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FRAU ADA DENKT UNERHÖRTES
(Martina Clavadetscher)
Besuch am
19. Januar 2024
(Premiere am 13. Januar 2024)
Lange wehrten sich die männerdominierten Wissenschaften gegen die Einflussnahme von Frauen, nicht selten mit fragwürdigen Methoden. Man denke hier beispielsweise an Lise Meitner, die 1938 gemeinsam mit ihrem berühmten Kollegen Otto Hahn die Kernspaltung entdeckte. Den Nobelpreis für Physik erhielt Hahn allein. Rosalind Franklin entwickelte eine Theorie zur DNA-Struktur und bereitete damit die Grundlage für die Entdeckung der DNA-Doppelhelix. Auch hier erhielten Männer den Nobelpreis. Glücklicherweise sind hier viele Dinge längst ins rechte Licht gerückt worden – und zwar nicht erst von den „Feministinnen“ der Gegenwart. Bereits in den 1970-er Jahren wurde eine Computersprache Ada genannt. Um Ada Lovelace posthum zu ehren, die als erster Mensch gilt, der ein Computerprogramm entwickelte.

Die Kinder berühmter Eltern haben es entgegen landläufiger Meinung oft schwer. Treten sie in die Fußstapfen ihrer Eltern, müssen sie sich erst doppelt beweisen, schlagen sie eine andere Laufbahn ein, sehen sie sich oft mit der Frage konfrontiert, warum sie nicht den Spuren ihrer Eltern folgen. Besonders pikant war der Fall von Augusta Ada Byron, der Tochter von George Gordon Noel, der als Lord Byron als britischer Dichter, Dandy und Schwärmer berühmt wurde. Ihr versuchte die eigene Mutter Steine in den Weg zu legen, um zu verhindern, dass sie den Schwärmereien des Vaters folgte. Also verlegte Ada sich auf die Mathematik. So lernte sie bei einer Soirée den Mathematiker Charles Babbage kennen, der ihr seine Studien für eine analytische Maschine anvertraute. Sie erkannte, dass die Maschine mehr als nur Zahlen verarbeiten konnte und entwickelte daraus die erste Computersprache der Welt.
Martina Clavadetscher, schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin, griff den Fall auf. Anstatt es bei einem biografischen Stück über Ada Lovelace zu belassen, kombiniert sie die Geschichte mit der Entwicklung von so genannter Künstlicher Intelligenz. Eine seltsame Mischung, die aber bei ihrer Uraufführung Ende September des Jahres 2019 – glaubt man den Fotos – aufgrund einer aufwändigen Inszenierung funktionierte. Nun hat das Rheinische Landestheater Neuss Thomas Goritzki mit einer Inszenierung beauftragt.

Goritzki gibt sich alle Mühe, das Stück langatmig zu gestalten und so aufzubrechen, dass mögliche Zusammenhänge zwischen den beiden Teilen, die allerdings auch schwer zu erkennen sind, vollends verlorengehen. Dazu trägt Heiko Mönnich, der für Kostüme und Bühne sorgt, sein Teil bei. Was im ersten Teil wie ein englischer Salon Anfang des 19. Jahrhundert wirkt und mit einem Balkonüberbau für zwei Ebenen sorgt, wird später eine kalte, weiße Guckkastenbühne mit drei Schiebetüren, die gar nicht oft genug geöffnet und geschlossen werden können. Aus Ada Lovelace, einer attraktiven, brünetten Dame der Gesellschaft, entsteht bei Mönnich eine eher kränkelnde Blondine. Dafür mag sprechen, dass Lovelace tatsächlich bereits im Alter von 36 Jahren an einer gynäkologischen Krebserkrankung starb. Der Persönlichkeit von Lovelace wird es dennoch nicht gerecht. Großartig hingegen das Kostüm ihrer Mutter. Und auch die beiden Puppen, die aus Adas Kinderzimmer zum Leben erweckt werden und alle übrigen Rollen spielen, sind niedlich anzuschauen. Das Kostüm des stummen Dieners, der auch im Forschungslabor wieder auftaucht, schindet ebenfalls Eindruck. Auf dem Campus regiert die wissenschaftliche Nüchternheit.
Der Stoff gibt selbst für historisch interessierte Besucher nicht genug her, um daraus einen mehr als zweistündigen Abend zu gestalten. Und tatsächlich: Streicht man die Regie-Einfälle, wie etwa die permanente Wiederholung von Nebelwallungen, durch die der stumme Diener schreitet, geht wenig verloren. Frieda Küppers hält die Rolle eisern durch. Juliane Pempelfort spielt sowohl die Ada als auch die Künstliche Intelligenz, die sich ständig unglaubhaft weiterentwickelt. Antonia Schirmeister gefällt als Mutter und macht als Wissenschaftlerin Keller eine gute Figur. Anton Löwe und Simon Rußig übernehmen die Rollen der Puppen und der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Das funktioniert bei einigen sprachlichen Stolperern in der zweiten Vorstellung auch ganz gut. Trotzdem will der Funke weder im ersten noch im zweiten Teil überspringen. Dazu mag auch beitragen, dass die männlichen Akteure den Abend auf der Bühne nicht überleben und das als Evolution bezeichnet wird. Da bleibt zu hoffen, dass es sich um eine unüberlegte Pointe handeln soll. Bestenfalls.
Dass man in Neuss schon wesentlich Besseres gesehen hat, scheint sich herumgesprochen zu haben. So ist der Saal bei der zweiten Vorstellung mit viel Wohlwollen maximal zur Hälfte besetzt. Der maue Applaus belegt immerhin, dass die Leistungen der Darsteller überzeugen können.
Michael S. Zerban