als ob es gelte, einen schwer­hö­rigen Gott irgendwie zu erreichen. Da darf man manches Mal schon froh sein, dass die Budgets dem Prunk einen Rahmen setzen. Zumal das Oratorium vom Kompo­nisten gar nicht als Gesamtwerk gedacht war. Vielmehr ging es ihm darum, mit den sechs Teilen die Gottes­dienste zwischen dem Weihnachts- und dem Epipha­ni­asfest, das ist der Dreikö­nigstag, zu bespielen. Alles längst Geschichte.

Ekaterina Porizko ist Kantorin der evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Büderich. Und sie gehört zu den vielen Verehrern des Musikers aus dem 18. Jahrhundert. Seit dem 24. Februar dieses Jahres, das war der Tag, an dem Putin befahl, in die Ukraine einzu­fallen, und einen sinnlosen Krieg anzet­telte, beschäftigt sie sich damit, wie sie die Mitglieder ihrer Kirchen­ge­meinde unter­stützen kann, mit dem Unfass­baren umzugehen. Und in diesen Tagen wird es besonders schwierig. Das Weihnachtsfest steht bevor, ein Freudenfest, aber wie kann man sich an der Geburt Christi freuen, wenn in der Ukraine täglich sinnlos Menschen sterben? Ihre Antwort ist das Weihnachts­ora­torium. Ein Werk, das die Geburt Christi feiern will, aber gleich­zeitig zur Nachdenk­lichkeit auffordert. Und sie lädt zu einem öffent­lichen Konzert ein.

Foto © O‑Ton

Nun ist die Bethlehem-Kirche im Meerbu­scher Stadtteil Büderich eher ein kleiner Versamm­lungsraum, der auch nicht für seine Akustik berühmt ist. Da bedarf es schon eines Meisters, um dort das Weihnachts­ora­torium aufzu­führen, wenn es nicht gleich ganz unmöglich ist. Es hat schon etwas von einem kleinen Wunder, wenn man sieht, wie die Menschen in die Kirche strömen, mehr als die Hälfte von ihnen gehören nicht einmal der Gemeinde an. Schnell werden weitere Stühle in den Kirchenraum geschoben, die genauso rasch wieder besetzt sind. Es ist später Nachmittag, überhaupt kein Zeitpunkt, um zu einem Konzert in die Kirche zu gehen. Das scheinen die Menschen, die den Raum bis zum Bersten füllen, nicht zu wissen. Hier gibt es die allbe­kannte Anordnung. Im Hinter­grund die Kantorei der evange­li­schen Kirchen­ge­meinde Büderich mit etwa 35 Personen, davor nimmt die Philhar­monia Frankfurt Platz. Rechts und links davon ist noch Platz für ein Cembalo und ein Orgel­po­sitiv. Zwischen Orchester und Publikum ist noch eine schmale Gasse für die Solisten freige­lassen. Das Podest der Dirigentin steht bereits gleichauf mit der ersten Stuhl­reihe. Bei den Außen­tem­pe­ra­turen freut man sich ja geradezu, ein wenig enger zusammenzurücken.

Porizko ist nicht so vermessen, das ganz Große zu wollen. Vielmehr setzt sie die ihr zur Verfügung stehenden Mittel klug ein, um „ihre“ Musik wirken zu lassen. Spielen lässt sie die ersten drei Teile des Orato­riums. So werden die rund zweieinhalb Stunden des Gesamt­werks auf gerade mal knappe anderthalb Stunden gekürzt. Sehr angenehm. Und weil es keinen Bass gibt, werden die Bass-Arien halt durch Sopran-Arien ersetzt. Was gibt es Schöneres als Fantasie in der Musik? Und bei der Echo-Arie … aber davon gleich. Zunächst einmal eröffnet Tenor Lothar Blum als Evangelist seine schöne Erzählung. Schön in dem Sinne, dass er es nicht mit dem Rezitativ-Klang übertreibt, sondern gleich­zeitig um Textver­ständ­lichkeit bemüht ist. Hier aller­dings begräbt dann doch die Akustik bei allen Betei­ligten jede Hoffnung. Das ist auch bei Ekaterina Somicheva nicht viel anders, die ihren Sopran wunderbar abmildert und sich stimmlich ganz hervor­ragend in das Gesamt­gefüge einpasst. Wie es überhaupt wohl der Haupt­ver­dienst Porizkos ist, als Dirigentin eine absolut ausge­gli­chene Balance herzu­stellen. So etwas hört man sonst nur, nachdem die Tonmeister der öffentlich-recht­lichen Hörfunk­sender an ihren Reglern in den Übertra­gungs­wagen gewirkt haben. Die gibt es hier übrigens nicht. Anderes Thema. Stella Antwerpen vollbringt als Altistin eine Glanz­leistung. Einmal mehr zeigt sie eine wunderbare Facette ihres Stimm­ver­mögens, wenn sie weich und rund wie eine Perle ihre Stimme erklingen lässt. Der Höhepunkt ist sicher erreicht, wenn sie von der Geigerin Maria Krivenko begleitet wird. Auch der Chor geht deutlich über die Erwar­tungen an einen kleinen Kirchenchor hinaus. Das liegt nicht nur an den stimm­lichen Fähig­keiten, sondern auch an den Anfor­de­rungen, die Porizko bereits bei der Matthäus-Passion an die Choristen gestellt hat. Jeder einzelne ist hier mit außer­ge­wöhn­lichem Engagement dabei.

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Es ist kein Geheimnis, dass Somicheva sich neben ihrer Arbeit in der Flücht­lings­hilfe engagiert. Tag für Tag ist sie aufs Neue entsetzt, was die russische Armee gerade in der Ukraine veran­staltet. Als sie Veronika kennen­lernt, muss sie das sofort Porizko erzählen. Denn Veronika ist ein Mädchen, dem die Flucht aus der Ukraine gelungen ist. Neun Jahre ist sie, aufge­weckt und abenteu­er­lustig. Nein, perfekt sei ihr Deutsch noch nicht, sagt sie – herrlich. Aber was sie noch nicht versteht, leitet sie aus Gesten und Hinweisen ab. Und wer dabei in ihre Augen schaut, die voller Neugier in die unbekannte Welt schauen, kann nur noch dahin­schmelzen. Ein kurzes Vorsingen bringt ihr die Rolle des Echos bei der Echo-Arie ein. Ganz vertieft verfolgt sie die Partitur, so dass sie fast ihren ersten Einsatz verpasst, aber jedes folgende Nein und Ja klingt präziser. Und wenn sie nach der Aufführung noch schnell ein wenig auf dem Cembalo spielt, muss man sie ins Herz schließen.

Während andere Dirigenten ruhig, entspannt und gelassen ans Pult treten, nachdem ihre Assis­tenten die Vorarbeit geleistet haben, hat Porizko die Verhand­lungen mit dem Presby­terium über die Durch­führ­barkeit der Aufführung geführt, das Programm zusam­men­ge­stellt, den Chor einstu­diert, Solisten und Orchester gefunden und einge­laden, das Marketing in die Hand genommen, ach ja, und dirigiert. Und das alles, damit das Publikum sich am Ende des Abends von den Plätzen erhebt, um sehr, sehr lange zu applau­dieren. Da ist die Zugabe mit Jauchzet, frohlocket bewusst gewählt. Denn egal, wie es gerade in der Welt aussieht, käme Porizko nicht auf die Idee, an der Kraft der Musik zu zweifeln. Gut so.

Michael S. Zerban

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