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GALA ZUR SAISONERÖFFNNG
(Diverse Komponisten)
Besuch am
7. Januar 2024
(Einmalige Aufführung)
Wenn das Festspielhaus Baden-Baden zur Saisoneröffnungsgala einlädt, bleibt keiner der 2400 Plätze frei und das Publikum spiegelt sich in den glitzernden Pailletten und Accessoires. Zur Begrüßung erscheint Intendant Benedikt Stampa auf der Bühne und erinnert auch an den kürzlich verstorbenen Wolfgang Schäuble, der bis zuletzt amtierender Erster Vorsitzender des Freundeskreises Festspielhaus Baden-Baden war.

Dirigent Karel Mark Chichon, derzeit Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Orquesta Filarmónica de Gran Canaria und immer wieder Gast an den größten Häusern, hat für das Münchner Rundfunkorchester und die beiden Solisten ein Programm aus dem Verismo erstellt, im zweiten Teil ergänzt durch einige Arien aus spanischen Zarzuelas. Am Anfang steht die Ouvertüre aus Giuseppe Verdis Luisa Miller. Chichons Dirigat ist präzise, ohne Effekthascherei, fordernd, und das Orchester folgt ihm gerne. Er atmet und singt innerlich mit den Sängern, schafft exquisite Figuren und zaubert schwebende Stimmungen, bei einem fein abgestimmten, satten Klang. Bei den Zwischenmusiken zeigt das Orchester große Energie und Spaß und liefert den Sängern wunderbare Klangteppiche.
Elīna Garanča, fabelhafte Mezzosopranistin aus Riga, auf dem Zenit ihres Könnens stehend und mit ihrer absolut stupenden Technik begeisternd, eröffnet den Reigen. Sie ist nicht nur eine fantastische Sängerin, sondern auch eine Augenweide in der großen, brokatgeschmückten Abendrobe. Sie beginnt mit der Arie der Titelfigur aus Farncesco Cileas Adriana Lecouvreur und man hat den Eindruck, dass sie quasi den Raum erobert hat, dass es keine Grenzen mehr gibt, wo sich ihr Ton nicht entfalten könnte. Und wenn sie sich später dann als Carmen bei einem langen Ton langsam einmal um die Achse dreht, gewahrt man genau das: die Sängerin klingt in sich, frei von unnatürlichem Vibrato, nur auf dem Atem geflutet, überall im Raum. Als Santuzza in Pietro Mascagnis Cavalleria Rusticana macht sie in ein paar Takten alles klar, die ganze verletzte Liebe, die Rachegelüste. Die im letzten Sommer sehr knapp als Kundry in Bayreuth eingesprungene und dann als Sensation gefeierte Mezzosopranistin besitzt alles, was die Zuschauer glücklich macht: eine unglaublich schöne Stimme, gepaart mit Publikumszugewandtheit und großer emotionaler Intensität, die sich sofort überträgt. Dazu eine kluge Gestaltung und schier endlose Möglichkeiten, was Farben, Kraft und Energie angeht. Als Carmen, jetzt in roter Abendrobe, ist sie mühelos verrucht und hocherotisch.

Jonathan Tetelman, Tenor aus Chile und in den USA aufgewachsen, wird längst als neue Tenorhoffnung gefeiert und hat mit seinem neuen Puccini-Album begeisterte Kritiken gesammelt. In Baden-Baden war er zuletzt in der Inszenierung von Robert Carsen ein gefeierter Werther und wird vom Publikum freudig begrüßt. Mit nobler, heller und durchschlagsfähiger, auch metallbesetzter Tenorstimme singt er sich in die Herzen der Zuhörer. Und vom Äußeren her passt es auch, wie eine Dame in der Pause verrät: endlich wieder ein großer, schöner Tenor! Er ist in der Mitte der dreißiger Jahre, noch jung also, noch nicht ganz so erfahren wie seine Partnerin hier auf der Bühne. Dennoch behauptet er sich gut, weiß technisch genau, was er macht, und hat vor allem auch die strahlende Höhe und Kraft, die es braucht, um die Partien durchzustehen. In der Mittellage könnte er auf der Live-Bühne noch ein bisschen mehr Intensität entwickeln, aber das wird wohl noch kommen, ebenso wie vielleicht eine noch größere Intensität, Farbigkeit und in den richtigen Momenten eine nachgebende Weichheit. Aber es ist natürlich auch schwer, neben einer so großartigen Sängerin wie Garanča zu stehen, die mit ihrem Singen längst ganz innen bei sich angekommen ist und den Raum um sich herum mit flirrender Energie füllt.
Bei den Zarzuelas bilden die beiden ein schönes Paar, tanzen auch schon mal einen Walzer und erlauben sich kleine Scherze. Am Ende steht das Granada von Augustin Lara, dieses Mal aber nicht als sich-alles-beweisen-müssendes Tenorstück, sondern als Duett, im augenscheinlich guten Einverständnis genüsslich zelebriert, einschließlich der pavarottischen Trillerkomödie, aus der Garanča einen phänomenalen Augenblick macht: Das Publikum dankt es beiden mit stehenden Ovationen und entlockt dem Paar drei Zugaben, zuletzt O sole mio von Di Capua.
Jutta Schwegler