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DAS GEISTERSCHIFF
(Diverse Komponisten)
Besuch am
7. Januar 2024
(Einmalige Aufführung)
Exakt ein Jahr ist es her, dass Menachem Har-Zahav die Menschen begeisterte. Der Pianist stimmte damals in der Kulturvilla Mettmann eine furiose Version von Franz Liszts Totentanz an, die dem Publikum förmlich unter die Haut fuhr. O‑Ton berichtete. Da ist nun die Erwartungshaltung groß, wenn er zu seinem diesjährigen Konzert in das Kulturzentrum von Constanze Backes und Bodo Herlyn einlädt. Wird es ihm gelingen, diesen Erfolg zu wiederholen? Das Publikum scheint daran zu glauben. Zumindest ist der Saal in der Villa bis auf den nahezu letzten Platz besetzt. Unter den Gästen gibt es viele Kinder. Das ist nicht weiter erstaunlich. Denn der Pianist legt besonders viel Wert darauf, Kinder an die klassische Musik heranzuführen. Dafür ist er auch bereit, sein eigenes Honorar zu schmälern, indem er den Kindern die Eintrittskarten für einen Euro und ihren Begleitpersonen die Karte zum halben Preis anbietet. Braucht es dafür eine besondere Begründung? Eigentlich nicht, sollte man meinen. Aber Har-Zahav selbst weist auf dem Programmzettel darauf hin, dass er adoptiert wurde, heute fünffacher Vater und zweifacher Großvater ist. Da darf man schon eine besondere Liebe zu Kindern unterstellen.
Wer daraus auf einen besonders lustigen, ausgelassenen Auftritt schließt, liegt falsch. Selten erlebt man einen distanzierteren Auftritt eines Künstlers, der selbst in Momenten größter Freude über den Ansatz eines schmallippigen Lächelns nicht hinauskommt und während der gesamten Veranstaltung kein einziges Wort verliert. Ist es diese Haltung oder vielleicht doch sein Klavierspiel? Die Kinder sitzen mucksmäuschenstill und hochkonzentriert auf ihren Plätzen. Und dass, obwohl bis heute so mancher studierte Musikpädagoge felsenfest davon überzeugt ist, man könne Kinder nicht länger als eine Stunde für eine Aufführung begeistern.

Mit einem Seufzer beginnt Har-Zahav sein Programm. Un sospiro ist eine der drei Konzertetüden, die Franz Liszt 1849 veröffentlichte. Da darf der Pianist auf hohem Niveau schwelgen und das Publikum ruhig ein bisschen träumen. Ein Seufzen erklingt allerdings auch vom Flügel. Der scheint allmählich nicht nur äußerlich in die Jahre zu kommen und ist derjenige, der die klanglichen Grenzen setzt – unterhalb des virtuosen Spielvermögens seines Nutzers. Har-Zahav lässt sich davon äußerlich nicht beeindrucken. Aus demselben Jahr stammt das nächste Stück, in dem Liszt das Gemälde Raffaels Vermählung Mariä in Musik übersetzte, und das dann als Sposalizio, also die Vermählung, im zweiten Band der Pilgerjahre, einer Sammlung von 26 Charakterstücken für das Klavier, erschienen ist.
Weiter geht es mit Musik von Carl Tausig. Von wem? Klassikliebhabern wird der Pianist, Komponist und Musikpädagoge aus Warschau bekannt sein als ein Lieblingsschüler Franz Liszts und eifriger Anhänger von Richard Wagner. Bereits mit 29 Jahren starb der Musiker an Typhusfieber in Leipzig. Wagner selbst schrieb ein Epitaph für ihn, das auf seinem Grabstein in Berlin nachzulesen ist. „Reif sein zum Sterben, des Lebens zögernd spriessende Frucht, früh reif sie erwerben in Lenzes jäh erblühender Flucht. War es Dein Loos, war es dein Wagen,
wir müssen dein Loos wie dein Wagen beklagen.“ Vor diesem Hintergrund stimmen die drei Stücke Impromptu, Rêverie und Introduction & Tarantella, die Har-Zahav nun vorträgt, mindestens nachdenklich. Was hätte noch bleiben können, wenn Tausig mehr Lebenszeit beschieden gewesen wäre? Nun, nach einem Ausflug zu Johannes Brahms, von dem das Intermezzo opus 118 Nr. 2 und die Ballade in d‑Moll opus 10 Nr. 1 erklingen, erfährt das Publikum, was möglich gewesen wäre. Das Geisterschiff ist eine symphonische Ballade nach einem Gedicht von Moritz Strachwitz, die zwischen 1853 und 1860 entstand. Es ist ein wunderbares Beispiel für die Schauerromantik, die Tausig eindrucksvoll umsetzt. Auf dem Programmzettel wird nicht darauf hingewiesen, aber es gibt ein Video, in dem Har-Zahav bei der Aufnahme des Stücks für sein Album The Ghost Ship zu sehen und hören ist, diesmal auf einem exzellenten großen Konzertflügel. Ja, da ist der Klang sauber und transparent. Und für Puristen ist das vermutlich die entschieden bessere Version. Aber was Har-Zahav auf dem dröhnenden und scheppernden Flügel in Mettmann bietet, ist authentisch, gruseliger und packt das Publikum. Da hörst du, was Strachwitz schrieb. „Eine Geisternacht, eine Schauerstund‘, eine Nacht für Nix und Elf; das Fahrzeug stöhnt wie todeswund, der Steuermann ächzt: ‚Gott helf!‘“ Bravo, Maestro!

Wieder ist es ihm gelungen, mit einem Stück dafür zu sorgen, dass man ein Jahr lang an ihn denken wird. So lange dauert es, bis Har-Zahav wieder in Mettmann auftreten wird. Und es wird wie im vergangenen Jahr sein. Egal, wo man das Geisterschiff in diesem Jahr hören wird, den Sturm in Mettmann wird man nicht vergessen. „Und hart an uns durch‘s Schaumgebrüll ging‘s grimmig dicht vorbei, das stand mir Herz und Atem still; doch halt! – es war vorbei!“ Ja, die Begegnung mit dem Geisterschiff geht gut aus, und so kann es nach dem Höhepunkt des Konzerts mit leichterer Kost weitergehen.
Von Frédéric Chopin gibt es Polonaise und Walzer, ehe Johannes Brahms mit Capriccio, Intermezzo und Rhapsody erneut erklingt. Wunderbare Unterhaltungsmusik aus einer anderen Zeit, mit der auch das Instrument nicht überfordert wird. Einen zweiten, wenn auch durchaus kleineren Höhepunkt des Abends hat Har-Zahav für das Finale vorgehalten. Die Heroische Polonaise von Chopin gilt als eines der „bekanntesten und bedeutendsten“ Klavierwerke Chopins. 1842 entstanden, wirkt sie ihrer Zeit weit voraus. Wer hier an der einen oder anderen Stelle die 1920-er Jahre heraushört, liegt sicher nicht ganz falsch. Genau das hatte Chopin im Sinn: Den Bankier Auguste Léo in dessen Salon in Ermangelung von Radio und Internet zu unterhalten. Das ist gelungen und funktioniert auch heute in Mettmann noch. Mit der Zugabe aus einer Sonate von Domenico Scarlatti gelingt Har-Zahav der Rausschmeißer.
In den kommenden drei Monaten wird der Pianist in vierzehn Städten Nordrhein-Westfalens auftreten. Die Netzseite und der Newsletter verraten, wo genau. Das Publikum in der Kulturvilla empfiehlt den Besuch mit rauschendem Applaus, ehe es sich gut gelaunt aus der schönen Atmosphäre des Hauses verabschiedet.
Michael S. Zerban