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ROMANTARCTICA
(Diverse Komponisten)
Besuch am
4. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)
Es könnte genauso gut die Szene zu Beginn eines Horrorfilms sein. Wolkenverhangener Himmel, Sprühregen stäubt über die menschenleere Straße, die an der Kulisse des Neusser Hafens entlangführt. Ein einzelnes Fahrzeug rollt über den maroden Asphalt. Es ist nicht der Ort und nicht die Zeit, um hier allein herzufahren. Ordentliche Menschen laufen gerade irgendwo zur nächstgelegenen Kirche oder genießen besser noch ein ausgiebiges Frühstück im kuscheligen Morgenmantel. Zu etwas anderem taugt dieser Sonntagmorgen nicht. Und doch kehrt der Fahrer nicht aus erfolgreicher Schlacht gegen Geisterwesen zurück, und er ist auch nicht auf dem Weg, Dämonen zu erlegen. Er ist auf dem Weg in ein Konzert. Dreht das Radio leiser, ehe er auf den Parkplatz einbiegt. Während der wenigen Meter durch das wabernde Regenband bis zum Ziel zieht die feuchte Kälte in die Kleidung. Konzerte, die morgens um elf Uhr beginnen, müssen schon etwas ganz Besonderes sein – oder richten sich vielleicht an präsenile Bettflüchter, die seit sechs Uhr morgens darauf warten, dass der Tag ihnen Abwechslung beschert. Davon gibt es wohl mehr als gedacht, denn im Neusser Zeughaus, das die Stadt gern als ihren Konzertsaal sieht, herrscht emsiges Treiben. Also ist es entweder der Tanz der Vampire, oder die Gruselklamotte endet hier.

Die Deutsche Kammerakademie Neuss hat zu ihrem dritten Abonnementkonzert eingeladen. Und das Streicherensemble wartet mit Gästen auf, die ein ungewöhnliches Klangerlebnis versprechen. Henning Kraggerud ist 1973 in Oslo geboren, nach seinem Studium als Geiger und Bratschist begann er eine atemberaubende Karriere als Solist, Dirigent und Komponist. Als Professor lehrt er in Oslo und Manchester. In Neuss war er 2019 zum ersten Mal eingeladen. Eine weitere bereits geplante Aufführung scheiterte an der Corona-Pandemie. Jetzt tritt er gemeinsam mit seiner Tochter auf. Alma ist 2006 geboren und hat ebenfalls bereits etliche Meriten gesammelt. Mit fünf Jahren begann sie ihren Geigenunterricht, hat mehrere Wettbewerbe gewonnen und tritt als Solistin auf, wenn sie nicht bei Kammermusik-Festivals konzertiert. Muss man da vor Ehrfurcht erstarren? In Deutschland vielleicht. Außer heute in Neuss.
Vor dem offiziell angekündigten Programm schieben die beiden Gäste Henning Kraggeruds Duo in D ein, bei dem sie gleich mal das Konzertpodium verlassen und durch den Saal toben. Na, das wird sich gleich schon geben. Denn als nächstes steht von Johann Sebastian Bach das Konzert für zwei Violinen und Orchester in d‑Moll, BWV 1043, auf dem Programm. Aber schon mit dem Vivace wird klar, dass es Kraggerud nicht um die Würde der Klassik, sondern eher um den Spaß an der Musik geht. So wird der Satz zum echten Wachmacher, ehe es mit dem Largo ma non tanto fast schon romantisch-verträumt wird, ohne auf den Glanz der Leichtigkeit zu verzichten. Im nachfolgenden Allegro schwingt sich die Kammerakademie lustvoll und mit Verve zu einer Interpretation auf, die an Freude nichts vermissen lässt.
Kraggerud greift im anschließenden Jubel des Publikums zum Mikrofon, um sechs Rumänische Volkstänze für Streichorchester von Béla Bartók im Arrangement von Arthur Willner anzukündigen. Seine launige Erklärung auf Englisch dauert länger als die Darbietung selbst. Aber das verrät er erst, als er mit seiner Ansprache zu Ende ist. Und nun? Feierliche Aufstellung, um zum Stab‑, Rund‑, Stampf- und Kettentanz, der Polka und dem Kettentanz aufzuspielen? Nichts dergleichen. Da tanzen Tochter und Vater gleich mit. Das kann man ganz gut, wenn man sein Instrument souverän beherrscht, so zum Beispiel mit 17. Und um zu tanzen, wurde diese Musik schließlich erfunden.

Nach der Pause wird es nicht nur moderner, sondern auch ernster, nachdem Vater und Tochter wiederum mit einem Duo einleiten, dass ein schönes Arrangement von Mozart und Mendelssohn darstellt. Um nicht weniger als den menschlichen Entdeckergeist geht es bei Romantarctica, dem Stück, das Henning Kraggerud 2021 im Auftrag der Arctic Philharmonic im norwegischen Tromsø und des Tasmanian Symphony Orchestra komponierte. Von den beiden Orten aus starteten 1911 Robert Falcon Scott und Roald Amundsen ihren Wettlauf zum Südpol. Kraggerud erzählt die Geschichte aus Sicht der beiden Forscher, wenn er Kanons spielen lässt, „in denen ein Thema im Abstand von nur acht Tönen sich selbst hinterherjagt“. Und auch der Tod reist ständig mit. Am 18. Februar 2021 wurde das Stück in Tromsø in einer Fassung für Flöte, Bratsche und Streichorchester uraufgeführt, heute wird die Flöte durch die Geige Alma Kraggeruds ersetzt, und es klingt wunderbar. Schon jetzt springen die ersten Zuschauer auf, um ihrer Freude über das Stück und seine Interpretation bei Applaus Ausdruck zu verleihen, ehe die Konzertdramaturgie zum mitreißenden Finale wechselt.
Orawa ist eine Region in den Karpaten zwischen dem südlichen Polen und der nördlichen Slowakei. Über diesen Landstrich hat Wojciech Kilar sein bekanntestes Werk 1986 komponiert: „Orawa“ für Streichorchester. Es beginnt recht harmlos mit einem kurzen Motiv, das im Stil der Minimal music ständig wiederholt und erweitert wird, bis schließlich das gesamte Ensemble sich zu sportlichen Leistungen aufschwingt, um Tempo und Lautstärke zu evozieren. Die Kammerakademie bekommt das unter der Leitung eines enthusiastischen Kraggerud meisterhaft hin. Das Publikum ist hin und weg.
Und um nur ja die zwei Stunden vollzubekommen, ergänzen Alma und Henning noch mit zwei eigenen Arrangements als Zugaben, die wiederum vor den Stufen des Podiums stattfinden: Ein Stück aus Vivaldis Vier Jahreszeiten und das Stück Deilig er Jorden. Und hat es sich dafür gelohnt, am Sonntagmorgen auf Schlaf, Messe, Frühstück oder Frühschoppen zu verzichten? Sagen wir so: Vielleicht, aber eine Abendveranstaltung hätte es noch toppen können. Eines aber ist gewiss. Es wird nicht der letzte Auftritt von Henning Kraggerud in Neuss gewesen sein – und das ist verdammt gut so.
Michael S. Zerban