O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Jochen Quast

Schwäne zu Sevilla

IL BARBIERE DI SIVIGLIA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
21. Dezember 2023
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Theater Duisburg

Im Juni 2021 wagt die Deutsche Oper am Rhein im Düssel­dorfer Haus nach dem Corona-bedingten Lockdown mit einer Neuin­sze­nierung des 200 Jahre alten jungen Block­busters der Opera buffa Il barbiere di Siviglia einen Neustart in den Theater­be­trieb. Zu erleben ist die Arbeit des Regis­seurs Maurice Lenhard, die beim Premie­ren­pu­blikum im damals gerade einmal zu einem Viertel auslast­baren Haus gut ankommt. Nun ist die Produktion ins Duisburger Theater umgezogen, leider auch mit den Schwächen der Erstausgabe.

Wer immer sich als Regisseur an eine Bühnen­version der Komödie des Rossini-Libret­tisten Cesare Sterbini nach dem ersten Teil der Figaro-Trilogie von Piere-Augustin Beaum­ar­chais macht, kann im Grunde nicht scheitern. Dafür ist das Stück mit seinem komödi­an­ti­schen Reichtum, den stilsicher getrof­fenen Charak­teren in einem Tohuwabohu von Eitelkeit, Gier und Macht­ge­lüsten sowie der federnden Musik mit ihren Melodien, Kolora­turen und Crescendo-Gipfeln einfach zu stark. Lenhard, in dessen Arbeits­bio­grafie sich unter anderem eine Phase enger Zusam­men­arbeit mit der Regis­seurin Lydia Steier findet, will freilich mehr sein als ein bloßer Diener im künst­le­ri­schen Sinne an Rossinis Genie­streich von 1816.

Viel wird schon vorweg­ge­nommen, als das nach der Ouvertüre aufflam­mende Bühnen­licht den Blick auf den Platz in Sevilla freigibt, auf dem sich die Geschenk­kartons des Grafen Almaviva für Rosina, die er zu heiraten gedenkt, nur so häufen. Lindoro alias Almaviva und Figaro nutzen die weit verstreuten Kisten als Podien für ihre ersten Auftritte. Originell oder nicht, Schachteln aller Formate sind auch die durch­gängige, stets präsente Folie der Barbiere-Insze­nierung von Jan Philipp Gloger in der Spielzeit 201516 am Essener Aalto-Theater.

Aus diesem Szenario entwi­ckelt Lenhard Szene um Szene das spätere Hochzeits­bankett Almavivas und Rosinas, die mit jugend­licher Unbeküm­mertheit, List und Geld jeder Intrige Herr werden. Der Weg zum Traum in Tüll und Seide, zum Insert Just married, ist so wie in einer Vorabend­fern­seh­serie vorge­zeichnet, verliert dabei aber etwas drama­tur­gisch Unerläss­liches: die Spannung. Wenn unter den Mitwir­kenden die Rolle eines Notars aufge­boten ist, möchte man nicht schon vorab wissen, mit wem er alsbald einen Ehevertrag schließen wird.

Anstatt die Vollblut-Figuren des Stücks stilecht und fanta­sievoll zu kontu­rieren, inves­tiert der Regisseur Energie in periphere Aspekte. Rosina wird schon in der ersten Szene in der von Christina Geiger erson­nenen Kostü­mierung ein Auftritt im Braut­kleid gestattet. Almaviva kopiert mit Leier und Lorbeer­kranz wie von Richard Wagners Parnass herun­ter­ge­stiegen die Figur des mittel­al­ter­lichen Minne­sängers. Um dieser wahnwit­zigen Idee noch die Krone aufzu­setzen, sugge­riert er eine assoziative Verbindung zur Gestalt Lohen­grins, der Elsa errettet wie Almaviva Rosina aus den Fängen ihres Vormunds. Damit auch der letzte Besucher diese Andeutung versteht, werden zwei blumen­ge­schmückte übergroße Schwäne herein­ge­rollt, die danach im Raum verbleiben, Zaungäste an der Hochzeitstafel.

Ein veritables Ärgernis ist die Ausstattung. Gewiss ist Figaro das factotum della città, das jeden Kniff beherrscht und alle Register zu ziehen versteht. Ihn darob in ein Kostüm mit großen Karos in allen Farben zu stecken, ist freilich etwas, wofür der Begriff Missgriff eine Unter­treibung ist. Die Fehlgriffe setzen sich bruchlos im Bühnenbild von Malina Raßfeld fort. Kaum ist das Bild der Anfangs­szene mit einer herzig-kitschigen lichtum­säumten Rosina auf dem fiktiven Balkon verschwunden, präsen­tiert sich ein bühnen­großer Saal ohne Fenster in seiner ganzen Hässlichkeit. In Farben, die an Straßenbahn-Depots erinnern. Mit Mobiliar, das unter Vorspie­gelung von Bedeutung hin und her geschoben wird, aber den Akteuren immer wieder die Wege verstellt.

Foto © Jochen Quast

Die Vorliebe der Insze­nierung für Neben­schau­plätze hat überdies Konse­quenzen für den Fluss der Handlung. So wird die köstliche Szene, in der der vermeint­liche Musik­lehrer Don Alonso, eben Almaviva, mit Rosina flirtet, während Bartolo je nach Insze­nierung schläft oder abgelenkt wird, um ihren Witz gebracht. Verschenkt auch die Gewit­ter­szene, in deren Folge die Entführung Rosinas mit dem Ziel der gemein­samen Flucht scheitert. Was heißt hier Entführung, wenn es nicht einmal zu einer regel­rechten Leiter reicht? Es ragen nicht mehr als zwei, drei Sprossen aus dem Unter­ge­schoss nach oben heraus. Lebt die durchaus begüterte Rosina, wie das Bild andeutet, tatsächlich in einem Kellergewölbe?

Eine schlüssige Idee, um auch dem Witz dieser Regie gerecht zu werden, ist die Verwandlung von Rosinas Brief an Lindoro in eine Papier­schwalbe, die von Hand zu Hand fliegt wie eine Brief­taube im Dienste Amors.

Der orches­trale Gesamt­ein­druck ist dank der Duisburger Philhar­mo­niker mit Antonino Fogliani am Pult über jede Kritik erhaben. Gelegentlich von der superben Anastasiya Titovych am Hammer­klavier besonders motiviert, steigern sie sich in eine vorzüg­liche Tagesform, mit hoher Affinität zu Rossinis Staccati, Crescendi und Accele­randi. Dem von Patrick Francis Chestnut einstu­dierten Chor wäre für die kommende Auffüh­rungs­serie eine bessere Abstimmung mit dem Graben zu wünschen, vor allem im ersten Akt.

In den Haupt­rollen wird es ein Abend der Männer­be­set­zungen. Als Graf Almaviva sticht der Tenor César Cortés, Gast in Duisburg, heraus. Er beein­druckt mit schönem Timbre, Belcanto-Schmelz und der Kunst des Paraphra­sierens. Es ist ein Vergnügen, nach der Auftrittsarie Ecco ridente in cielo ihn in All’idea di quel metallo, dem Duett mit Figaro, sowie in Dunque io son … tu nun m’inganni?, dem Duett mit Rosina, zu erleben. Gleich zwei Mal ein Rendezvous nach Noten, ein spürbares Suchen nach Ergänzung in Harmonie. Eine Suche, hier nach Parforce und Standing, ist auch Jake Muffett in der Titel­partie anzumerken. Sein Figaro müht sich von der beherzt intonierten Bravourarie Largo al factotum an, der Schlüs­sel­figur der Komödie Raum und Dominanz zu vermitteln, was ihm auch prächtig gelingt.

Ihr Rollen­debüt als Rosina geht die Mezzo­so­pra­nistin Kimberley Boettger-Soller mit Spielwitz und komödi­an­ti­schem Esprit an. Sie darf auch dank der Regie jede Art von trappole, also List, insze­nieren, mit der sie ihre Männer um den Finger wickelt. Sänge­risch ist das Debüt ungeachtet der geschmei­digen Kolora­turen nicht ganz überzeugend. Ihre Stimme liegt höher, als es einer Ideal­be­setzung anstünde. Bemerkbar macht sich das bereits in ihrer Auftrittsarie Una voce poco fa im unteren Regis­ter­be­reich, wenn sie neben all der Folgsamkeit und Süße von ihrem Schlan­gen­blick erzählt, mit dem sie sich zu helfen wisse.

Anke Krabbe ist eine quirlige Berta. Ihre einzige Soloarie Il vecchiotto cerca moglie weitet sie zu einem humoresken Minijuwel aus, in dem sich ihre Abneigung für den ehever­ses­senen „Alten“ alias Bartolo mit dem Geständnis paart, eben jenen zu erobern, sobald Rosina hierfür den Weg frei gemacht haben wird.

Das Dreige­stirn der weiteren männlichen Rollen löst seine Aufgabe mehr als passabel. Giulio Mastro­totaro gibt Bartolo mit kernigem Bariton. Er lässt, auch wenn er für die Rolle etliche Jahre zu jung erscheint, keinen Zweifel an den Ansprüchen, die er verfolgt. Bogdan Taloș ist ein Basilio, bei dem sich das Verschmitzte und das Verschlagene die Waage halten. Mit La calunnia è un venti­cello, seiner von markanten Schlägen der Basstrommel verstärkten Arie, gibt er eine eindrucks­volle Visiten­karte ab, die ihn zur Aufnahme in höchste Mafia-Kreise quali­fi­zieren könnte.

Als Fiorello ist Matteo Guerzé ein Gewinn, auch als Amor mit Pfeil und Bogen, zu Beginn und zum lieto fine der Komödie. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er mit Piano, pianissimo das erste Wort in dieser Buffa hat, wobei es Rossini nun wahrlich nicht darauf ankommt, andächtige Ruhe zu verbreiten. Ganz im Gegenteil.

Bis in die Karne­valszeit wird der Duisburger Rossini-Amor noch seine Liebes­pfeile verschießen. Der anhal­tende Beifall der Besucher im anspre­chend gefüllten Theater – auch für das Regieteam – zeigt an, wie sehr sich der Besuch lohnen könnte.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: