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LA CLEMENZA DI TITO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
15. Februar 2023
(Premiere am 28. Januar 2023)
Titus – Vorbild eines gütigen Herrschers? Der historische Titus Vespasianus, römischer Kaiser, war das sicher nicht, galt er doch als Zerstörer Jerusalems und grausamer Schlächter. In Mozarts Oper La clemenza di Tito von 1791, die am 6. September anlässlich der Krönung von Leopold II. zum böhmischen König in Prag aufgeführt wurde, wird die These vom Erfolg einer Herrschaft durch Güte, an die das Werk appelliert, am Schluss in Frage gestellt. Vielleicht deshalb wurde diese letzte Oper Mozarts – drei Monate später starb er – auch von der Hofgesellschaft nicht unbedingt geschätzt. Dazu kam noch, dass er das bewährte Stück von Metastasio von 1734, das schon von vielen Komponisten vertont worden war, von Caterino Mazzolà hatte umdichten und verändern lassen. Doch später, ab 1794, erzielte diese Opera seria, die in vielem nicht mehr dem Schema des Genres entsprach, etwa in der Reduzierung auf zwei Akte, in Wien großen Beifall, auch dadurch, dass sie „modernisiert“ wurde und schließlich neue Arien und Duette eingefügt wurden. Das „Original“ Mozarts aber wirkt in seiner musikdramatischen Struktur, der Schärfe der Personenprofile und der Betonung der Affekte auch heute noch besonders eindrucksvoll.
In der Blauen Halle des Mainfranken-Theaters Würzburg wird das durch die Regie von Clara Kalus unterstrichen. Die Inszenierung führt das Geschehen der Oper näher an unsere Zeit, unser Verständnis heran. Durch die Kostüme von Katharina Weissenborn spielt alles in einem unbestimmten Heute; hier kontrastieren „helle“ Personen, also Sextus und Servilia in weißer Kleidung mit „dunklen“ Leuten des Kaiserhofs in Schwarz. Seine herausragende Vertreterin ist Vitellia in einem hocheleganten, großen Kleid; darunter aber trägt sie schwarze Lederhosen. Erst als sie ihre Schuld bekennt und ein weißes Brautkleid überstülpt, ändert sich auch ihr Verhalten. Allein Titus scheint als Privatperson schwerer zuzuordnen, ähnlich wie Annius, Angestellter bei Hofe. Nur mit Krone und pelzverbrämtem, zeremoniellem Mantel stellt Titus sich als Kaiser dar. Im ersten Akt spielt sich alles vor oder hinter einem transparenten dunklen Faden-Vorhang ab, der nur unscharf die private Sphäre der Macht verhüllt, einen Saal mit großem Tisch mit einer Obstschale und Äpfeln darauf und Sitzgelegenheiten. Im zweiten Akt aber, nach der Revolution und dem Brand Roms, den Sextus auf Verlangen Vitellias, der er hörig ist, angestiftet hat, weitet sich der Saal zu einem rechteckigen Raum mit hellem Vorhang hinten; der Tisch wird zu einer Tafel für ein Fest dekoriert. Die inneren Konflikte und das Ringen um Entscheidungen werden hervorgehoben im Bühnenbild von Dieter Richter durch einen Steg ins Publikum hinein mit einer Plattform für die Auftritte; darauf äußern sich die Personen zu ihren seelischen Kämpfen und ihren verdeckten Wünschen in Arien und begleiteten Rezitativen, und das betont die Bedeutung der Affekte in Mozarts Musikdrama. Ansonsten finden die Rezitative, die die Handlung vorantreiben, eher im Raum der Macht, also hinten statt. Seitlich auf der Bühne ist auch das Basso continuo mit Hammerklavier, Silvia Vassallo Paleologo, und Cello, Matthias Steinkrauß, platziert, und das Orchester, geteilt in Bläser links und Streicher rechts, sitzt sichtbar unten. Das ergibt einen sehr pointierten, akzentuierten Klang.

