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BRÜDERLEIN UND SCHWESTERLEIN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
13. Dezember 2023
(Einmalige Aufführung)
Es ist ein ungewöhnlicher Liederabend, der da auf dem Programm steht. Brüderlein und Schwesterlein ist er übertitelt, und man denkt unwillkürlich an das gleichnamige Couplet aus der Fledermaus, und natürlich auch an Hänsel und Gretel, dem wohl berühmtesten Geschwisterpaar auf der Opernbühne. Doch weder die berühmteste Operette der Welt noch Humperdincks Kinderweihfestspiel sind gemeint, sondern die Geschwister Anna und Daniel Prohaska geben sich an diesem Abend das erste Mal gemeinsam auf der Bühne die Ehre. Gärtnerplatzintendant Josef E. Köpplinger hat jahrelang versucht, die beiden gemeinsam für ein Konzert nach München zu holen, doch zu divergent waren die langfristigen Verpflichtungen beider Künstler. Nun hatte es endlich geklappt, dann die Schreckensnachricht am frühen Morgen. Anna Prohaska war mit einem Infekt aufgewacht und die Stimme war weg, der Alptraum eines jeden Sängers. Doch eine Konsultation beim HNO-Arzt und eine Notfallmedikation sorgten dafür, dass die Sängerin nicht absagen musste, zu groß war die Vorfreude auf das gemeinsame Konzert mit dem Bruder. Köpplinger lässt es sich daher auch nicht nehmen, die Geschwister persönlich anzusagen, um Verständnis für Annas mögliche Indisposition zu bitten und gleichzeitig auch nicht zu verschweigen, dass Bruder Daniel bereits am Abend vorher ein großes Oratorium gesungen und im Laufe des Tages eine komplette Bühnenprobe für die Wiederaufnahme der Fledermaus absolviert hat. Alles keine guten Voraussetzungen für einen perfekten Liederabend, aber der Wunsch nach diesem einmaligen gemeinsamen Konzert war größer als alle rationalen Bedenken. Und beide seien sehr nervös, stellt Köpplinger mit einem leichten Schmunzeln fest. Und oft sind es solche Konstellationen, wo der Verstand sagt, das kann nicht gut sehen, aber die Emotion und der Wille stärker sind. Das sind die Situationen, in denen besondere Momente entstehen, und das ist auch an diesem Abend so. Es soll ein bewegender und berührender Liederabend werden, der lange im Gedächtnis derer bleiben wird, die ihn erleben dürfen.
Es ist ein zehnköpfiges Kammerensemble auf der Bühne, ergänzt durch drei Pianisten, das das ambitionierte Programm von Händel bis Rogers mit den Geschwistern Prohaska bestreiten wird. Andreas Partilla ist seit neun Jahren Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Staatstheater am Gärtnerplatz und leitet an diesem Abend mit sehr viel Einfühlungsvermögen das kleine Ensemble und setzt sich dann auch mal ans Klavier.

Als die Geschwister Prohaska dann endlich die Bühne betreten, brandet tosender Applaus im sehr gut besuchten Gärtnerplatztheater auf. Eröffnet wird das Programm mit Georg Friedrich Händel, und mit Happy We aus Acis und Galatea drücken die beiden im Duett ihre Gefühlswelt aus, erstmals gemeinsam im Gärtnerplatztheater auf der Bühne zu stehen. Nach dieser Einführung greifen Anna und Daniel Prohaska zum Mikrofon, um die Zuschauer, darunter auch Familienangehörige aus Wien und aus England, persönlich zu begrüßen. Sie erzählen auch, dass die ausgewählte Musik an diesem Abend teilweise auch ihre Wurzeln symbolisiert, und das Programm ist eine musikalische Reise durch ihre Vergangenheit.
Daniel Prohaska ist ein österreichischer Tenor mit britisch-irischen Wurzeln, wurde am Konservatorium der Stadt Wien ausgebildet und ist freischaffender Sänger. Als regelmäßiger Gast ist er seit dem Jahr 2001 eng verbunden mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Sein umfangreiches Repertoire aus Oper, Operette und klassischem Musical, unterstützt durch eine Schauspielausbildung, erlaubt ihm ein genreübergreifendes Arbeiten. Im Frühjahr 2023 wurde Daniel Prohaska der Ehrentitel „Bayerischer Kammersänger“ verliehen. Seine 10 Jahre jüngere Schwester Anna studierte an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin und wurde bereits im Alter von 20 Jahren Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, der sie als freischaffende Künstlerin immer noch eng verbunden ist, genauso wie den Salzburger Festspielen. Neben der Gegenwartsmusik und dem Standardrepertoire widmet Anna Prohaska sich auch der alten Musik und hat mit dem Innsbrucker Ensemble Modern Times_1800, der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt und dem Concerto Köln gearbeitet.
Das zweite Duett des Abends, As Steals the Morn aus L’Allegro, ebenfalls von Georg Friedrich Händel, wird nicht nur wunderbar lyrisch und getragen dargeboten, man sieht auch in der Mimik und Gestik der beiden die Freude über den gemeinsamen Auftritt. Insbesondere Daniel scheint aufgeregt und stolz zugleich zu sein, mit seiner „kleinen“ Schwester zusammen zu singen. Nach diesen zwei Duetten ist aber auch klar, Annas Stimme hält, klingt klar und ohne Einschränkungen. Aus der folgenden Triosonate h‑Moll, op. 2, 1b HWV 386b von Händel werden der dritte und der zweite Satz durch Violine, Querflöte und Kontrabass dargeboten, die beiden Sänger können für einen kurzen Moment verschnaufen.
Dann ergreift Anna Prohaska das Mikrofon und sinniert über das Wort „Spaziergang“ in unterschiedlichen Sprachen, was auf Tschechisch „Procházka“ heißt. Die Geschwister haben also nicht nur österreichische und britische Wurzeln, sondern auch böhmische. Ihr Urgroßvater war der Komponist Carl Prohaska, ihr Großvater der Dirigent und Pädagoge Felix Prohaska. Die Musik ist ihnen also schon in die Wiege gelegt worden, und für Anna Prohaska die Gelegenheit, die berührende Arie der Rusalka, das Lied an den Mond, von Antonín Dvořák in der Originalsprache zu singen. Měsíčku na nebi hlubokém wird von Anna wunderbar lyrisch interpretiert und gefühlvoll vom Kammerensemble begleitet. Der hohe Ton am Schluss gelingt ohne Probleme, und großer Jubel nach der Arie im Publikum ist der berechtigte Lohn für die Darbietung.
Mit dem gefühlsbetontem Duett Fenton! – Mein Mädchen aus Die lustigen Weiber von Windsor von Otto Nicolai steht nicht nur wieder ein herrliches Duett auf dem Spielplan, in dem Anna Prohaska ihre Namenschwester Anna Reich singt, sondern ist auch ein kleiner Hinweis darauf, dass die eher selten gegebene Spieloper Ende April kommenden Jahres Premiere am Gärtnerplatztheater feiern wird. Dann gibt es vielleicht eines der schönsten Bruder-Schwester-Duette der Operettenliteratur, nämlich das Duett Sonnenschein, hüll dich ein des Grafen Tassilo von Endrödy-Wittemburg und seiner Schwester Lisa, aus der Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán. Begleitet an zwei Klavieren, ein emotionaler Höhepunkt des ersten Teils. Es bleibt beim nächsten Stück beim ungarischen Farbkolorit, der Csárdás von Vittorio Monti, einem neapolitanischen Violinisten und Komponisten, wird vom Kammerensemble und seiner Konzertmeisterin virtuos und fetzig dargeboten. Zum Schluss des ersten Teils dieses Liederbands wird es festlich. Anna Prohaska gesteht, „sie sei süchtig nach Weihnachtsmusik“ und präsentiert im Duett mit Bruder Daniel das altdeutsche Weihnachtslied Maria durch ein Dornwald ging, bevor es dann mit der englischen Fassung O Holy Night des vielleicht berühmtesten französischen Weihnachtsliedes Minuit, chrétiens des großen Komponisten Adolphe Adam unter viel Applaus in die Pause geht.

