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Betörende Stimmen

LES PÊCHEURS DE PERLES
(Georges Bizet)

Besuch am
7. Januar 2024
(Premiere am 18. Januar 2017)

 

Gärtner­platz­theater München

Wie viel Regie und wie viel Bühnenbild sind notwendig, um eine exotische Bizet-Oper mit Leiden­schaft, Ausdruck und tiefer Nachhal­tigkeit aufzu­führen? Insbe­sondere, wenn die Geschichte nicht mehr zeitgemäß erscheint und der finan­zielle Aufwand einer Großpro­duktion mitbe­rück­sichtigt werden muss. Wenn aller­dings großartige Sänger den musika­li­schen Ausdruck mittels der Macht ihrer Stimme voller Inten­sität gestalten, dazu ein bestens aufge­legter Chor und ein hervor­ra­gendes Orchester begleiten, wenn ausschließlich die Musik und der Gesang im Vorder­grund stehen, genau dann bedarf es keiner ablen­kenden Regie und keines Bühnen­bildes. Das erlebt man derzeit wieder am Münchner Gärtner­platz­theater, wo Bizets Frühwerk Les pêcheurs de perles als konzer­tante Aufführung in franzö­si­scher Sprache auf dem Spielplan steht.

Die Urauf­führung 1863 in Paris selbst war kein großer Erfolg. Trotz einer positiven Kritik von Hector Berlioz erlebte die Oper zu Bizets Lebzeiten nur 18 Vorstel­lungen und geriet nach seinem Tod in Verges­senheit. Erst nach dem Tod des Kompo­nisten und dem überwäl­ti­genden Erfolg seiner Oper Carmen erinnerte man sich der früheren Werke. Die Origi­nal­par­titur ist seit langem verschollen, lediglich ein zeitge­nös­si­scher Klavier­auszug ist noch erhalten. Daher kann heute nur noch eine rekon­stru­ierte Fassung zur Aufführung gebracht werden. Im Jahr 2014 erstellte der Musik­wis­sen­schaftler Hugh Macdonald auf Grundlage der erhal­tenen Violin-Direk­ti­ons­par­titur eine rekon­stru­ierte Fassung, die der Urfassung bisher am nächsten kommt. Das Stück, das vom Kompo­nisten als eine Abfolge von insgesamt 16 inein­ander verschach­telten Musik­nummern angelegt wurde, wird dabei maßgeblich durch das „exotische Sujet“ der Textvorlage geprägt. Das findet seine musika­lische Entspre­chung in einer schil­lernden, lyrisch-expres­siven Partitur, die mit weitge­spannten Entwick­lungs­bögen und einer Fokus­sierung auf den Konflikt der vier Protago­nisten des Stückes sowie mit dem stark daran Anteil nehmenden Chor ein faszi­nie­rendes Seelen­drama entwirft, das auch in konzer­tanter Fassung ein klangvoll-mitrei­ßendes Opern­erlebnis verspricht.

Es ist erst die achte Aufführung seit der Münchner Premiere der rekon­stru­ierten Fassung vom 18. Januar 2017, und das Werk steht jetzt für drei Auffüh­rungen auf dem Spielplan des Gärtnerplatztheaters.

Foto © Thomas Dashuber

Das Stück berührt vor allem durch seine grandiose Musik, während die Handlung eher banal und archaisch erscheint. In Ceylon wird nach einem alten Ritual Zurga zum Oberhaupt der Perlen­fi­scher gewählt. Leïla, die neue Tempel­pries­terin, soll Tag und Nacht für das Heil der Perlen­fi­scher beten, um mit ihrem Gesang Schutz vor Unwetter und vor den Gefahren der See bei Brahma zu erflehen. Dazu muss sie schwören, verschleiert zu bleiben. Da tritt der Jäger Nadir auf, ein Jugend­freund Zurgas. Zurga und Nadir erneuern einen alten Treue­schwur: In ihrer Jugend drohte ihre Freund­schaft an einer sich entwi­ckelnden Liebe zu einem Mädchen zu zerbrechen; sie verzich­teten beide auf das Mädchen, um ihre Freund­schaft zu erhalten.

Nadir bemerkt hinter dem Schleier der Tempel­pries­terin ihre gemeinsame Jugend­liebe Leïla und bricht den Treue­schwur, womit auch Leïla gegen ihr Gelübde verstößt. Die Perlen­fi­scher und Zurga bemerken den doppelten Eidbruch und fordern die Hinrichtung der Treulosen. Vor der Hinrichtung überreicht Leïla dem Oberpriester Nourabad eine Kette, um sie vor den Flammen zu retten. Die Halskette ist das Geschenk eines jungen Flücht­lings, dem Leïla vor vielen Jahren das Leben gerettet hatte. Da erkennt Zurga seine Kette und bereut seinen Hass. Er ersinnt einen Plan, Nadir und Leïla zu befreien und das Liebespaar ziehen zu lassen. Er legt im Dorf Feuer, und während die Perlen­fi­scher den Brand löschen, löst er die Fesseln der Verur­teilten. Nach einem kurzen, schmerz­lichen Abschied bleibt Zurga allein zurück.

