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DER GOLDENE HAHN
(Nikolai Rimski-Korsakow)
Besuch am
28. Januar 2024
(Premiere)
Es gibt viele Arten von Märchen: heitere, traurige, reale, surreale, satirische, mysteriöse, belehrende und viele mehr. Bei Der Goldene Hahn handelt es sich um ein Düsteres, Surreales, mit einem kräftigen Schuss an politischer Satire.
Es ist Nikolai Rimski-Korsakows letzte Oper, posthum 1909 uraufgeführt. Die Oper basiert auf Alexander Puschkins Gedicht Das Märchen vom Zaren Saltan und entführt in eine Welt, in der Magie und Realität verschwimmen.
Im Zentrum steht König Dodon, eine Figur, die in ihrer tragikomischen Hilflosigkeit und naiven Herrschsucht die Schwächen der politischen Führung verkörpert. Er ist besorgt um die Sicherheit seines Reiches, erhält von einem geheimnisvollen Astrologen einen goldenen Hahn, der vor drohenden Gefahren warnen soll. Der Hahn, ein Symbol für prophetische Wahrheit, kündigt mit seinem schrillen Krähen nicht nur Gefahr an, sondern offenbart auch die Unzulänglichkeiten des Königs. Im Gegenzug verspricht der König, dem Astrologen alles zu geben, was er sich wünscht.

Der Hahn erfüllt seine Aufgabe und warnt den König vor Angriffen, woraufhin Dodons zwei Söhne ausziehen, um die Feinde zu bekämpfen. Beide kommen jedoch auf mysteriöse Weise ums Leben. Dodon begibt sich daraufhin selbst auf das Schlachtfeld, wo er auf die schöne Königin von Schemacha trifft, in die er sich sofort verliebt. Sie verkörpert orientalische Pracht und verfügt über rätselhafte Verführungskünste – deutlich zu erkennen sind hier Motive aus Rimski-Korsakows wohl bekanntestem Stück, der Scheherezade.
Die Königin manipuliert Dodon, um ihn an ihren Hof zu bringen. Dort verfällt er ihrem Charme und vergisst seine Pflichten gegenüber seinem eigenen Reich. Als der Astrologe seinen Lohn für den goldenen Hahn einfordert, entscheidet er sich, die Königin als Preis zu verlangen. Dodon lehnt das ab, tötet den Astrologen, woraufhin Dodon vom Hahn getötet wird. Die Oper endet mit der Enthüllung, dass die gesamte Geschichte nur eine Illusion des Astrologen war, der kopflos aufersteht.
Das tragische Ende, in dem Dodon durch den Hahn getötet wird, offenbart die Ironie des Schicksals und die Illusion der Macht. Der Schlussakt, in dem sich herausstellt, dass alles nur eine Inszenierung des Astrologen war, ist ein brillanter Schachzug, der die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verwischt.
Barrie Kosky versteht das Märchen als düstere Vision, zeitlos, ortlos und universell gültig in der Aussage und Geltung heute. Rufus Didwiszus hat eine trostlose Landschaft entworfen – die Bühne ist von gebündelten, vertrockneten Steppengräsern umrandet und wird von einem toten Baum dominiert. Auf dem Baum sitzt der goldene Hahn und hält Ausschau. Victoria Behr lässt König Dodon in seiner ziemlich primitiven Unterwäsche auftreten – einzig eine simple Krone verleiht ihm seine Autorität. Dagegen erhält die Königin von Schemacha eine prächtige, wenn auch schlichte Flapper-Robe mit unzähligen Perlenfransen und einen extravaganten Kopfputz mit weißen Straußenfedern. Besondere Begeisterung beim Publikum ruft die Pferdetruppe mit ihrer strapsartigen Beinkleidung hervor, die in der schon berühmt-witzigen Choreografie von Otto Pichler immer wieder antänzelt.

Die Oper steht und fällt mit zwei starken Protagonisten – König Dodon und der Königin von Schemacha. Da kann sich die Komische Oper mit Dmitry Ulyanov und Kseniia Proshina glücklich schätzen. Eindeutig grandios ist der König von Ulyanov – mit seinem farbenreichen Bass, imposanter Figur und facettenreichem Spiel weckt er die Figur, die eigentlich nur im Schlaf regieren will, mit gerade dem richtigen Grad an abwechselnder Trägheit und Urenergie zum Leben. Seine Gegenspielerin ist Proshina, die mit ihrem glasklaren Koloratursopran durch ihre raffinierte Kühle und Eleganz jeden bezirzen kann. Der goldene Hahn wird szenisch stumm von Daniel Daniela Ojeda Yrureta mit langen, ausdrucksvollen Fingern und staksigen Beinen dargestellt. Julia Muzychenko ist seine Stimme, und mit eindringlichem Sopran warnt sie vor Gefahren. Mezzo Margarita Nekrasova gibt ihren beiden Rollen Amelfa und Aufseherin starke Auftritte, ebenso wie Tenor James Kryshak als Astrologe. Auch bei diesen beiden Figuren merkt man die Regie-Feinarbeit von Barrie Kosky – da sitzt jede Geste, jeder tapsige Schritt, jeder ironische Blick.
Im Graben gibt James Gaffigan sein Einstand als neuer Generalmusikdirektor. Er entfaltet die opulente Klangwelt von Rimski-Korsakow, in der die Streicher mit ihrer üppigen Schwelgerei, die Bläser mit einem Hauch des Exotischen und das Ensemble als Ganzes mit einer Brillanz und Pracht hervortreten, die ihresgleichen sucht. Doch versteht es Gaffigan mit äußerster Präzision, dort Kraft einzusetzen, wo sie am meisten gebietet – insbesondere im finalen Akt, wo die Dynamik spürbar an Fahrt gewinnt und die Darbietung einem fulminanten Höhepunkt entgegensteuert.
Die Produktion entstand als eine Koproduktion mit dem Festival in Aix-en-Provence, der Opéra National de Lyon und dem Adelaide Festival. Dennoch gilt sie als ein selten gespieltes Werk und ist hier auf eine pausenlose Länge von zwei Stunden gerafft. Es wird in der Originalsprache russisch gesungen.
Der Goldene Hahn ist mehr als nur eine Oper; es ist eine tiefgründige Reflexion über Macht, Täuschung und die oft trügerische Natur menschlicher Wünsche, clever verpackt in eine oft groteske Allegorie, die sowohl dramatisch wie musikalisch unterhält als auch zum Nachdenken anregt.
Zenaida des Aubris