Der zweite Teil des Liederabends steht dann ganz im Zeichen der britisch-irischen Wurzeln des Geschwisterpaares und dient sicher auch als Referenz an die anwesenden Familienmitglieder. Es erklingt zunächst eine bretonische Weise in keltischer Sprache. Mit Marv eo ma Mestrez – Morte est ma bien-aimée – einem Klagelied, eröffnet Daniel Prohaska das Programm nach der Pause. „Mein Geliebter ist tot und ich verbringe meine Nächte klagend am Brunnen. Lass Waffen und Säbel meine Tage beenden, damit ich mich ihr in der anderen Welt anschließen kann“. So wehmütig der Text und die Melodie, so wehmütig und elegisch die Interpretation Prohaskas. Über das nächste Lied She moved Through the Fair, einer irischen Volksweise, sagt Anna Prohaska, das sei das einzige Lied, was Daniel immer auf Familienfeiern singen musste. „Sing or clean the bathroom!“ war die Bedingung, wie Anna mit einem Augenzwinkern verrät. Daniel singt es wieder sehr emotional, unterstützt durch Anna von der Seite. Ar Hyd y Nos – All Through the Night – ist ein wunderschönes walisisches Volkslied und gleichzeitig eine Hymne. Die Melodie wurde erstmals 1784 veröffentlicht, der Komponist ist jedoch unbekannt. Nach einer lyrischen Einführung übernimmt Daniel Prohaska den Gesangstext und schließt mit einer gefühlvollen Interpretation den bretonischen Kurzzyklus ab.
Mit der Fantasia on Greensleeves von Ralph Vaughan Williams, dargeboten durch das Kammerensemble des Gärtnerplatztheater, endet der britische Teil des Konzertes, und zum Schluss wird es dann amerikanisch mit Musicals und Jazzelementen. Den Reigen eröffnet das berühmte Duett Tonight von Toni und Maria aus der West Side Story Leonard Bernsteins, auf dem Klavier mit Maria als Einführung wunderbar begleitet von Ekaterina Tarnopolskaja, der Studienleiterin am Gärtnerplatztheater. Mit der vom Komponisten Kurt Weill als amerikanische Oper bezeichnete Street Scene geht es weiter, Lonely House wird von Daniel Prohaska wunderbar lyrisch vorgetragen, mit einem faszinierenden piano zum Schluss, das vom Publikum entsprechend goutiert wird. Mit Dave Brubecks Al La Turk aus Points on Jazz können Tarnopolskaja und Andreas Partilla an den Klavieren ihre Virtuosität unter Beweis stellen. Points on Jazz ist eine Ballettsuite, die für zwei Klaviere als Reihe rhythmischer Variationen über ein Thema komponiert wurde.
Mit dem amerikanischen Musical Show Boat und dem Liebeslied You Are Love von Jerome Kern wird das Finale des Abends eingeläutet, das dann Richard Rogers mit seinem Musical Carousel gehört. Nach der vom Publikum bejubelten Darbietung von If I Loved You wird es noch einmal emotional. Mit You’ll Never Walk Alone, heute Millionen Fußballfans als Stadionhymne von Liverpool und Dortmund bekannt, verabschieden sich die Geschwister Prohaska vom begeisterten Münchener Publikum, das aber beim Mitsingen der Fußballhymne deutlich schwächelt. Und natürlich lässt das Publikum die beiden nicht ohne eine Zugabe gehen. Als dann Danny Boy von Frederic Weatherly erklingt, wird es noch einmal ganz still und andächtig im Publikum. Die Ballade, in der es um den Abschied von einem geliebten Menschen und dessen Wiederkehr geht, ist vor allem im angelsächsischen Sprachraum und in der irischen Diaspora sehr bekannt, wo es als inoffizielle Hymne der Iren verstanden wird. Anna singt es fast wie eine Liebeserklärung an ihren Bruder „Danny“, und auch Danny Boy Prohaska wird bei dieser Zugabe sehr emotional, was sich auch auf das Publikum überträgt.
Minutenlanger tosender Applaus für Anna und Daniel Prohaska, Ekaterina Tarnopolskaja am Klavier, Peter Foggitt am Cembalo und dem Kammerensemble des Gärtnerplatztheaters unter der musikalischen Leitung von Andreas Partilla ist der berechtigte Applaus für einen einmaligen, berührenden und bewegenden Liederabend und einen Streifzug durch fast 300 Jahre Musikgeschichte. Und das Wagnis, das Anna Prohaska eingegangen ist, trotz Infekt zu singen, hat sich mehr als gelohnt! Man darf der sympathischen Sängerin nur wünschen, dass sie ganz schnell wieder gesundheitlich obenauf ist, denn die nächsten Konzerte stehen vor der Tür.
Andreas H. Hölscher