O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
WEST-LAND-TÄNZE
(Jacqueline Fischer)
Besuch am
11. Januar 2024
(Uraufführung)
Ach, wie schön, denk ich an Palimpsest! So lautete der Titel einer work-in-progress-Aufführung des Theaters der Klänge im Düsseldorfer Hofgarten vor einem halben Jahr. O‑Ton berichtete. Temperaturen über 30 Grad im Schatten, eine grandiose Stimmung und das Publikum tanzte begeistert mit. Wunderbar.
Nun schleicht das Publikum sich in den Abendstunden dick vermummt durch eisige Kälte in das Forum Freies Theater am Hauptbahnhof, um die damals versprochene Uraufführung von West-Land-Tänze zu erleben. Es sind erstaunlich viele Menschen, die sich für ein längst verlorengeglaubtes Thema interessieren. Jörg Udo Lensing und sein Team beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit Volkstänzen und Volksmusik aus dem Raum Westfalen und dem Rheinland. Die Recherche-Ergebnisse hat Lensing in einem E‑Book zusammengestellt. Auf der praktischen Ebene ist daraus ein Tanzabend entstanden, der bewusst die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart unter vielen Aspekten sucht.

Im Hintergrund der leeren Bühne sind transparente Vorhänge in Schichten aufgehängt. Links ist die „Musikecke“ aufgebaut. Hier finden Lensing am Mischpult, Jens Barabasch an der Flöte und Christiane Meis mit ihrem Akkordeon Platz. Rechts sind ein paar Stühle aufgestellt. Wimpelbänder, wie man sie von Festplätzen kennt, sind beidseits oberhalb der Tribüne bis zum Hintergrund der Bühne aufgehängt. Mit zwei Leinen, also minimalen Mitteln, wird hier subtil Stimmung hergestellt. Das ist großartig. Mindestens so eindrucksvoll, wie auf allen Ebenen die verschiedenen Zeiten miteinander verwoben werden. Beginnend mit der Musik, bei der das Trio überlieferte Melodien – vermutlich aus Zeiten, als das Wort Melodei noch ganz alltäglich klang – zu elektronischen Klängen mischt. Corinna di Fiore hat die Tänzer in Kostüme gekleidet, bei denen schwingende Röcke an historische Tanzböden erinnern, während Frauen sich in Hosen durch die Gegenwart bewegen.
Jacqueline Fischer hat mit dem Ensemble aus neun Tänzern eine eindrucksvolle und mitreißende Choreografie zusammengestellt. Da darf Laura Pilloni eingangs im langen Rock höfische Schrittfolgen zeigen, die von Miriam Arnold, William Lundberg, Francesca Merolla, Julia Monschau, Christian Paul, Mariane Verbecq, Linda Wilhelm und Frederik Brune zunächst verhalten hinter den Vorhängen beobachtet werden, ehe die Schar sich über die Bühne ergießt. Da werden wechselweise Gruppentänze angedeutet, trennen sich die Tänzer in parallel laufende Szenen oder finden auch schon mal sehr moderne Hebungen im Zentrum statt. Zwischendurch vertanzt Paul einen Text, den er selbst spricht. Allein der Text ist so schön, dass die etwas gekünstelt wirkenden Bewegungen schon fast redundant wirken. Beginnend mit einem Goethe-Zitat kommt er zu der Frage, was eigentlich Heimat ist, was die Tänze der Heimat ausmachen. Beat, Disco, Techno oder HipHop vermögen vielleicht noch, ein Zusammengehörigkeitsgefühl hervorzurufen, identitätsstiftend sind sie sicher nicht. Wie beispielsweise ein Tanz namens Maike oder der so genannte Kleine Düsseldorfer, Tänze, die über Generationen mit den Füßen, Händen und Schultern überliefert wurden. So wie es eben in anderen Ländern heutzutage durchaus noch üblich ist. Da kommt ein bisschen Wehmut auf, wenn man ihm so zuhört. Aber um Sirtaki geht es nicht, betont Paul gleich, um das Publikum nicht mit touristischer Folklore einzulullen. Aber was tanzen wir?

Mit dieser Frage und einer Änderung des Goethe-Zitats schließt Paul, um den Tänzern wieder Platz zu lassen für ihre Vorstellungen, was „Volkstanz“ gestern und heute sein könnte. Eines, das weiß man nach diesem Abend, ist er sicher: ausgelassen, fröhlich und sorgenfrei. Der Abend lädt ein zu küchenphilosophischen Überlegungen. Was macht der Tanz mit den Tänzern, mit ihren Partnern, mit dem Gegenüber? Man darf die Gedanken schweifen lassen, die Tänzer geben mit ihrer Körperlichkeit Schützenhilfe. Und nach einer verflogenen Stunde ist Schluss mit Assoziationen und Vorstellungen.
Dann heißt es, eigene Erfahrungen zu sammeln. Ermutigt von den Erfahrungen im vergangenen Juni, lädt Lensing das Publikum nach der Pause ins Foyer ein, um dort selbst die Wirkung des gemeinsamen Tanzes auszuprobieren. Denjenigen, die es lieber beim Zuschauen belassen, wird schnell schwindlig werden, ob der Geschwindigkeit, die sich nun auf dem Tanzboden entwickelt. Drei Gruppen finden sich da. Eine kleine Truppe volkstanzaffiner Tänzer, die Tänzer der Kompagnie, die vor allem helfen, Berührungsängste abzubauen, und die gänzlich unerfahrenen Tanzwilligen aus dem Publikum. Fischer bringt der Meute die Chapelloise, einen Tanz aus der Renaissance, in atemberaubendem Tempo bei. Das ist wie ein Zeitraffer der eigenen Tanzschul-Erfahrungen, nur die Spiegelwand fehlt, die in der Pubertät so wichtig war.
Es sind einfache Schritte, behauptete sicher ein Tanzschullehrer, der aber genau weiß, dass Schritte für Tanzanfänger erst mal böhmische Dörfer sind. Fischer lässt sich davon nicht beirren. Während Lensing, Barabasch und Meis auf der Bühne hin und wieder passende Musik zuspielen, leitet die Choreografin energisch, aber nie ungeduldig an, sorgt gleich mit Humor dafür, dass hier niemand etwas allzu ernst nimmt oder gar Übereifer entwickelt. Und so verlassen die inzwischen Tanzwütigen nicht etwa die Tanzfläche, als Fischer den zweiten zu erlernenden Tanz, den von ihr selbst entwickelten Branka, ankündigt, sondern erwarten vielmehr gespannt die nächsten Anweisungen.
Selten dürften Besucher eine Aufführung des zeitgenössischen Tanzes mit so viel Glückshormonen verlassen haben wie an diesem Abend. Und auch wenn die Tanzschulen in Deutschland, die dem ADTV angeschlossen sind, mittlerweile durchaus kritikwürdige Wege gehen und schon gar nicht das Erlernen längst vergessener Volkstänze anbieten, lohnt es sich für jeden, einmal über den Besuch eines Tanzkurses nachzudenken.
Wer sich das wunderbare Schauspiel, das das Theater der Klänge an diesem Abend inklusive eigener Körperertüchtigung präsentiert, noch einmal anschauen möchte, hat dazu am kommenden Samstag und Sonntag Gelegenheit. Unbedingt empfehlenswert.
Michael S. Zerban