Die Nähe zum Publikum aber verlangt den Sängern sehr viel ab, auch in der überzeugenden Gestaltung, in Mimik und Gestik, steigert aber die lebendige Darstellung. Unterstützt wird die Aussage auch durch gelegentliche, wie zufällig erscheinende Videos. Während der Ouvertüre erfährt man auch etwas über die Vorgeschichte, über eine missglückte Brautschau des Titus, hinter dem Vorhang in einer stummen Szene. Vitellia, die unbedingt als Gemahlin des Kaisers auf den Thron will, wird abgewiesen, und stiftet aus unversöhnlichen Rachegelüsten Sextus zum Attentat auf Titus und zum Brand Roms an. Der wird durch einen Knall und flirrende Stroboskopeffekte angedeutet, durch den angenehm ausgewogen singenden Chor, einstudiert von Sören Eckhoff, mit Totenmasken und die Totenglocke. Dieses Ende des ersten Akts gleicht in gewisser Weise dem Bild des zweiten Akts am Schluss der Oper trotz eines Huldigungschors vorher; nicht Freude über die Gnade des Herrschers an den Verschwörern macht sich unter dem Volk breit, sondern auch noch unterstrichen durch eine Pistole, die von Hand zu Hand gereicht wird, ist deutlich, dass der Friede brüchig ist. So endet alles mit der flehenden Bitte an die Götter, das Glück zu bewahren. Mit all dem ist Mozart wohl neue Wege gegangen.
Schon die Ouvertüre, die keine Motive der Oper zitiert, dient nur der Einstimmung auf die Emotionen, die Affekte, die dann vor allem in den Arien zum Ausdruck kommen. Gábor Hontvári am Pult des etwas verkleinerten Philharmonischen Orchesters Würzburg leitet überlegt, lässt bewusst den höfischen Marsch etwas bedächtig angehen, eilt dann aber bei den schnellen, etwas verhuschten Geigenfiguren, um das Erregende hervorzuheben; vor allem die exzellenten Bläser begeistern im Verlauf des Abends; ihnen hat Mozart ja wichtige hinweisende Funktionen zugewiesen, etwa der Bassklarinette, die Vitellias Auftritte begleitet. Titus wird als zerrissener, unentschlossener Charakter geschildert, und Roberto Ortiz kann ihn bestens darstellen, menschlich eigentlich ungerührt, aber mit seinem Kokettieren nach einem einfachen Leben und dem Missverständnis, dass er Milde für echte Liebe hält und so eigentlich alle Konflikte provoziert; sein hell-kräftiger Tenor mit sicheren Höhen zeichnet dieses Bild eines unreifen Machthabers überzeugend nach.

Auch Vitellia ist ein Machtmensch, benutzt die anderen für ihre Zwecke, vor allem Sextus mit dem Versprechen auf Liebe. Silke Evers überstrahlt in dieser Rolle mit ihrem glänzenden Sopran alles. Schon die Arie Deh se piacer und das Rondo Non più di fiori begeistern mit der Vielfalt an farblichen Schattierungen, bravourösen Höhen und guten Tiefen; so kommt ihr komplexer Charakter zwischen Verführung, Schmerz und Verzweiflung bestens zur Geltung. Ihr Gegenpol, die ehrliche, freundliche Servilia, Akiho Tsujii, verleiht der jugendlich reinen Gestalt mit ihrem hellen Sopran die nötige Unschuld. Sie liebt und wird geliebt von Annius, der als treuer Untertan seines Kaisers auch auf sie verzichten will, und Barbara Schöller gibt ihm mit ihrem ausgewogenen, angenehm klingenden Mezzosopran viel Überzeugungskraft.
Die Schlüsselfigur der Oper aber ist Sextus. Vero Miller spielt ihn sehr glaubhaft in seiner Zerrissenheit zwischen sexueller Abhängigkeit von Vitellia und Bewunderung für den Kaiser. Die Mezzosopranistin verfügt dazu über eine kraftvolle, in Höhe wie Tiefe runde Stimme, die alle Facetten von Gefühlen ausdrücken kann; besonders gelungen die Arie Parto, ma tu ben mio. Das Personal der Oper vervollständigt Publius, Ihor Tsarkov, mit sicherem Bass als ungerührter Vollstrecker der Befehle seines Herrn. Dass es bald mit dessen Milde vorbei ist, deutet am Ende der schwarze Ledermantel des Titus an.
Das Publikum in der gut besetzten Theaterfabrik ist ob der spannenden und musikalisch beeindruckenden Darbietung sehr begeistert, jubelt laut und lang und fordert alle Mitwirkenden immer wieder auf die Bühne. Schade, dass die Oper in Würzburg zu wenig gegeben wird.
Renate Freyeisen