O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Das Danach ist die Apokalypse

DRAUßEN VOR DER TÜR
(Wolfgang Borchert)

Besuch am
15. Januar 2023
(Premiere im August 2021)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Gerade wollte man sich an den Namen AmVieh-Theater für das kleine Theater am Viehofer Platz in Essen gewöhnen, da ist schon wieder alles anders. Ob alles besser wird, wird man sehen. Die Zuver­sicht der neuen Betreiber – Dominik Hertrich, Jens Dornheim und Christian Freund – ist groß, auch wenn sich der Hang zur Größe nicht unbedingt im neuen Namen ausdrückt. Aus dem Theater ist nun ein Kanin­chenbau geworden – und damit die Essener es nicht gleich merken, hat man sich für den engli­schen Begriff rabbit hole entschieden. Das Rabbit-Hole-Theater hat nun seinen Betrieb aufge­nommen. Zur Eröffnung unter neuem Namen gibt es eine Wieder­auf­nahme aus dem Jahr 2021. Damals, im Juli oder August, dazu gibt es unter­schied­liche Angaben, fand die Premiere eines geschichts­träch­tigen Stücks statt.

Foto © O‑Ton

Am 13. Februar 1947, einem Donnerstag, strahlte der Radio­sender NWDR das Hörspiel Draußen vor der Tür aus und traf mit dem Stück vom Kriegs­heim­kehrer Beckmann den Nerv der Zeit. Der bis dahin unbekannte Autor Wolfgang Borchert war fortan in aller Munde. Viel Glück sollte es ihm nicht bringen. Einen Tag vor der Urauf­führung am 21. November desselben Jahres in den Hamburger Kammer­spielen starb er im Alter von 26 Jahren. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will lautete der Unter­titel des Werks – und da sollte Borchert gründlich irren. In den Folge­jahren gab es weltweit eine Unmenge von Auffüh­rungen und Inter­pre­ta­tionen. Nie zuvor hatte sich jemand nach einem Krieg darum gekümmert, was aus denen wurde, die als Kinder in den Krieg zogen und als junge Männer, häufig genug nach einer jahre­langen Kriegs­ge­fan­gen­schaft, heimkehrten. Und plötzlich gab es diesen einen, der aus Sibirien zurück­kehrte. Nicht mehr in eine Gesell­schaft hineinfand, die längst mit dem Wieder­aufbau beschäftigt war und keine Zeit hatte für Menschen, die aus einer Vergan­genheit auftauchten, die alle verdrängten, und eigentlich dringend der Hilfe bedurft hätten. Und der stellt Fragen über Fragen, klagt an, verlangt, seiner Verant­wortung im Krieg entbunden zu werden. Wie soll man mit so einem umgehen? Da hat doch niemand Antworten.

Beinahe wäre das Stück in Verges­senheit geraten. Nach so vielen Jahren Frieden. Aber es gibt in Europa keinen Frieden mehr. Weil ein Irrer in Russland glaubt, er könne seine Allmachts­fan­tasien ausleben, sterben täglich Menschen in einem völker­rechts­wid­rigen Angriffs­krieg. Wird der Krieg eines Tages beendet sein, werden wieder viele junge Männer in ihr Heimatland zurück­kehren und versuchen, einen angestammten oder neuen Platz in der Gesell­schaft zu finden. Wieder wird die Antwort lauten: Sie werden keinen finden. Als Christian Freund und Dominik Hertrich damit begannen, sich mit dem Stück zu beschäf­tigen, konnte noch niemand wissen, dass Präsident Wladimir Putin eine „militä­rische Sonder­aktion“ plante. Ein Glücksfall. Denn so konnten auch keine aktuellen Bezüge in ihre Insze­nierung einfließen.

Foto © O‑Ton

Die Umbenennung des Theaters hat an den Räumlich­keiten nichts geändert. Gut, die Wände sind ein wenig schwärzer geworden, aber nach wie vor gibt es Platz für rund 40 Besucher und die Bühne ist so groß wie zuvor. Da ist kein Platz für all die Personen, die Beckmann begegnen. Auch für große Ortswechsel, sprich Umbauten ist kein Raum vorge­sehen. Also erinnert die Bühne eher an ein Wohnzimmer mit einem bequemen Lehnsessel und einem Klavier. Allein eine weiße Folie mit einem Erdhaufen wird den Elbestrand symbo­li­sieren. Sofern die Personen nicht imaginär bleiben, werden sie von Hertrich verkörpert. Freund bleibt Beckmann, und das ist gut so. Das Spiel ist ausge­wogen, intensiv, übertreibt aber nicht und berührt genau so die Zuschauer. Abgerundet wird der Abend durch musika­lische Einlagen an Klavier und Gitarre. Da gibt es den Walzer für Niemand von Sophie Hunger aus dem Jahr 2008, der das Stück ebenso im Kern trifft wie Marek Grechuta, der 1972 Wichtig sind Tage, die unbekannt sind kompo­nierte. Prinzi­piell begrü­ßenswert ist auch, dass der Universal Soldier von Donovan in deutsch­spra­chiger Fassung angeboten wird, aller­dings ist hier in der Inter­pre­tation an diesem Abend noch deutlich Luft nach oben.

Man darf wohl getrost davon ausgehen, dass Draußen vor der Tür in der kommenden Zeit wieder häufiger aufge­führt werden wird. Hertrich und Freund haben hier schon mal gezeigt, wie man es überzeugend mit kleinem Aufwand, aber viel Fantasie auch auf eine kleine Bühne bringen kann. Im Rabbit-Hole-Theater ist das Stück erst mal abgespielt. Hier geht es am kommenden Wochenende mit Amsterdam weiter, einer nach eigenen Angaben der bisher aufwän­digsten Produk­tionen am Viehofer Platz. Und am 3. Februar wartet mit Kassandras Fall das nächste Stück von Christian Freund auf die Zuschauer.

Michael S. Zerban

Mögli­cher­weise könnte Sie auch dieser Beitrag über eine Produktion von Christian Freund inter­es­sieren.

Teilen Sie O-Ton mit anderen: