O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Kontrollzwang und Überwachungsstaat

DON CARLO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
20. Juli 2023
(Premiere am 7. Juli 2023)

 

Opern­fest­spiele Heidenheim, Festspielhaus

Die Opern­fest­spiele Heidenheim punkten mit der nach oben offenen Ritter­saal­ruine und setzen außer auf Qualität auch auf das Mitwirken von Mond und Sternen. Leider aber machen nicht nur Regen­güsse, sondern auch plötzlich fallende Tempe­ra­turen eine Aufführung unter freiem Himmel manchmal unmöglich, verstimmen sich doch die Instru­mente zu schnell. In Heidenheim ist das aber genial gelöst, für das benach­barte Festspielhaus steht ein zweites, auf die etwas kleinere Bühne angepasstes Bühnenbild zur Verfügung, so dass man zwar auf den Mond, aber keineswegs auf einen adäquaten Eindruck von der Insze­nierung oder gar auf einen guten Klang verzichten muss, nein, hier hört man noch diffe­ren­zierter. Und an diesem Abend hat man noch die Gelegenheit, zwei Herren im „Nahkampf“ mit der Sopra­nistin zu sehen, aber davon später.

Foto © Oliver Vogel

Regisseur Georg Schmied­leitner fokus­siert sich in der Deutung des Don Carlo auf den Kontroll­zwang des Herrschers, König Philipp II. von Spanien. Die Bühne von Stefan Brandtmayr wird dominiert von einem großen Gerüst, an dem ein überdi­men­sio­niertes, zerbro­chenes Peace-Zeichen in leuch­tendem Rot hängt – der Frieden im Reich, speziell in den Provinzen der spani­schen Nieder­lande, ist nicht mehr gewähr­leistet, das Volk leidet unter der Herrschaft des Staats­ober­hauptes. Rechts und links des Gerüsts hängen sechs Video­bild­schirme, auf denen Live-Aufnahmen gezeigt werden, die während der Aufführung bei Auf- und Abtritten und hinter der Bühne in einem Raum gefilmt werden. Diese Schwarz-Weiß-Aufnahmen, rechts und links die drei selben, zeigen natürlich den Willen der Macht­haber, die Kontrolle zu behalten, lenken aber ansonsten eher vom Geschehen ab. Davor, in der Mitte der Bühne, befindet sich eine rote Treppe, die eifrig bespielt wird und auch teilbar mittig einen Raum frei gibt, der anfangs Platz für den Tanz der Hofdamen bietet und am Ende das Gefängnis von Don Carlo darstellt. Das Licht­design von Hartmut Litzinger hebt scharfe Gegen­sätze hervor und malt am Ende ein Licht­kreuz hinter das Peace-Zeichen.

Die Bühnen­kon­struktion schafft Räume, die gemeinsam mit den Gängen des Zuschau­er­raumes auf verschie­denen Ebenen Platz für große Auftritte ermög­lichen. Mit seiner Perso­nen­regie schafft Schmied­leitner so ein packendes Geschehen, in das sich die Darsteller gerne hinein­be­geben, auch wenn sie von Cornelia Kraske zum Teil in etwas unvor­teil­hafte Kostüme gesteckt werden. So tragen Don Carlo und Posa Jogging­hosen-ähnliche Beinkleider und Jacketts in schwarz und silber­farben. Elisabeth darf sich mit volumi­nösen schwarzen Roben abmühen, König Philipp II. erscheint im Staats­ornat. Farbige Akzente setzen die Hofdamen in Rot und Prinzessin Eboli in weiß-grün. Die Farbe Rot spielt später in der Revolu­ti­ons­szene, als das Volk die Freiheit einfordert, nochmal eine gewichtige Rolle und findet sich auf den „Libertà“- Trans­pa­renten. Slapstick­mäßig und völlig aus dem hier gesetzten Rahmen fallend, aber dennoch sehr anspre­chend ist das Trans­ves­titen-Kostüm des Großin­qui­sitors: schwarze Leggins, ebensolche Handschuhe und glitzernde Schuhe bilden die Grundlage für ein weißes, ballkleid­ähn­liches, schul­ter­freies Korsa­gen­kostüm, das aus dem recht kompakten, glatz­köp­figen Darsteller eine Figur wie aus dem Vorhof der Hölle macht.

Im Terzett zwischen der blond­be­zopften Prinzessin Eboli, Don Carlo und Posa im zweiten Akt kommt es zu einem kleinen Zwischenfall: Posas Kostüm verhakt sich in Ebolis Perücke, und der Sänger versucht verzweifelt, sich unauf­fällig von ihr zu befreien, schafft es aber lange nicht, bis auch Posa ihm zu Hilfe kommt und sie beide die Prinzessin nach langem Herum­nesteln an ihrem Nacken befreien können. Dabei singen alle drei weiter, und Ebolis Trema per te, falso figliuolo voller Wut danach ist erstklassig.

Foto © Oliver Vogel

Sung Kyu Park als Don Carlo hat eine gute Präsenz auf der Bühne und singt die Titel­figur mit präch­tiger, höhen­si­cherer Stimme und großem Einsatz. Ein gutes Legato und Belcanto-Quali­täten nehmen das Publikum für ihn ein. Lada Kyssy als Elisabeth verfügt über einen gehalt­vollen Sopran, der sich in klare, helle Höhen steigert, manchmal etwas sehr vom Vibrato bestimmt. Sie zeigt schöne Farben und weiche Piani besonders in den Duetten mit Don Carlo. Ivan Thirion als Marquis von Posa singt den Freund des Infanten mit weicher, geschmei­diger Bariton­stimme und überzeugt in seinen jugend­lichen Ausbrüchen für die unter­wor­fenen Flamen mit hoher Emotio­na­lität. Die sensible Bassstimme von Pavel Kudinov als König Philipp II. passt zu der die Machtgier in den Vorder­grund stellenden Insze­nierung. Viril und mit viel Körper­lichkeit, mit schönem Timbre und langem Atem liegen ihm besonders die reprä­sen­ta­tiven Stellen der Rolle. In der berühmten Arie Ella giammai m’amo zeigt er Wärme, könnte aber noch mehr in die Inner­lichkeit gehen. Zlata Khershberg ist ein Erlebnis auf der Bühne, ein Mezzo, wie man sich ihn für die Rolle wünscht: knackig, mit Kraft, aber auch innig singend. Mit großen, wunderbar aufge­spannten Bögen, immer beweglich, wirft sie sich in die Rolle der Kontra­hentin. Sie geht nie aus dem direkten Kontakt zu ihrer Stimme heraus, lässt sie sehr schön auf dem Atem mit ganz natür­lichem Vibrato fluten, funkelt und lodert in der Höhe. Der schwarze, sehr direkte Bass von Randall Jakobsh als Großin­qui­sitor steht in tollem Kontrast zu seinem schrillen Kostüm und macht durch sein Spiel die Doppel­deu­tigkeit der kirch­lichen Moral fassbar. Sophie Bareis singt die Stimme vom Himmel weißge­wandet mit Glitzer­schrein und ebenso funkelndem, höhen­si­cherem Sopran, zeigt ein süßes, sehr schönes Timbre. Die Neben­rollen sind mit Martin Piskorksi, Christoph Wittmann und der Vokal­werk­statt der Opern­fest­spiele gut besetzt.

Unglaub­liches leistet der Tsche­chische Philhar­mo­nische Chor Brünn als Festspielchor, der durch wunderbare Piani und einem sehr direkten Forte die Energie auf der Bühne steigert. Ein Chor, der in jedem Staats­theater bestehen kann, fähig zu großen Steige­rungen mit inten­siver Spannung, sauber, rhyth­misch sicher und absolut homogen im Chorklang, sehr gut geleitet von Petr Fiala, einstu­diert von Michael Dvořák.

Marcus Bosch liefert mit den Stutt­garter Philhar­mo­nikern einen trans­pa­renten Verdi ab, der auch richtig auftrumpft, teils sehr süffig und reich im Klang daher­kommt. Bosch ist dabei immer bei den Sängern, die sich dank seines Dirigats nicht veraus­gaben müssen. Das ist ein Vorteil der Akustik im Festspielhaus gegenüber der Ruine des Ritter­saales auf Schloss Hellen­stein – nur der Mond und die Sterne, die fehlen etwas. Das Publikum ist dennoch begeistert.

Jutta Schwegler

Teilen Sie O-Ton mit anderen: