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Foto © Dovile Sermokas

Großes Publikum für eine Uraufführung

DALINDA
(Gaetano Donizetti)

Besuch am
14. Mai 2023
(Einmalige Aufführung)

 

Konzerthaus, Berlin

Das muss der Traum eines jeden Musik­wis­sen­schaftlers sein: In der ruhigen Atmosphäre der Bibliothek eines Musik­kon­ser­va­to­riums in verstaubten Büchern zu wühlen, auf Parti­turen von Gaetano Donizetti zu stoßen und festzu­stellen, dass es sich nicht um eine weitere Version von seiner Oper Lucrezia Borgia handelt, von denen es mehrere gibt, sondern um ein eigen­stän­diges Werk. Von der Handlung her ähnlich und mit Musik­pas­sagen, die stark an Lucrezia Borgia erinnern, aber dennoch eigen­ständig. Donizetti war ein sehr produk­tiver Komponist – er schrieb etwa 70 Werke – aber auch einer, der sich nicht scheute, sich selbst zu kopieren. So passierte es mit Dalinda Mitte der 1830-er Jahre in Neapel.

Insbe­sondere, wie in diesem Fall, musste das neue Werk Dalinda, basierend auf einem Libretto von Felice Romani, aufgrund der Zensur­be­stim­mungen in Neapel zur Zeit der Kompo­sition im Jahr 1838 überar­beitet werden. Der Zensor, ein aufrechter neapo­li­ta­ni­scher Bürger namens Francesco Ruffa, hatte entschieden, dass Giftmorde nicht politi­cally correct seien, und die Aufführung verboten. Donizetti legte die Partitur beiseite. Kurz darauf zog er nach Paris, wo man ihm mehr kreative Freiheit gewährte und er bessere Honorare erhielt.  Dalinda muss in den Wirren des Umzugs verloren gegangen und in den Archiven gelandet sein, wobei einige der Einzel­teile in den darauf­fol­genden Jahrzehnten sogar stück­weise verkauft wurden. Das Werk wurde nie aufgeführt.

Bis jetzt. Die Berliner Opern­gruppe führt eine halbsze­nische Fassung im Konzerthaus in Berlin auf. Eine Weltpre­miere also, nach 185 Jahren. Die einmalige Aufführung kam dank der akribi­schen Recherchen und der detek­ti­vi­schen Arbeit der Musik­wis­sen­schaft­lerin Eleonora Di Cintio zustande, die die Partitur wieder zusam­men­ge­setzt hat. Als sie, zusammen mit dem Donizetti-Spezia­listen Roger Parker, bereits 2019 an den diversen Versionen von Lucrezia Borgia arbeitete, entdeckte und identi­fi­zierte sie die diversen Teile als eigen­ständige Oper. Nun galt es, alles zusammen zu tragen – eine Arie wurde in den Archiven von Bergamo gefunden, eine andere in Paris, ein Teil in Neapel – und bearbeitete sie kritisch. Dank der jetzigen Veröf­fent­li­chung bei Casa Ricordi ist das Stück, das zur Urauf­führung nach Berlin gelangt, jetzt dem Opern­pu­blikum zugänglich. Pläne gibt es auch schon, die Oper in den nächsten Jahren als Kopro­duktion szenisch zu produ­zieren – in Bulgarien und anderorts.

Das Dreiecks­drama, das in Persien spielt, thema­ti­siert religiöse und soziale Intole­ranzen zwischen Muslimen und Christen zur Zeit der mittel­al­ter­lichen Kreuzzüge. Die Zensur stufte das Libretto nicht zuletzt wegen der Paral­lelen zu Lucrezia Borgia als sitten­widrig ein und lehnte es wegen seines „theatra­li­schen Terrors“ ab. Sie nahm Anstoß daran, dass die fränki­schen Ritter zu einem Friedensfest einge­laden werden, nur um beim Festmahl mit vergif­tetem Wein getötet zu werden.

Die Handlung ist kompli­ziert: Zur Zeit der Kreuzzüge ist Dalinda, die Tochter des Anführers der militanten Ismai­liten, mit Acmet, dem persi­schen Prinzen von Alamut, verhei­ratet. Sie hat jedoch einen unehe­lichen Sohn aus einer vorehe­lichen Liaison mit einem christ­lichen Ritter aus Franken. Der aus dieser Liebes­be­ziehung stammende Sohn Ildemaro wurde heimlich wegge­geben, um in einem Fischerdorf aufzu­wachsen, und christlich erzogen. Nun sucht er nach seiner leiblichen Mutter. Er trifft in den Gärten von Emessa ein, um an den Friedens­fei­er­lich­keiten nach drei Jahren Krieg zwischen Franken und Sarazenen teilzu­nehmen. Er hat den Hinweis erhalten, dass seine Mutter bei diesem Fest sein könnte. Dalinda erkennt ihren Sohn, als sie ihn schlafend findet, gibt sich ihm gegenüber aber nicht zu erkennen. Acmet begegnet den beiden und ist eifer­süchtig, weil er Ildemaro für Dalindas Geliebten hält, aber er lässt sich nichts anmerken. Als Ildemaro erwacht, fühlt er sich stark zu Dalinda hinge­zogen und ist verwirrt von diesen Gefühlen.  In der Zwischenzeit unterhält sich eine Gruppe fränki­scher Ritter über die von Dalinda bereits erteilten Befehle, Mitglieder ihrer Familien zu ermorden.  Als die Ritter Dalinda den Schleier abreißen, um sie für die Ermordung ihrer Verwandten anzuprangern, sinnt Acmet auf Rache an den christ­lichen Rittern. Alle sollen durch Gift sterben, auch und gerade Ildemaro, den er immer noch für den Geliebten seiner Frau hält. Am Ende gibt sich Dalinda als Mutter von Ildemaro zu erkennen. Zu spät: Ildemaro stirbt, während Dalinda ihm die Wahrheit gesteht. Gleichzeit ist ihr Geständnis ihre eigene Verur­teilung, und sie wird von der Gesell­schaft gesteinigt.

