O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Matthias Stutte

Band wie Bandoneon

SEIDE – BAND – BANDONEON
(Robert North)

Besuch am
30. Mai 2023
(Premiere am 27. Mai 2023)

 

Theater Krefeld Mönchen­gladbach, Theater Krefeld

650 Jahre wird die Stadt Krefeld in diesem Jahr. Und sie legt sich mächtig ins Zeug, das Ereignis ausgiebig zu feiern. Eine eigene Netzseite wurde aufge­setzt, auf der kaum Wünsche offen­bleiben, was Veran­stal­tungs­ka­lender, Anmeldung von Veran­stal­tungen und Ähnliches angeht. Und „selbst­ver­ständlich“ trat die Stadt auch an das Theater Krefeld Mönchen­gladbach heran, man möge doch der Feier­lichkeit in irgend­einer Form Rechnung tragen. Man kennt das von ähnlichen Gelegen­heiten. Da kommt dann oft das Theater­stück „650 Jahre in 90 Minuten“, gerne unter Bürger­be­tei­ligung, auf die Bühne des Stadt­theaters, das der Dramaturg so zurecht­ge­schrieben hat, dass auch der Schulchor noch einen Platz findet. Das Krefelder Theater hat sich entschieden, der Idee von Robert North und André Parfenov zu folgen und eigens ein Ballett urauf­zu­führen. Denn schließlich ist Krefeld nicht nur der Seiden­pro­duktion verbunden, sondern hierher kommt auch ein Instrument, dessen Herkunft die meisten Menschen wohl eher mit Argen­tinien verbinden. Wie könnte man schöner die Weltbe­deutung der Stadt am Nieder­rhein verdeutlichen?

Foto © Matthias Stutte

1838 gab der Seiden­weber Peter Band aus Krefeld seinen Beruf auf, um künftig sein Geld als Musiker und Instru­men­ten­händler zu verdienen. Da war Sohn Heinrich 17 Jahre alt. Mit 21 Jahren übernahm er das Musika­li­en­ge­schäft seines Vaters und verkaufte neben Blas‑, Saiten- und weiteren Tasten­in­stru­menten auch die Konzertina, die Carl Friedrich Uhlig aus Chemnitz 1834 erfunden hatte. Um den geschäft­lichen Erfolg zu vergrößern, entwi­ckelte Band daraus ab 1845 das Bandonion, den Vorläufer des heutigen Bando­neons. Bereits im Alter von 39 Jahren starb der Musiker und durfte so den eigent­lichen Siegeszug seines Instru­ments nicht mehr erleben. Immerhin erfuhr das Instrument bis dahin deutsch­land­weite Geltung. Schließlich war das Bandoneon erschwinglich und ersetzte so mancher Kirchen­ge­meinde die Orgel. Aber auch in Privat­haus­halten war es gern gesehen. 1939 gab es in Deutschland etwa 670 Bandoneon-Vereine, die das Instrument meist für einfache Volks­musik wie die Polka oder den Ländler nutzten. Um 1900 sorgten europäische Einwan­derer dafür, dass das Handzug­in­strument aus der Gruppe der Harmonika-Instru­mente sich in den Hafen­kneipen und Bordellen von Buenos Aires und Monte­video verbreitete. Schnell entwi­ckelte es sich in Argen­tinien und Uruguay zum Bestandteil eines Orquesta Típica. Tatsächlich gab es bis vor einigen Jahren nur aus Deutschland impor­tierte Instru­mente, die aller­dings längst nicht mehr aus Krefeld kamen. Berühmt ist bis heute das Produkt aus der Harmonika-Firma von Alfred Arnold, das seinen Sitz in Carlsfeld, einem kleinen Ort im Erzge­birge hatte. Bis heute genießt das „Doble‑A“ Kultstatus, sein Klang gilt als unerreicht.

Auch ein Choreograf wie Robert North, den man durchaus als Meister des Handlungs­bal­letts bezeichnen darf, kann eine solch komplexe Geschichte im Ballett nicht chrono­lo­gisch erzählen. Zumal der Schwer­punkt der Handlung in Krefeld liegen sollte. North beschränkt sich daher auf eine szenische Darstellung von „Meilen­steinen“ und kann so in einer einstün­digen Aufführung zumindest eine Idee der Entwick­lungen vermitteln. Udo Hesse hat dazu eine raffi­nierte Bühne geschaffen, indem er den Bühnenraum zwar für die Tänzer frei lässt, aber durch immer neue Elemente an der Rückseite der Bühne wie Bilder, Projek­tionen oder die Andeutung einer Wohnstube platziert. So fallen dem Zuschauer die örtlichen und zeitlichen Einord­nungen leichter – wenn die ihn überhaupt inter­es­sieren. Denn Guido Pyczak und Gaëtan De Blecker tauchen die farben­frohen Kostüme von Hesse in helles und sehr helles Licht, dass es eine wahre Freude ist.

Foto © Matthias Stutte

Gemäß der selbst­ge­wählten Aufga­ben­stellung ist der Tango nicht übermäßig vertreten, was North kaum hindert, dem Ensemble überdurch­schnittlich viele Figuren, Hebungen und Sprünge aufzu­geben, so dass die Leich­tigkeit Triumphe feiert. Hier dürfen die Tänzer zeigen, was sie können, allen voran Marco A. Carlucci als Heinrich Band mit einigen schönen Soli, Teresa Levrini als seine Ehefrau und Andrii Gavryshkiv als Schiffs­rei­sender. Besonders schöne Ensemble-Leistungen gibt es dann aber doch gerade beim Tango, wenn hier Figuren gezeigt werden, die das Tanzschul-Niveau deutlich übersteigen und damit eines Balletts würdig werden, ohne allzu abstrakt zu werden.

Beson­deren Raum nimmt die Musik ein, die André Parfenov nicht nur selbst kompo­niert hat, sondern auch gemeinsam mit Iuliana Münch an der Geige und Stefan Langenberg am Bandoneon aufführt. Neben der Bearbeitung eines Ländlers, den der Laie auch beim einma­ligen Hören ganz sicher nicht erkennt, findet sich eine wunderbare Bandbreite in der Musik. Da gibt es kraft­volle Klavier­ein­lagen, wobei Parfenov dem Flügel die Führungs­rolle anver­traut, immer wieder verziert oder gar gesprengt von disso­nanten Geigen­ein­sätzen bis zum wunder­baren Solo Langen­bergs. Nicht zu vergessen eine prächtige „Maschi­nen­musik“, die zudem noch auf der Bühne rhyth­misch unter­stützt wird.

Dass die einzelnen Szenen dem Ballett etwas an Fluss nehmen, zumal das Publikum nun wirklich auch jede Szene applau­diert, stört nicht den Gesamt­ein­druck eines kurzwei­ligen, überra­schungs­reichen, aber nachvoll­zieh­baren Handlungs­bal­letts, das genau das erreicht, was es wollte, nämlich gut und kurzweilig zu unter­halten. Das Publikum sieht es ähnlich und erhebt sich, um minutenlang wirklich allen Akteuren zu einem Ballett­abend zu gratu­lieren, der schon fast musicalhaft eines der schönsten Kapitel in der Geschichte der Stadt Krefeld beleuchtet.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: