O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Hanna Schörken, Robert Beck, Daniela Petry und Maria Trautmann (v.l.n.r.) - Foto © O-Ton

Einander unbekannt

UNTERBRECHUNG
(Impro­vi­sation)

Besuch am
15. März 2023
(Einmalige Aufführung)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Man darf wohl ohne Zweifel behaupten, dass Daniela Petry zu den kreativsten Kontrabass-Spielern der Gegenwart gehört. Neben und mit ihrem eigenen Ensemble Gruppe Moment ist sie ständig auf der Suche nach neuen musika­li­schen und theatra­li­schen Begeg­nungs­formen. Mal geht es darum, Tanz, Theater und Musik in nicht gekannter Weise zu kombi­nieren, immer aber darum, zeitge­nös­sische Musik zu präsen­tieren. Petrys neues großes Projekt wird am 24. Juni auf Zeche Zollverein statt­finden: Beim Festival Extra­schicht wird es eine Konzert-Perfor­mance mit elektro­akus­ti­scher Beschallung der Umgebung geben. Eine öffent­liche Probe ist bereits am 14. April ebenda vorge­sehen. Bis dahin ist noch viel Zeit für Konzerte. Und so können die Berliner Petry während des Performing Arts Festivals erleben, das vom 30. Mai bis zum 4. Juni stattfindet.

Daniela Petry – Foto © O‑Ton

Jetzt aber gibt es erst mal eine neue Folge ihrer Labor­be­geg­nungen. Für die Labor­be­geg­nungen ist das Rabbit-Hole-Theater am Viehofer Platz in Essen das „Wohnzimmer“. Nach den Vorstel­lungen von Kassandras Fall am voran­ge­gan­genen Wochenende ist der kleine Saal wieder in gewohnter Weise herge­richtet. Nur dass sich dieses Mal nicht so viele Zuschauer einfinden. Aber wen wundert das an einem Mittwoch­abend? In den Labor­be­geg­nungen, die Petry als Experi­men­tierfeld sieht, treffen Künstler aufein­ander, die sich bislang nicht kannten, sofern sie nicht der Gruppe Moment angehören. Hier wird eine Musik gefeiert, die in Deutschland abseits der Jazz-Szene wenig bekannt ist. Unter einer musika­li­schen Impro­vi­sation versteht man eine Form musika­li­scher Darbietung, die in der Ausführung selbst entsteht. Der spontane Einfall und die Inspi­ration stehen im Vordergrund.

Dass sich die Impro­vi­sation unter Musikern keiner sonderlich hohen Beliebtheit erfreut – und deshalb vom Publikum vergleichs­weise selten zu erleben ist – hängt damit zusammen, dass eine Impro­vi­sation zwar grund­sätzlich von jedem geleistet werden kann, aber um daraus ein Fest zu machen, erfordert es dann doch Quali­fi­ka­tionen, die nicht jeder Musiker zu leisten im Stande ist. Neben der Beherr­schung des eigenen Instru­ments einschließlich der Stimme ist auch die Kenntnis der musika­li­schen Parameter und ihrer Gesetz­mä­ßig­keiten im gefor­derten Genre erfor­derlich sowie, und das ist wohl das entschei­dende Kriterium, das Potenzial, damit kreativ umzugehen.

Damit scheiden Impro­vi­sa­tionen im Orchester quasi aus, wird hier – gerade im klassi­schen Betrieb – doch eher so etwas wie Werktreue zum bestehenden Reper­toire verlangt. Da wird Impro­vi­sation schnell zum fehler­haften Spiel abqua­li­fizert. Ganz anders am heutigen Abend, den Petry unter dem Titel Unter­bre­chung veran­staltet. Einge­laden hat sie dazu drei weitere Musiker. Hanna Schörken studierte zunächst englische und franzö­sische Literatur in Bonn, verlegte sich aber schnell auf die frei impro­vi­sierte Musik, setzte ihre Studien in Holland, Osnabrück, Lyon und Köln fort. Heute arbeitet sie als Sängerin im Bereich der frei impro­vi­sierten Musik, Jazz und elektro­ni­scher Musik. Mag ein Kontrabass und Stimme noch zusam­men­gehen, wird es schon bei der Posaune ungewöhnlich. Maria Trautmann studierte Jazz-Posaune an der Folkwang-Univer­sität der Künste in Essen. Ebenfalls an der Folkwang-Uni erwarb Robert Beck sein Wissen um das Spiel der Klari­nette. Sein Master­studium absol­vierte er in Berlin. Seither beschäftigt er sich auch mit der elektro­ni­schen Musik. Ein ungewöhn­liches Quartett, das hier heute Abend mit einer Impro­vi­sation antritt. Und vielleicht noch ungewöhn­licher: Die vier haben zuvor nicht geprobt. Beck haben die Frauen erst an diesem Abend kennengelernt.

Robert Beck – Foto © O‑Ton

Auch für die Impro­vi­sation ist ein Konzept hilfreich. Das gibt Petry denkbar vage vor. Schön wäre, wenn sie es auch im Vorfeld dem Publikum erklärte. Das aber bleibt im Ungewissen darüber, dass hier Klang­flächen erarbeitet werden, die von den Solisten immer wieder durch­brochen werden und damit eine Richtungs­än­derung erfahren. Das klingt in der Theorie recht trocken, wird aber in der Praxis zu einem Erlebnis, bei dem eine halbe Stunde wie im Flug vergeht. Hier entsteht tatsächlich neue Musik, von der man sich wünschte, dass sie erhalten bliebe. Einen wesent­lichen Teil bestreitet Schörken, die aus ihrer Stimme tatsächlich ein Instrument macht, das im Wesent­lichen ohne Worte auskommt. Dass die vier über ausrei­chend Erfahrung auf dem Gebiet der Impro­vi­sation verfügen, wird schnell klar. Keiner drängt sich hier in den Vorder­grund, statt­dessen versuchen Beck auf B- und Bass-Klari­nette, Trautmann mit gekonnter Zurück­haltung und Petry unter Einbe­ziehung aller Teile ihres Kontra­basses, eine Balance herzu­stellen, in der die Instru­mente einschließlich der Stimme gleich­be­rechtigt erscheinen.

Ein wunder­bares Erlebnis, das eigentlich schon beendet ist, als Katina, ein Gast, inter­ve­niert. Was wäre, wenn der Kontrabass die Führung in der Impro­vi­sation übernimmt? Will sie per Zwischenruf wissen. Petry lässt sich darauf ein, verwendet ihr Instrument nun nicht mehr zum Saiten­spiel, sondern als Resonanz­körper für die Perkussion, Schörken und Trautmann ziehen nach einigem Zögern mit, während Beck mit seiner Elektronik kämpft, die er eigentlich hinter­her­schieben wollte. Am Ende aber ist er es, der den Gig zum überzeu­genden Schluss bringt.

Wie im Kanin­chenloch am Viehofer Platz üblich, verweilen die Gäste noch lange, um über die so hervor­ra­gende wie ungewöhn­liche musika­lische Leistung des Abends zu disku­tieren, so kurz sie aus Sicht des herzlich applau­die­renden Publikums auch gewesen sein mag. Den nächsten Besuch des Rabbit-Hole-Theaters sollte man sich für Karfreitag vormerken, wenn Dominik Hertrich den Monolog des Judas nach dem Text Lot Vekemans‘ in Klavier­be­gleitung von Danny-Tristan Bombosch vorträgt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: