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EMILIA GALOTTI @ WHITEBOXX
(Gotthold Ephraim Lessing)
Besuch am
20. Januar 2024
(Premiere)
Wer bei einer großen Suchmaschine Emilia Galotti eingibt, stößt dort auf „Rezensionen“. Da haben sich offenbar Schüler geäußert, die das Theaterstück von Gotthold Ephraim Lessing für den Unterricht lesen mussten. Da fährt einem der Schreck ordentlich in die Glieder. Von der Rechtschreibung soll hier gar nicht erst die Rede sein. Aber was da zu lesen ist, kommt einem Totalversagen der Institution Schule gleich. Die Schüler haben augenscheinlich überhaupt keinen Zugang zu dem Klassiker. Es wäre ja gar nicht schlimm, wenn sie die Sprache nicht verstehen, was ihnen bei fehlender Anleitung nicht zu verdenken ist. Aber die völlig fehlende Bereitschaft, sich mit unbekanntem Terrain auseinanderzusetzen, ist geradezu beängstigend. Was hier schief läuft, kann auch kein Theater mehr auffangen. Selbst dann nicht, wenn Tom Gerber seine Interpretation auf der Bühne anbietet.

Der Regisseur hat das Werk Lessings unter dem Titel Emilia Galotti @ Whiteboxx für das Studio des Rheinischen Landestheaters Neuss inszeniert. Wie es sich für einen Klassiker gehört, bieten sich viele Interpretationsmöglichkeiten an. Gerber hat sich zunächst für das Vernünftigste entschieden. Er hat das Stück intelligent auf 75 Minuten gekürzt. Zur Erinnerung: Emilia Galotti will den Grafen Appiani heiraten, als ihr Prinz Hettore bedeutet, dass er sich in sie verliebt hat. Vater Galotti weiß davon nichts, sondern freut sich auf seinen Schwiegersohn. Der fällt einem Hinterhalt zum Opfer, den der Kammerherr des Prinzen ihm stellt. Die Verbindungen sind allzu deutlich. Um die Tugend seiner Tochter zu retten, sie also dem möglichen Einfluss des Prinzen zu entziehen, tötet Vater Odoardo sie.
Gerber hat zwei Probleme mit dem Stück. Das eine ist das, zu dem die oben erwähnten Schüler keinen Zugang finden: die altertümliche Sprache des 18. Jahrhunderts. Das andere ist die zeitliche Einordnung des Stücks. Welchen Einfluss hat der Adel heute noch? Wie kann man frühere Machtkonstruktionen verstehen, wenn man als 18-Jähriger gerade seine Kontakte auf What’sApp pflegt? Die Antwort ist im Rückblick einfach. Man belässt die Sprache und steckt die Akteure in Kostüme, die auf die Vergangenheit verweisen und gleichzeitig in die Fantasie des Theaters deuten. Vom Dreispitz über das Barock-Kostüm bis zum Harlekin ist alles dabei. Das Theater greift Raum – in einem Bretterverschlag, den Gerber in eine Guckkastenbühne gebaut hat. Hinter den beiden lückenhaften Bretterwänden, die die Möglichkeit für eine interessante Beleuchtung bieten, ist Platz für einen Gang, in dem die Figuren eine beobachtende Position einnehmen.

An diesem Unort kann der Regisseur das entfalten, was Lessing am besten konnte. Mit hervorragenden Schauspielern die deutlich gezeichneten Charaktere der Protagonisten zeigen. Da ist zuerst Fenna Benetz zu nennen, die ihr Solo zur Eröffnung überzeugend darstellt, aber als Prinz Hettore eher noch gewinnt, wenn sie mehr Möglichkeiten bekommt, Feinheiten darzustellen. Auch Hergard Engert steigert sich von Claudia Galotti, der Mutter Emilias, zur Gräfin Orsina mit gewagtem Ausschnitt und einer gehörigen Portion Erotik, die sich angenehm vom Blümchen Rühr-mich-nicht-an der Emilia abhebt. Zahlreiche Rollenwechsel zwischendurch, die mitunter nur durch das Tragen einer weißen Maske angedeutet werden, verlangen schon eine gehörige Portion Konzentration. Da fällt es bei Johannes Bauer geradezu leicht, zwischen dem Grafen Appiani und Marinelli, dem Kammerherrn des Prinzen, zu unterscheiden. In der Rolle des Odoardo überzeugt Stefan Schleue auch dann, wenn der Regisseur ihm nicht viel mehr zu unternehmen aufgibt, als wissend oder fragend zu blicken. Dass die ungewohnte Sprache funktioniert, ist vor allem den Darstellern zu verdanken, die sich fehlerfrei und mit der richtigen Intonation als herausragend vorbereitet präsentieren.
Genussvoll dürfen sich die Zuschauer auf das schon märchenhaft wirkende Ambiente einlassen, fast möchte man vergessen, dass es sich eigentlich um einen Kriminalfall handelt, in dem der allzu tugendhafte Odoardo von dem taktierenden Prinzen derart in die Enge gedrängt wird, dass ihm kein anderer Ausweg als der Mord an seiner eigenen Tochter mehr möglich zu sein scheint. Warum die am Schluss alle Schuld auf sich nimmt, bleibt rätselhaft.
Das Publikum ist hingerissen von der darstellerischen Leistung, weiß aber am Ende auch die liebevolle Umsetzung ausreichend zu würdigen. Der Inszenierung ist zu wünschen, dass sie vor allem von vielen Schülern und gerade von denen erlebt wird, denen in der Schule offenbar der Zugang zu älterer Literatur verwehrt wird.
Michael S. Zerban