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Foto © O-Ton

Von Maike zum Kleinen Düsseldorfer

WEST-LAND-TÄNZE
(Jacqueline Fischer)

Besuch am
11. Januar 2024
(Urauf­führung)

 

Theater der Klänge im Forum Freies Theater, Düsseldorf

Ach, wie schön, denk ich an Palim­psest! So lautete der Titel einer work-in-progress-Aufführung des Theaters der Klänge im Düssel­dorfer Hofgarten vor einem halben Jahr. O‑Ton berichtete. Tempe­ra­turen über 30 Grad im Schatten, eine grandiose Stimmung und das Publikum tanzte begeistert mit. Wunderbar.

Nun schleicht das Publikum sich in den Abend­stunden dick vermummt durch eisige Kälte in das Forum Freies Theater am Haupt­bahnhof, um die damals verspro­chene Urauf­führung von West-Land-Tänze zu erleben. Es sind erstaunlich viele Menschen, die sich für ein längst verlo­ren­ge­glaubtes Thema inter­es­sieren. Jörg Udo Lensing und sein Team beschäf­tigen sich seit geraumer Zeit mit Volks­tänzen und Volks­musik aus dem Raum Westfalen und dem Rheinland. Die Recherche-Ergeb­nisse hat Lensing in einem E‑Book zusam­men­ge­stellt. Auf der prakti­schen Ebene ist daraus ein Tanzabend entstanden, der bewusst die Verknüpfung von Vergan­genheit und Gegenwart unter vielen Aspekten sucht.

In der Bildmitte: Jacqueline Fischer – Foto © O‑Ton

Im Hinter­grund der leeren Bühne sind trans­pa­rente Vorhänge in Schichten aufge­hängt. Links ist die „Musikecke“ aufgebaut. Hier finden Lensing am Mischpult, Jens Barabasch an der Flöte und Chris­tiane Meis mit ihrem Akkordeon Platz. Rechts sind ein paar Stühle aufge­stellt. Wimpel­bänder, wie man sie von Festplätzen kennt, sind beidseits oberhalb der Tribüne bis zum Hinter­grund der Bühne aufge­hängt. Mit zwei Leinen, also minimalen Mitteln, wird hier subtil Stimmung herge­stellt. Das ist großartig. Mindestens so eindrucksvoll, wie auf allen Ebenen die verschie­denen Zeiten mitein­ander verwoben werden. Beginnend mit der Musik, bei der das Trio überlie­ferte Melodien – vermutlich aus Zeiten, als das Wort Melodei noch ganz alltäglich klang – zu elektro­ni­schen Klängen mischt. Corinna di Fiore hat die Tänzer in Kostüme gekleidet, bei denen schwin­gende Röcke an histo­rische Tanzböden erinnern, während Frauen sich in Hosen durch die Gegenwart bewegen.

Jacqueline Fischer hat mit dem Ensemble aus neun Tänzern eine eindrucks­volle und mitrei­ßende Choreo­grafie zusam­men­ge­stellt. Da darf Laura Pilloni eingangs im langen Rock höfische Schritt­folgen zeigen, die von Miriam Arnold, William Lundberg, Francesca Merolla, Julia Monschau, Christian Paul, Mariane Verbecq, Linda Wilhelm und Frederik Brune zunächst verhalten hinter den Vorhängen beobachtet werden, ehe die Schar sich über die Bühne ergießt. Da werden wechsel­weise Gruppen­tänze angedeutet, trennen sich die Tänzer in parallel laufende Szenen oder finden auch schon mal sehr moderne Hebungen im Zentrum statt. Zwischen­durch vertanzt Paul einen Text, den er selbst spricht. Allein der Text ist so schön, dass die etwas gekünstelt wirkenden Bewegungen schon fast redundant wirken. Beginnend mit einem Goethe-Zitat kommt er zu der Frage, was eigentlich Heimat ist, was die Tänze der Heimat ausmachen. Beat, Disco, Techno oder HipHop vermögen vielleicht noch, ein Zusam­men­ge­hö­rig­keits­gefühl hervor­zu­rufen, identi­täts­stiftend sind sie sicher nicht. Wie beispiels­weise ein Tanz namens Maike oder der so genannte Kleine Düssel­dorfer, Tänze, die über Genera­tionen mit den Füßen, Händen und Schultern überliefert wurden. So wie es eben in anderen Ländern heutzutage durchaus noch üblich ist. Da kommt ein bisschen Wehmut auf, wenn man ihm so zuhört. Aber um Sirtaki geht es nicht, betont Paul gleich, um das Publikum nicht mit touris­ti­scher Folklore einzu­lullen. Aber was tanzen wir?

Jörg Udo Lensing, Jens Barabasch und Chris­tiane Meis – Foto © O‑Ton

Mit dieser Frage und einer Änderung des Goethe-Zitats schließt Paul, um den Tänzern wieder Platz zu lassen für ihre Vorstel­lungen, was „Volkstanz“ gestern und heute sein könnte. Eines, das weiß man nach diesem Abend, ist er sicher: ausge­lassen, fröhlich und sorgenfrei. Der Abend lädt ein zu küchen­phi­lo­so­phi­schen Überle­gungen. Was macht der Tanz mit den Tänzern, mit ihren Partnern, mit dem Gegenüber? Man darf die Gedanken schweifen lassen, die Tänzer geben mit ihrer Körper­lichkeit Schüt­zen­hilfe. Und nach einer verflo­genen Stunde ist Schluss mit Assozia­tionen und Vorstellungen.

Dann heißt es, eigene Erfah­rungen zu sammeln. Ermutigt von den Erfah­rungen im vergan­genen Juni, lädt Lensing das Publikum nach der Pause ins Foyer ein, um dort selbst die Wirkung des gemein­samen Tanzes auszu­pro­bieren. Denje­nigen, die es lieber beim Zuschauen belassen, wird schnell schwindlig werden, ob der Geschwin­digkeit, die sich nun auf dem Tanzboden entwi­ckelt. Drei Gruppen finden sich da. Eine kleine Truppe volks­tanz­af­finer Tänzer, die Tänzer der Kompagnie, die vor allem helfen, Berüh­rungs­ängste abzubauen, und die gänzlich unerfah­renen Tanzwil­ligen aus dem Publikum. Fischer bringt der Meute die Chapel­loise, einen Tanz aus der Renais­sance, in atembe­rau­bendem Tempo bei. Das ist wie ein Zeitraffer der eigenen Tanzschul-Erfah­rungen, nur die Spiegelwand fehlt, die in der Pubertät so wichtig war.

Es sind einfache Schritte, behauptete sicher ein Tanzschul­lehrer, der aber genau weiß, dass Schritte für Tanzan­fänger erst mal böhmische Dörfer sind. Fischer lässt sich davon nicht beirren. Während Lensing, Barabasch und Meis auf der Bühne hin und wieder passende Musik zuspielen, leitet die Choreo­grafin energisch, aber nie ungeduldig an, sorgt gleich mit Humor dafür, dass hier niemand etwas allzu ernst nimmt oder gar Übereifer entwi­ckelt. Und so verlassen die inzwi­schen Tanzwü­tigen nicht etwa die Tanzfläche, als Fischer den zweiten zu erler­nenden Tanz, den von ihr selbst entwi­ckelten Branka, ankündigt, sondern erwarten vielmehr gespannt die nächsten Anweisungen.

Selten dürften Besucher eine Aufführung des zeitge­nös­si­schen Tanzes mit so viel Glücks­hor­monen verlassen haben wie an diesem Abend. Und auch wenn die Tanzschulen in Deutschland, die dem ADTV angeschlossen sind, mittler­weile durchaus kritik­würdige Wege gehen und schon gar nicht das Erlernen längst verges­sener Volks­tänze anbieten, lohnt es sich für jeden, einmal über den Besuch eines Tanzkurses nachzudenken.

Wer sich das wunderbare Schau­spiel, das das Theater der Klänge an diesem Abend inklusive eigener Körper­er­tüch­tigung präsen­tiert, noch einmal anschauen möchte, hat dazu am kommenden Samstag und Sonntag Gelegenheit. Unbedingt empfehlenswert.

Michael S. Zerban

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