O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Peter Wieler

Pianistische Virtuosität und orchestrale Musikalität

LUCAS UND ARTHUR JUSSEN
(Felix Mendelssohn Bartholdy, Sergei Prokofjew)

Besuch am
13. Mai 2023
(Einmalige Aufführung)

 

Klavier-Festival Ruhr, Histo­rische Stadt­halle Wuppertal

Die Brüder Lucas und Arthus Jussen aus den Nieder­landen – geboren am 27. Februar 1993 und 28. September 1996 – werden trotz oder wegen ihres recht jungen Alters allerorts qua ihrer pianis­ti­schen Quali­täten hochge­jubelt. „Es ist, als würde man zwei BMW gleich­zeitig fahren“, sagt Dirigent Michael Schøn­wandt über die beiden. Deswegen sorgen sie im Konzert­leben für Furore. Überall werden sie herum­ge­reicht. So kommt das Duo mittler­weile zum fünften Mal zum Klavier-Festival Ruhr, in diesem Zusam­menhang zum zweiten Mal nach Wuppertal in den bis auf wenige Sitze ausver­kauften Großen Saal der Histo­ri­schen Stadthalle.

Vielleicht sind es keine Nobel­ka­rossen aus Bayern, sondern zwei Formel-1-Rennwagen, die an diesem Abend zu erleben sind. Jugendlich-drauf­gän­ge­risch, als können sie es nicht abwarten, loszu­legen, erscheinen die Jussens auf der Bühne. Ein klein wenig müssen sie sich aber noch gedulden, bis sich das WDR-Sinfo­nie­or­chester auf den Kammerton der Flügel einge­stimmt hat. Dann aber legen sie sich mächtig ins Zeug und wirbeln mit ihren 20 Fingern über die beiden Klavia­turen, dass einem schwin­delig werden könnte. Die wiesel­flinken 32-stel-Läufe, rasend schnellen Akkord­bre­chungen und Begleit­fi­guren perlen lupenrein, sei es allein, direkt nachein­ander oder im Unisono. Diese über weite Strecken hochgradig schweren Klavier­pas­sagen in Feix Mendelssohn Bartholdys Konzert für zwei Klaviere und Orchester in E‑Dur kommen völlig unver­krampft, wie spiele­risch leicht vorge­tragen daher, als seien sie nicht mehr als schlichte Finger­übungen. Das Publikum ist ganz aus dem Häuschen, huldigt sofort nach dem letzten Ton den Jussens mit nicht enden wollenden, stehenden Ovationen. Als Dank setzten sie sogar noch eins drauf. Für Tasten­löwen hat der 1969 in Baden in der Schweiz geborene Pianist Igor Roma Straus­sein­ander kompo­niert, eine Paraphrase über die Operette Die Fledermaus für zwei Klaviere aus der Feder von Johann Strauss. Denn hierbei handelt es sich um ein reines Virtuo­sen­stück erster Güte. Erst recht entfachen hier die Brüder ein wahres tasten­akro­ba­ti­sches Feuerwerk. Kein Wunder, dass die Zuhörer darauf genauso reagieren wie zuvor. Fazit: Hinsichtlich atembe­raubend-perfekter Virtuo­sität auch im Zusam­men­spiel macht dem Klavierduo Jussen so schnell wohl kaum jemand etwas vor.

Doch leider lässt an diesem Abend beim Doppel­konzert die Musika­lität der pianis­ti­schen Technik den Vortritt. Mendelssohn Bartholdy schuf dieses Werk im Alter von vierzehn Jahren für sich und seine Schwester Fanny, die wie er grandios mit dem Klavier umgehen konnte. Er schenkte es ihr höchst­wahr­scheinlich zum Geburtstag. Dreizehn Jahre nach seinem Tod wurde es noch einmal aufge­führt. Danach verschwand es für rund 100 Jahre in der Versenkung. Anfang der 1950-er Jahre kam dann im Rahmen von Bücher­schmug­gel­ge­schäften zwischen Ost- und Westberlin eine Mikro­film­auf­nahme dieses und des anderen Doppel­kon­zerts nach New York. Seitdem wird das Werk wieder gerne gespielt. Vieles steckt in dem E‑Dur-Werk. Zum einen sind die Einflüsse von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Johann Nepomuk Hummel und Ignaz Moscheles unver­kennbar. Dann ist es reich an melodi­schen Einfällen. Große tonsatz­tech­nische Handwerks­kunst wird außerdem deutlich wie verschach­telte Fugatos, mehrstimmige Engfüh­rungen oder sehr komplexe Verar­beitung von Themen. Auch die technische Brillanz ist gerade in den Ecksätzen bewusst hinein­kom­po­niert. Sie steht bei dieser Aufführung weit mehr im Vorder­grund als die anderen erwähnten Feinheiten. Auch der Kontrast zwischen den schwär­me­ri­schen Zügen des einen Klavier­parts zu dem wesentlich zupacken­deren Charakter des anderen im Binnensatz könnte deutlicher heraus­ge­ar­beitet werden.

Foto © Peter Wieler

Dessen ungeachtet ist das WDR-Sinfo­nie­or­chester unter der im gesamten Verlauf des Konzerts umsich­tigen, präzisen und allzeit verläss­lichen Leitung von Krzysztof Urbański sehr aufmerk­samer Begleiter. Dank seiner sensibel dosierten Dynamiken sorgt es dafür, dass selbst im lauten Tutti die Klavier­klänge stets im Vorder­grund stehen. Mit schönen runden, fein abgestuften Klängen gestaltet es zuvor den Elfentanz, Rüpeltanz oder die könig­lichen Jagdfan­faren in Mendelssohn Bartholdys populärer Ouvertüre Ein Sommer­nachts­traum, opus 21.

Die drei Suiten Romeo und Julia mit den Opuszahlen 64a, 64b und 101 gehören mit zu Sergei Prokofjews wirkungs­vollsten Orches­ter­werken. Gerade die ersten beiden sind sehr beliebt. Sind sie drama­tur­gisch stringent aufgebaut, wirkt die dritte wie ein sanfter Nachklang. Sehr geschickt hat der Komponist die in seinem gleich­na­migen Ballett verwendete Musik auf knappe Sätze konzen­triert. Sie wider­spiegeln nicht den Ablauf des groß angelegten Tanzstücks wider, sondern sind eine musika­lische Verdichtung ohne direkte program­ma­tische Tendenz. Die Handlung ist also hier sehr verall­ge­meinert, dafür emotional vertieft. Zwölf Stücke daraus hat Urbański zu einer neuen, schlüs­sigen Suite zusam­men­ge­stellt, die mit Die Montagues und die Capulets beginnt und Julias Tod endet und die Länge einer normalen Konzert­hälfte einnimmt. Gerade bei dieser Aufführung wird das Orchester aus Köln seinem über die Landes­grenzen hinaus bekannten, hervor­ra­genden Ruf voll gerecht. Wie ein einziges Instrument klingen die einzelnen Orches­ter­gruppen, die fein aufein­ander abgestimmt sind. Die den Abschnitten innewoh­nenden, reich­hal­tigen, nuancierten Klang­bilder intonieren sie ausnehmend ausge­wogen und ergreifend. So kann man tief eintauchen in ein Wechselbad der Gefühle von himmel­hoch­jauchzend bis abgrundtief betrübt, von tänze­risch frohlo­ckend bis kontem­plativ ruhig.

Auch diese, in diesem Fall hochmu­si­ka­lische Darbietung wird vom Publikum begeistert aufge­nommen. Wieder gibt es zu Recht stehende Ovationen, die erst dann enden, als sich die Sinfo­niker zum Abschied die Hand geben.

Hartmut Sassen­hausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: