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GEHEIMPLAN GEGEN DEUTSCHLAND
(Kay Voges)
Gesehen am
17. Januar 2024
(Livestream)
Es war ein Donnerschlag. Das „Medienhaus Correctiv“ – hier geht es zum Originalartikel – deckte ein Geheimtreffen in einer Villa in Potsdam auf, gerade mal acht Kilometer von der Villa entfernt, in der am 20. Januar 1942 die berüchtigte Wannseekonferenz stattfand. Wer in der Folge Zeitung las, konnte zu der Überzeugung gelangen, dass Deutschlands Untergang besiegelt ist. Was war passiert? Unter dem Namen Düsseldorfer Forum hatte der Zahnarzt Gernot Mörig 20 bis 30 mutmaßliche Neonazis am 25. November vergangenen Jahres in ein vornehmes Landhotel nach Brandenburg eingeladen. Correctiv bespitzelte die Veranstaltung und fand heraus, dass dort darüber fantasiert wurde, wie man 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland vertreiben könne. Die Gästeliste war einigermaßen bizarr. Von der AfD waren Roland Hartwig – mittlerweile entlassene rechte Hand von Alice Weidel – die Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy, Ulrich Siegmund und Tim Krause anwesend, der „Identitäre“ Martin Sellner war aus Österreich angereist, mit Simone Baum und Michaela Schneider kamen Vertreterinnen der Werte-Union der CDU, Silke Schröder, zu dem Zeitpunkt noch im Vorstand des Vereins Deutsche Sprache, und andere obskure Personen erschienen zu dem Treffen. Es darf angenommen werden, dass auch Gelder flossen, um andere rechtsorientierte Gruppierungen zu unterstützen. Danach fuhren alle wieder nach Hause. Das konkrete Ergebnis des Treffens? Zwei Personen verloren in der Folge ihre einflussreichen Positionen. Hartwig wurde entlassen, Schröder musste ihren Vorstandsposten aufgeben.
Kay Voges, Intendant am Volkstheater Wien, veranstaltet zu dem Vorfall eine szenische Lesung am Berliner Ensemble in Kooperation mit dem Volkstheater Wien und Correctiv. Und er versteht es, Öffentlichkeit herzustellen. Die Aufführung wird als Livestream im Internet übertragen. Nach eigenen Angaben über 40 Theater schließen sich dem Vorhaben an und übertragen den Livestream bei freiem Eintritt in ihren Häusern. Man muss sich allerdings bei massivem Schneefall nicht selbst gefährden und auf die Straße begeben. Es reicht, den heimischen Computer einzuschalten.
Auf der Bühne ist ein langer Tisch aufgebaut, rechts und links davon ein Rednerpult, im Hintergrund werden später Projektionen eingeblendet. Offenbar Foto-Material, was dem Theater von Correctiv und Greenpeace zur Verfügung gestellt wurde. Hier finden sich fünf Conférenciers ein: Max Gindorff, Andreas Beck, Veit Schubert, Constanze Becker und Oliver Kraushaar. Der Conférencier hatte seine Hochblüte ab den 1920-er Jahren in den Varietés, Kabaretten und Revuen. Im Gegensatz zum Moderator glänzt der „Zeremonienmeister“, wie man in England diese Funktion nennt, mit eigenen Beiträgen. Warum Voges die veraltete Bezeichnung für die Schauspieler wählt, bleibt sein Geheimnis. Jedenfalls beginnen die Conférenciers nun ihre Vorträge.
Wenn es nicht so viel zu sagen gibt, muss man das Wenige ordentlich aufbauschen. So beginnt der Vortrag mit der Ankunft der Gäste. Auf einem Foto ist ein weißer SUV zu sehen, aus dem, so ist zu erfahren, „Musik“ der Gruppe Freiwild dröhnt. Aus dem Off ertönt „Wir, wir, wir, wir schaffen Deutschland“. Vermutlich als Hinweis darauf, dass das Stück von der Bedeutung von unabhängigem Journalismus handelt, wie es im Untertitel heißt, wird immer wieder Wert auf exakte vulgo rechtssichere Formulierungen gelegt. Das ist nicht wirklich schlüssig. Wenn die Schauspieler sich beispielsweise vorstellen mit „Ich bin die Bühnenfigur von …“ klingt das eher nach ängstlicher Vorbeugung vor Rechtsklagen seitens der Rechten. Und auf die Dauer wirkt es eher kleinlaut. Ja, ja, der sorgfältige Journalist muss vorsichtig sein, wenn er „investigativ“ ermittelt. Selbstverständlich werden auch die „Recherche“-Methoden der Correctiv-Mitarbeiter erläutert. Da hat man sich mit einer Kamera in einem Fahrzeug vor dem Eingang des Landhotels positioniert, ein Mitarbeiter hat ein Zimmer gemietet. Letzterer wird auch im Stück auftauchen, wenn er mit einer Armbanduhr, in die eine Kamera eingebaut ist, die Versammlung wiederholt stört. Außerdem hat man sich auf einem Boot mit einem Tele-Objektiv versteckt. Das Ganze hat weniger von investigativer Recherche als vielmehr von Bespitzelung einer explizit privaten Gesellschaft.

Was im Folgenden zu hören ist, klingt nicht so sehr nach einem Geheimplan gegen Deutschland, so der Titel der Lesung, sondern nach Stammtischparolen bei fortgeschrittenem Alkoholgenuss, wenn die Fantasie allmählich Achterbahn fährt. Auch werden hier keine Pläne geschmiedet, wie der Titel unterstellt, sondern einige unangenehme Zeitgenossen äußern eher wirre Ideen. Man könne ja Menschen mit Migrationshintergrund des Landes verweisen. Man müsse nur zwei Gesetze ändern, dann seien davon auch Menschen betroffen, die längst die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt haben. Einer brüstet sich damit, einen Schlägertrupp gegen einen Antifa-Aussteiger losgeschickt zu haben. Solche Abende gibt es vermutlich wenigstens hundertfach im Jahr. Geschwafel. Die Gedanken sind frei. Und so werden am Ende des Stücks auch nicht etwa Listen, Handlungsanweisungen, Geschwaderaufstellungen oder Ähnliches präsentiert, was auf einen tatsächlichen Plan hindeuten könnte. Stattdessen wird zum Abschluss der Rücken eines Mannes vor dem Eingang des Landhotels gezeigt, der mit einem Smartphone ein Foto vom Eingang macht. Ob da der Verfassungsschutz aktiv sei, wird gewitzelt.
Und genau da liegt das Problem der Correctiv-„Recherche“. Es ist absolut kein Geheimnis, dass es in Deutschland Wirrköpfe und Ewiggestrige gibt, die glauben, ihr Heil im Rechtsextremismus zu finden. Es ist auch durchaus bekannt, dass diese Spinner versuchen, Anhänger für ihre Fantasien zu finden und damit so erfolgreich sind wie Ornithologen, die Gleichgesinnte für ihr Hobby suchen. Das aufzubauschen ist kein Journalismus, sondern Alarmismus. Interessant an dieser Begebenheit kann vielmehr nur die Frage sein, ob Verfassungs- und Staatsschutz vor Ort waren und ihre Arbeit gemacht haben, nämlich untersucht haben, inwieweit es hier strafrechtlich relevante Tatbestände gab und sie auch verfolgt haben. Das haben die Correctiv-Mitarbeiter offenbar nicht herausgefunden. Aber genau das muss in einem wehrhaften Rechtsstaat interessieren. Rechtsextremisten interessieren sich wenig dafür, ob Menschen auf die Straßen gehen, um gegen sie zu demonstrieren. Erst, wenn die zuständigen Behörden – und nicht Journalisten – sie am Wickel packen, wird es eng für sie. Von den Journalisten möchten die Bürger erfahren, ob diese Behörden ihre Arbeit auch ordentlich erledigen, da solche Instanzen sich erfahrungsgemäß lieber in Schweigen hüllen, obwohl es ein berechtigtes öffentliches Interesse gibt.
Man kann sich an diesem Abend – und der Livestream ist weiterhin als Aufzeichnung verfügbar – über die Leistung der Darsteller freuen, die die Texte von Lolita Lax, Jean Peters und Kay Voges einigermaßen unfallfrei und mitunter gar amüsant über die Bühne bringen. Ein schales Gefühl bleibt, wenn das Theater sich mehr mit dem Alarmismus von Medien als mit den ernsthaften Fragen beschäftigt.
Michael S. Zerban