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DIE GERECHTEN
(Albert Camus)
Besuch am
3. Februar 2024
(Premiere am 2. Februar 2024)
Only ask Valery in der Halle der Freizeiteinrichtung Icklack, Düsseldorf
Kann denn niemand mal diesen alten Mann in Russland beseitigen, damit wieder Frieden in der Ukraine herrscht? Eine Frage, die in diesen Tagen nicht nur an den Stammtischen gestellt wird. Und während Politiker über die Frage diskutieren, ob das, was ein israelischer Spitzenpolitiker im Gaza-Streifen betreibt, eigentlich ein Völkermord ist, wenden sich immer mehr Menschen gegen das Tabu, Kriegshandlungen der Israeli in ihrer Verhältnismäßigkeit anzuzweifeln. Solche Fragen und Diskussionen sind nicht neu, nur brandaktuell. Aber immer noch unbeantwortet. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1905 verübte Iwan Kaljajew ein Attentat auf den russischen Großfürsten Sergej Alexandrowitsch Romanow. 1949 versuchte Albert Camus, das Ereignis in seinem Stück Die Gerechten zu verarbeiten.

In dem Fünfakter beschließt eine Gruppe, den Großfürsten mit einer Bombe während seiner Fahrt zum Theater zu töten. Der erste Versuch schlägt fehl, weil in der Kutsche Sergejs seine Nichte und Neffe mitfahren. In der Gruppe entfacht eine Diskussion, wie viel Opfer man für „die gute Sache“ in Kauf nehmen müsse. Ein erneuter Versuch gelingt. Der Attentäter wird festgenommen und zum Tode verurteilt. Anschließend bereitet die Gruppe einen neuen Anschlag vor, um den Tod Kaljajews zu rächen. Ein großartiges Gedankenspiel, in dem man eigentlich nur die Namen zu ändern bräuchte, um es auf das Jahr 2024 anzuwenden. Kaum verwunderlich, dass es nicht gerade landauf, landab in jedem Theater aufgeführt wird. Schließlich sind die Theater mit anderen, weitaus wichtigeren Themen beschäftigt. Ach ja, und mit der Diskussion, warum sie im gesellschaftlichen Diskurs niemand mehr wahrnimmt.
Bis auf Only ask Valery!, das Theaterensemble von Michael Stieleke. Zur Erinnerung: 2016 ging Stieleke als Deutschlehrer in den Ruhestand und gründete das Ensemble, um seine bis dahin 35-jährige Theaterarbeit mit Jugendlichen auch nach der Schule fortzusetzen. Jetzt hat Stieleke gemeinsam mit Gila Maria Becker und Leonhard Menges eine einstündige Fassung der Gerechten erarbeitet. Inszeniert hat Stieleke das Stück in der Mehrzweckhalle der Freizeiteinrichtung Icklack in einem Düsseldorfer Stadtteil, von dem es lapidar heißt: „Flingern-Süd ist abgehängt“. Die Freizeiteinrichtung ist dabei eher ein Hoffnungsträger, was vor allem die Arbeit mit Jugendlichen angeht. Die ehemalige Turnhalle, heute mit Graffitis angesprüht, die sich bis ins Innere auf großformatigen Bildern fortsetzen, scheint dabei eine ausgezeichnete Wahl, auch wenn die Raumtemperatur nicht gerade eben kuschelig ist, um über Revolution zur Weltverbesserung nachzudenken.

Regisseur Stieleke selbst übernimmt den Einlass, beglückt, dass die Halle bei der zweiten Aufführung überbucht ist. Hinter den Saaltüren ist eine Tribüne aufgebaut, vor der sich eine weiße Fläche aufspannt, die nach hinten durch einen weißen Vorhang begrenzt ist. Rechts davon sind zwei Stühle und eine kleine Musikanlage für die Musiker aufgebaut. Auch die Kostüme von Lisa Kanthack sind in weiß gehalten, dem grellen Leuchten der Unschuld. Stefan Heitz bleibt der Farbe mit seinem Licht treu. Bis auf die Projektionen von Cecilia Gläsker und Fabian Schulz, die sich auf die Musikeinspielungen beschränken, soll hier nichts von den Konflikten auf der Bühne ablenken. Wenn Fabian Greiner und Bene Sienz mit Bass und E‑Gitarre beziehungsweise akustischer Gitarre mit Verstärker ihre Lieder singen, dient das eher zur Entspannung der Zuschauer, die hier in den Dialogen allerhand starken Tobak geboten bekommen.
Wenn heute keine Jugendlichen auf der Bühne stehen, hat das zum einen mit der Glaubwürdigkeit der Aufführung zu tun, zum anderen aber auch damit, welch einzigartige Arbeit Stieleke in der Vergangenheit geleistet hat. Denn die erwachsenen Darsteller, „professionelle Theater- und Filmleute“, haben alle als Jugendliche mit Stieleke gearbeitet und sind nun zu ihren künstlerischen Wurzeln zurückgekehrt. Fabienne Uwira spielt Dora Dulebow, die liebende, moderierende und schlussendlich auch entlarvende Revolutionärin – in anderen Quellen wird die Gruppe als Terroristen bezeichnet. Yannic Vetter gibt den weltentrückten, idealistischen Attentäter Janek Kaljajew, der sich in Dora verliebt, mindestens ebenso glaubwürdig. Als Anführer Borja Annenkow verkörpert Markus Wilharm den Entscheider, der sich der Sache loyal zeigt, obwohl er eigentlich anders möchte. Es mag an der Rolle liegen, dass das etwas aufgesetzt wirkt. Ben Gageik jedenfalls bringt die nötige Härte als „linientreuer“ Killertyp auf, die ihm sämtliche Sympathien verscherzt. Sehr gut.
Die Unterkühlung, die Stieleke bewusst schafft, funktioniert gut. Hier kommen keine Ideen von „verträumten Revoluzzern“ auf, der „Sieg“ in Form der explodierenden Bombe fällt still aus. Da gibt es auf dem Nachhauseweg einiges nachzudenken. Bis dahin fällt der Applaus umfangreich aus. Man muss derzeit lange suchen, um Stücke solcher Qualität zu finden. An den Stadttheatern sind sie rar. In Düsseldorf gibt es nur noch eine Aufführung am 4. Februar.
Michael S. Zerban