Chor und Orchester sind auf der Bühne des Gärtner­platz­theaters positio­niert, im Hinter­grund ist eine bunt-exotische Video­in­stal­lation zu sehen, die symbo­lisch den Ablauf der Geschichte und der verschie­denen Orte darstellen soll. Erstellt wurden die Videos, die sich optisch wunderbar in diese konzer­tante Darbietung einfügen, durch Raphael Kurig und Thomas Mahnecke. Zu Beginn der Ouvertüre dreht der Chor sich mit dem Rücken zum Publikum, und Ludwig Mittel­hammer, Sänger der Rolle des Zurga, steht ganz allein vorne, den Klavier­auszug ganz hinten aufge­schlagen, um vor Ende der Ouvertüre wieder abzugehen. Auch in eine konzer­tante Aufführung kann man etwas Drama­turgie und Konzeption bringen. Schnell wird klar, die Geschichte ist eine Rückblende Zurgas, der am Schluss ja ganz allein zurück­bleibt. Es sind an diesem Abend insbe­sondere die markanten und betörenden Stimmen der vier Sänger, die die konzer­tante Aufführung zu einem ergrei­fenden musika­li­schen Erlebnis werden lassen.

Allen voran Jennifer O’Loughlin als Pries­terin Leïla. Die vielseitige Sängerin begeistert mit ihrem klaren, glocken­hellen Sopran, sauber geführten Kolora­turen und der nötigen Dramatik in den Höhen. Aber sie kann auch wunderbare piano-Töne, ihre große Arie Comme autrefois und das anschlie­ßende große Liebes­duett mit Lucian Krasznec als Nadir im zweiten Akt gelingen ergreifend schön. Im Ausdruck verleiht sie der Rolle einen zutiefst mensch­lichen Charakter, gefangen zwischen der Liebe zu Nadir und ihrem Eid als Priesterin.

Lucian Krasznec als Nadir begeistert mit seinem kraft­vollen und sinnlichen Tenor und einer kulti­vierten Stimm­führung, die frei ist von jeglichen Brüchen oder Wacklern. In seiner großen und bekannten Soloarie Je crois entendre encore im ersten Akt gelingt ihm der Regis­ter­wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme in atembe­rau­bender Klarheit, und auch seine piano-Töne sind makellos. Ein Belcanto-Tenor im ursprüng­lichsten Sinne und für diese Rolle eine Ideal­be­setzung, zumal er auch der Zerris­senheit zwischen seiner Liebe zu Leïla und seiner Freund­schaft zu Zurga Ausdruck verleiht.

Foto © Thomas Dashuber

Ihm ebenbürtig in kulti­vierter Stimm­führung und emotio­naler Darstellung ist Ludwig Mittel­hammer als Zurga. Mit seinem markanten Bariton, mit edlem Timbre geführt, gibt er den eifer­süch­tigen Anführer der Perlen­fi­scher mit großem Ausdruck. Das große Perlen­fi­scher­duett Au fond du temple saint im ersten Akt mit Lucian Krasznec, das von der Erinnerung ihrer gemein­samen Jugend­liebe zu Leïla und ihrer Freund­schaft handelt, gelingt zu einem berüh­renden Moment, in dem Tenor und Bariton stimmlich verschmelzen und für einen kurzen Augen­blick harmo­nische Stimm­führung in Perfektion erklingt, wie man es nur noch ganz selten hört. Das Duett rührt zu Tränen und kann vielleicht auch nur unter den Rahmen­be­din­gungen einer konzer­tanten Aufführung so gelingen. Langer starker Applaus nach dem Duett ist der verdiente Lohn.

Der Bassba­riton Timos Sirlantzis als Oberpriester Nourabad legt seine Rolle mit kraft­voller und markanter Stimm­führung an und ist im Ausdruck und Stimm­klang die ideale Ergänzung in dem hochka­rä­tigen Quartett. Der Chor des Staats­theaters am Gärtner­platz ist von Pietro Numico sehr gut vorbe­reitet und bewältigt die vielen Chorszenen in beein­dru­ckender Manier.

Das Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz unter der Leitung von Sébastien Rouland spielt einen inten­siven und gefühl­vollen Bizet. Die kurze Ouvertüre wirkt getragen, fast schon feierlich. Die Einsätze sind präzise, und das Zusam­men­spiel zwischen Orchester, Chor und Solisten ist nahezu perfekt. Seine Begleitung der Solisten zeugt von einem beson­deren Gespür für die Darbietung, er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders in den großen Duetten, mit viel Sensi­bi­lität. Ein Sonderlob haben sich Robert Sailer an der Oboe und Martina Holler an der Harfe für die wunderbare Bühnen­musik verdient.

Das Publikum dankt allen Protago­nisten auf der Bühne am Schluss mit großem und langan­hal­tendem Jubel. Dieser Abend hat wieder einmal gezeigt, dass eine konzer­tante Opern­auf­führung intensiv im Erleben und diese Form der Darbietung eine echte Alter­native sein kann, um selten gespielte Werke einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Da reichen betörende und harmo­nie­rende Stimmen völlig aus. Das Gärtner­platz­theater kann sich glücklich schätzen, vier fantas­tische Sänger, die sowohl stimmlich als auch im Auftreten so harmo­nieren, fest im Ensemble zu haben. Das sollte auch Mut machen, diese Form der Darbietung auch in Zukunft immer wieder anzubieten.

Andreas H. Hölscher

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