Foto © Dovile Sermokas

Angekündigt als halbsze­nische Aufführung, zeichnet Giulia Randazzo für das szenische Arran­gement verant­wortlich. Sie hat den Ort des Geschehens in den heutigen Iran verlegt.  Zugegeben, Randazzo hat wenig Platz auf der Bühne, vor den Musikern, aber die wenigen, banalen Bewegungen, die sie die Sänger ausführen lässt, tragen weder zum Verständnis noch zum Genuss des Stückes bei. Stühle zu verschieben, sie umzudrehen, um Altar­tische zu schaffen, auf denen Kelche mit vergif­teten Getränken herum­ge­reicht werden, machen noch keine Insze­nierung aus. Auch eine quasi politische Aussage, wenn Dalinda sich eine Strähne ihres Haares abscheidet und es hochhält, hinter­lässt keinen Eindruck.

Die Berliner Opern­gruppe, die 2010 von dem Dirigenten Felix Krieger gegründet wurde, kommt einmal im Jahr zusammen, um Opern­ra­ri­täten aufzu­führen.  Ungewöhnlich für Deutschland ist, dass diese Gruppe überwiegend privat finan­ziert wird. In den vergan­genen Jahren hat sie Iris von Pietro Mascagni, Betly und Zwei Männer und eine Frau, beide von Gaetano Donizetti, aufge­führt.  Das Orchester rekru­tiert sich aus profes­sio­nellen, freischaf­fenden Musikern, von denen viele direkt von den Musik­hoch­schulen kommen. Mit ihrem Enthu­si­asmus und ihrem tempe­ra­ment­vollen Spiel – darunter eine hervor­ra­gende Bläser­gruppe – sind sie unter der exaltierten Leitung von Felix Krieger einer der Erfolgs­ga­ranten des Abends.

Dass Dalinda ein Erfolg wird, ist der hervor­ra­genden Besetzung der drei Haupt­rollen zu verdanken: Die drama­tische Kolora­tur­so­pra­nistin Lidia Fridman in der Titel­rolle ist eine verzwei­felte Mutter, hin- und herge­rissen zwischen der Liebe zu dem Sohn, den sie nie kennen­ge­lernt hat, und ihrer Treue zum eigenen Volk. Fridman überzeugt mit einer guten Gesangs­technik, die ihr erlaubt, die Spitzentöne schön zu ornamen­tieren einer­seits und einem unver­wech­sel­baren Timbre mit dunklem Kern Ausdruck zu geben andererseits.

Die Rolle ihres Sohnes Ildemaro wird von Tenor Luciano Ganci übernommen. Er vermittelt den Eindruck, selbst­be­wusst und kraftvoll zu sein, und füllt die Persön­lichkeit der Figur mit sicheren heldi­schen Höhen aus.  Als sein Antagonist Acmet ist Bassba­riton Paolo Bordogna ein würdiger Gegen­spieler. Seine Stimme ist wie eine stählerne Faust im Samthandschuh.

Ildemaros bester Freund, Ugo d’Asti, wird von der Mezzo­so­pra­nistin Yajie Zhang mit schlichter Eleganz inter­pre­tiert.  Die Rollen der fränki­schen und saraze­ni­schen Ritter waren mit David Ostrek als Corboga, Andrés Moreno García als Elmelik, Kangyoon Shine Lee als Garniero, Fermin Basterra als Guglielmo, Egor Sergeev als Ridolfo und Kento Uchiyama als Ubaldo besetzt. Sie alle könnten einen stärkeren Ausdruck und vor allem eine bessere Diktion haben.

Der Chor der Berliner Opern­gruppe unter der Leitung Steffen Schuberts ist auf der Empore hinter dem Orchester platziert. Durch die erhöhte Position kann der Klang sehr gut in den fast ausver­kauften Saal des Konzert­hauses mit seinen 1700 Plätzen proji­ziert werden.

Das Publikum feiert die Haupt­dar­steller, Dirigenten, Chor und Orchester wärmstens. Da die Aufführung aufge­zeichnet wird, kann man sich auf die demnächst erschei­nende CD freuen.

Zenaida des Aubris

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