O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bilder ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Monika Rittershaus

Wagner im Kinderzimmer

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
10. Dezember 2022
(Premiere am 25. November 2022)

 

Komische Oper Berlin

Kann man die Adjektive lustig, slapstick­artig und farbenfroh auf eine Insze­nierung von Der fliegende Holländer anwenden? Man kann, spätestens wenn man eine Aufführung an der Komischen Oper Berlin unter der Regie von Herbert Fritsch und unter der musika­li­schen Leitung von Dirk Kaftan besucht.

Ein überdi­men­sio­nales, dunkel­rotes Schiff mit einem Segel im Stil eines Kinder­spiel­zeugs füllt die Mitte der Bühne. Es ist von hohen, leuchtend grünen Wänden umgeben, die die norwe­gi­schen Fjord­klippen darstellen, die von Wagners Helden besungen werden, aber ebenso die Wohnstube von Daland.  Das Schiff wird entweder von der Daland­schen oder der Mannschaft des Holländers gesteuert und führt durch die stürmi­schen Gewässer und emotio­nalen Wellen der Musik. Das ebenfalls von Herbert Fritsch entworfene Bühnenbild wird von Carsten Sander drama­tisch beleuchtet und wechselt die Farben mit den jewei­ligen Stimmungs­ebenen – auf gelbe Horizonte folgen beispiels­weise magenta- und rosafarbene Panoramen. Bettina Helmi steuert Kostüme bei, die von stili­sierten Matro­sen­an­zügen für die Männer über Puder­quasten mit Schleifen und Schürzen für die norwe­gi­schen Frauen bis hin zu einem verdros­senen Shabby-Chic-Stil für die Schein­toten im Holländer-Schiff reichen.

Foto © Monika Rittershaus

„Der Mythos um Richard Wagner und seine Werke ist mit unerbitt­licher Ernst­haf­tigkeit überfrachtet. Ich wollte Wagner zurück ins Kinder­zimmer bringen“, beschreibt Fritsch seinen Ansatz. Das hat er auch getan. Und in der Tat gelingt es ihm, den Kern des Dramas freizu­legen, indem er ihn durch Charak­te­ri­sie­rungen, die stets überdreht sind, wie bei einem fröhlich-verspielten Theater­stück für Kinder darstellt. Die Körper­sprache der Figuren ist von übertrie­bener Mimik und Grimassen geprägt. So wird beispiels­weise der musika­lische Sturm der Ouvertüre in den ballett­ar­tigen Bewegungen der Matrosen ausge­drückt, die sich auf der Bühne hin und her wälzen, um den Sturmböen nachzugeben.

Hinzu kommt eine Besetzung, die sich dem Konzept des Regis­seurs sichtlich erfreut hingibt und mit Engagement umsetzt. Bariton und Ensem­ble­mit­glied Günter Papendell hätte in der Titel­rolle vielleicht von einer tieferen Stimmlage profi­tieren können, aber seine Darstellung als Karikatur vom Kapitän Jack Sparrow aus Fluch der Karibik passt zur Rolle. Allein sein Kostüm trägt zur Person des verfluchten Kapitäns bei: eine androgyne Aura, die durch orange­farbene Dread­locks, ein weißes Gesicht und barocken Shabby-Chic noch verstärkt wird. Tijl Faveyts wird als oppor­tu­nis­ti­scher und flotter junger Kapitän einge­setzt. Auch er ist stimmlich etwas zu leicht für einen erfah­renen Daland, aber seine Verkör­perung von jemandem, der seine Großmutter – in diesem Fall Tochter Senta – für den richtigen Preis verkaufen würde, passt ins Profil. Brenden Gunnell als Erik ist eine echte Berei­cherung für die Produktion. Sein Tenor hat einen metal­li­schen Kern, den er zu formen versteht, um seine echte emotionale Angst bei dem Gedanken, Senta zu verlieren, zu vermitteln. Caspar Singh wirkt überzeugend in seiner schau­spie­le­ri­schen Inter­pre­tation des Steuer­manns, aber sein heller Tenor leidet unter Intonationsunsicherheiten.

Eine erfolg­reiche Holländer-Aufführung hängt stark von der Besetzung der Senta ab. Daniela Köhler ist eine gute Wahl. Einer­seits kann sie ihre Spitzentöne sicher und kraftvoll vortragen, anderer­seits bereiten ihr die Tiefen keine Probleme. In einem orange­far­benen Rüschen­kleid ist sie der strah­lende Mittel­punkt des Abends und lässt nie vergessen, dass sie nach ihren eigenen Regeln lebt, in diesem Fall, indem sie sich in ein lebens­großes Porträt des mytho­lo­gi­schen Holländers – gemalt von Charlie Casanova – verliebt. Karolina Gumos‘ Mary ist stimmlich und drama­tur­gisch blass im Vergleich zu der ansonsten starken Besetzung.

Foto © Monika Rittershaus

Ein beson­deres Lob geht an den Chor und die Statisten der Komischen Oper und des Vocal­consort Berlin: Sie stürzen sich in ihre Rollen und rollen teilweise buchstäblich auf dem Boden herum, was ihnen sichtlich Spaß bereitet. Jegliches Pathos wird zugunsten von varie­té­haftem Überschwang und chaplinesken Charak­ter­skizzen ausge­trieben. Die gespens­tische Besatzung des Holländer-Schiffes erfreut mit einzelnen schau­spie­le­ri­schen Vignetten eines Sammel­su­riums von grotesken Typen.

Das Orchester unter der Leitung von Dirk Kaftan versucht durchweg, dessen schnellem Taktstock zu folgen, mal besser, mal schlechter. Tatsächlich lässt Kaftan vom ersten Takt an nicht locker, weder im Tempo noch in der Lautstärke. Die Sänger singen großen­teils an der Rampe, so dass sie keine Probleme haben, in den Saal zu proji­zieren und über das Orchester zu singen. Ein bisschen weniger Lautstärke und ein etwas diffe­ren­zier­terer orches­traler Ausdruck könnte nicht schaden.

Das Publikum applau­diert diese bissige, unpathe­tische und übertriebene Insze­nierung, die dann doch mit einem gewissen Happy End abschließt. Dazu kommt noch eine launige und unkon­ven­tio­nelle Reihen­folge des Applauses, als der Chor einen kleinen Tanzschritt macht und dann das gesamte Ensemble in einem fröhlichen Karussell das Schiff umrundet. Das mag keine endgültige Inter­pre­tation des Fliegenden Holländers gewesen sein, aber sie hat definitiv ihre Vorzüge.

Zenaida des Aubris

Teilen Sie O-Ton mit anderen: