Viele Worte und wenig Töne

KING ARTHUR
(Henry Purcell)

Besuch am
30. September 2023
(Premiere)

 

Theater Aachen

Bereits mit der Eröff­nungs­pre­miere ihrer ersten Saison setzt Aachens neue Inten­dantin Elena Tzavara eigen­willige Akzente, mit denen sie das Haus in eine neue Ära führen will. 17 Jahre stand Michael Schmitz-Aufterbeck an der Spitze des Zwei-Sparten-Theaters. Er sorgte nach turbu­lenten Jahren unter Elmar Ottenthal und Paul Esterhazy für gediegene Ruhe, abwechs­lungs­reiche Spiel­pläne und nicht zuletzt mit Unter­stützung hervor­ra­gender General­mu­sik­di­rek­toren wie Markus Bosch, Kazem Abdullah und derzeit Chris­topher Ward für eine hochwertige musika­lische Basis. In den letzten Jahren entwi­ckelte sich das Aachener Sinfo­nie­or­chester mit Hilfe von Förder­pro­grammen des Landes zu einem exzel­lenten Inter­preten Alter Musik auf dem aktuellen Stand histo­ri­scher Auffüh­rungs­prak­tiken, wovon auch die Eröff­nungs­pro­duktion mit Henry Purcells Semi-Opera King Arthur wesentlich profitiert.

Große Oper steht aller­dings nicht im Fokus der neuen Inten­dantin, die in leitender Funktion bisher nur an den Kinder- und Jugend­sparten der Kölner und Stutt­garter Opern gewirkt hat. Neben Puccinis La Bohème und einer Wieder­auf­nahme von Bizets Carmen füllen kleinere Produk­tionen den ersten Spielplan der 46-jährigen Inten­dantin: Rossinis Il Viaggio a Reims, ein neues Musik­theater von Paul Georg Dittrich Ich bin Carmen, Brittens Curlew River sowie – an zwei Abenden – Mozarts Zaide und Der Schau­spiel­di­rektor.

Foto © Thilo Beu

Von Oper im klassi­schen Sinn kann erst recht nicht beim King Arthur die Rede sein, nicht einmal von einer „Semi-Oper“, als die sie angekündigt wird. Purcell hat eine Schau­spiel­musik zu John Drydens Drama geschrieben, dessen Handlung Regisseur Marco Štorman stark verändert und durch sehr lange „Langge­dichte“ der non-binären Autorin Kae Tempest ergänzt und, drama­tur­gisch nicht sehr klug, letztlich zerreißt. Damit überwiegt der Sprech­anteil die musika­li­schen Beiträge, was sich nicht zuletzt in der Besetzung der meisten Haupt­rollen mit Kräften aus dem Schau­spiel­be­reich nieder­schlägt. Bei der Geschlech­ter­zu­ordnung geht es bunt zu: Die Titel­partie, King Arthur alias König Artus übernimmt mit ihrer knabenhaft andro­gynen Gestalt Marlina Adeodata Mitter­hofer, den Zauberer Merlin die feminis­tisch selbst­be­wusst auftre­tende Stefanie Rösner und Emmeline, das sanfte Opfer der Begierde, Hermia Gerdes, die oder der sich als „dey“ bezeichnet und nicht als „sie“ oder „er“. Ein Geschlech­ter­ka­russell, das Praktiken der Shake­speare-Zeit gar nicht so fernsteht, auch wenn damals etwas einseitig Männer in Frauen­kleider schlüpften.

Die Verkör­perung richtiger Manns­bilder bleibt den Bösewichtern vorbe­halten, mit dem Schau­spieler Tim Knapper als Arthurs Rivale Oswald im Ringen um die Gunst Emmelines und dem markigen Bariton Ronan Collett als dessen Adlatus Grimbald. Neben Collett müssen sich die Profi-Sänger des Hauses mit kleineren Rollen begnügen, die sie aber effektiv ausführen. An der Spitze die Mezzo­so­pra­nistin Fanny Lustaud als Emmelines Zofe Matilda und die Sopra­nistin Suzanne Jerosme als Arthurs Luftgeist Philidel. Nicht zu vergessen die junge Sopra­nistin Lara Vallés als kapri­ziöser Amor, ein zukunfts­träch­tiger Neuzugang des Ensembles. Sie alle profi­tieren von der inten­siven Pflege barocker Musik am Aachener Theater und sorgen für vitalere Eindrücke als die zähen Texte Tempests.

Foto © Thilo Beu

Die eigent­liche Handlung von Drydens Schau­spiel inter­es­siert Štorman nur beiläufig. Dort steht der Kampf des sächsi­schen Königs Oswald gegen König Artus um die Gunst der blinden Prinzessin Emmeline im Zentrum, die sich zu Artus hinge­zogen fühlt und von diesem auch erobert wird und durch ihn auch ihr Augen­licht wieder gewinnt. Regisseur Štorman geht dagegen von Artus legen­därer, bei Dryden nicht thema­ti­sierter Eroberung des magischen Schwertes Excalibur aus, das der Titelheld in Aachen in überdi­men­sio­naler Größe über die von einer grau betonierten Felsland­schaft beherrschten Bühne schleppt. Warum, wird nicht wirklich klar, wie so manches in Štormans eigen­wil­liger Deutung. Die von Purcell mit Chorein­lagen und einigen Arien garnierte Version wird durch die langen gespro­chenen Monologe Merlins noch stärker an den Rand gedrängt als im Original. Dabei startete die Aufführung effektvoll mit dem origi­nellen, der später einge­fro­renen Landschaft vorweg­ge­nom­menen „Schnatter-Chor“, indem er ins Parkett strömt, dem Publikum hautnah die hart rhyth­mi­sierten Töne in die Ohren bläst und Erwar­tungen auf einen leben­digen Theaterband weckt, die nicht eingelöst werden.

In der Presse wird angesichts der in der Tat ungewöhn­lichen Produktion ein Neuanfang gepriesen, der Tzavaras Interesse an gattungs­über­grei­fenden Misch­pro­duk­tionen bestätigt. Inwieweit das Musik­theater dabei nicht zu kurz kommt, wird sich bereits im Laufe ihrer ersten Saison zeigen.

Im Konzert­be­reich ändert sich dagegen wenig. General­mu­sik­di­rektor Chris­topher Ward stellte ein Konzert­pro­gramm zusammen, das groß besetzte Höhepunkte wie Strauss‘ Also sprach Zarathustra oder Rachma­ninows 2. Symphonie mit mäßig modernen Klängen des diesjäh­rigen „Composers in Focus“, den türki­schen Pianisten und Kompo­nisten Fazil Say, kombi­niert. Ein ebenso lange schwe­lendes wie heißes Eisen scheint die neue Inten­dantin aller­dings auch nicht anpacken zu wollen: Die Notwen­digkeit, den akustisch unzuläng­lichen Eurogress durch einen angemes­senen Konzertsaal ersetzen zu müssen. Dafür stehen die politi­schen Zeichen im Aachener Stadtrat aller­dings denkbar schlecht.

Pedro Obiera

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