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IL VIAGGIO A REIMS
(Gioacchino Rossini)
Besuch am
7. Februar 2024
(Premiere am 13. Januar 2024)
Die formal kaum verlässlich einzuordnende Oper Il Viaggio a Reims – Die Reise nach Reims – ist nicht nur Gioacchino Rossinis skurrilstes Bühnenwerk, sondern eins der originellsten des Repertoires überhaupt. Für das Aachener Theater bietet sich der Zweiakter geradezu als Steilvorlage an. Uraufgeführt wurde das Werk 1825, im Gründungsjahr des Aachener Sinfonieorchesters. Reims ist die Partnerstadt Aachens, und die Schluss-Revue mit ihrer Folge von Nationalhymen und Tänzen verschiedener Regionen unseres Kontinents beschwört bereits einen europäischen Geist, dem mit dem Karlspreis der Stadt Aachen Jahr für Jahr aufs Neue gehuldigt wird. Entstanden ist die Oper zwar nicht zur Krönung Karls des Großen, aber zur Inthronisation Karls X., von dem man sich eine friedliche Herrschaft über die Grenzen Frankreichs hinaus erhoffte, die allerdings schon mit der Juli-Revolution 1830 ihr Ende fand.
Gedacht war das Werk ursprünglich gar nicht für die öffentliche Bühne. Deshalb ist es nach wenigen Aufführungen auch in Vergessenheit geraten und wurde erst 1984 wiederbelebt. Trotz des eher privaten Rahmens durfte Rossini in seiner ersten für Paris geschriebenen und seiner letzten italienischsprachigen Oper auffahren, was sich das repräsentationssüchtige Herrscherhaus leisten konnte und wollte. 18 zum Teil äußerst anspruchsvolle Solopartien, einen großen Chor, ein stattliches Orchester und Bühnenzauber vom Feinsten.
Eine stringente Handlung ist eigentlich nicht vorhanden. Eine illustre Reisegesellschaft aus aller Herren Länder Europas ist auf dem Weg zur Krönung Kaiser Karls X. nach Reims. Mitten auf der Wegstrecke gehen dem Tross die Pferde aus, und es sind keine Ersatztiere aufzutreiben. Man sitzt im Gasthof fest, und die Damen und Herren aus Frankreich, England, Russland, Polen, Spanien, Italien und sonst woher beginnen, sich näher kennenzulernen. Mit Liebeleien, Eifersüchteleien, Annäherungsversuchen und allerlei weiteren Neckereien. Als man die Hoffnung aufgab, Reims noch rechtzeitig erreichen zu können, erinnerte man sich daran, dass man es auch in Paris ordentlich krachen lassen kann, ändert das Reiseziel und lässt die Oper mit einem rauschenden Fest schließen, bei dem jeder ein Lied oder eine Hymne seines Heimatlandes vortragen darf. So erklingen Haydns Gott erhalte Franz den Kaiser und die englische Hymne ebenso wie eine polnische Mazurka, ein spanischer Fandango, eine italienische Romanze, ein französisches Chanson und einiges mehr. Endend mit einem Lobgesang auf Karl X. auf die Melodie Vive Henri Quatre. Europäischer geht es nicht.

Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema greift in seiner turbulenten Inszenierung noch einen weiteren Bezug zu Aachen auf, indem er der Reisegruppe nicht in einem Gasthaus den Weg versperrt, sondern mit einer Autobahnsperre. Denn das Aachener Autobahnkreuz mit seinen direkten Anbindungen an Belgien und die Niederlande sorgt seit Jahren für Dauerstaus. Eine prekäre Situation, die sich seit einigen Wochen durch die Sprengung der Haarbachtalbrücke noch verschärfte. Und so kommt es gleich zum Auftakt zu munteren Auseinandersetzungen zwischen den Bauarbeitern des Chors und den Touristen.
Dijkema nimmt die nationalen Schrullen der Figuren deutlich, aber immer noch dezent und nur selten klamaukhaft überdreht aufs Korn. Etwa die Modesucht der Französin, deren Koffer ausgerechnet von einer Planierwalze überrollt wird. Oder der feurige Spanier und die auf Moral bedachte, dennoch schwach werdende Tirolerin und vieles mehr. Darin steckt viel Liebe im Detail, die aber noch von der Kostümbildnerin Julia Reindell überflügelt wird, die für Chor und Solisten eine Kollektion in der Stärke eines stattlichen Theaterfundus entworfen hat. Gipfelnd in Hollywood-reifen Kostümen dreier friedlicher Marsmenschen, die sich am Ende zu den Erdenbewohnern gesellen und die Friedensbotschaft intergalaktisch überhöhen.
Dass die 18 Solopartien mit wenigen Ausnahmen mit Ensemblemitgliedern auf hohem, teilweise sensationellem Niveau besetzt werden können, spricht für die vorzügliche Ensemblepflege auch unter der neuen Intendanz von Elena Tzavara. Zu den Neuerwerbungen gehört die spanische Sopranistin Laia Vallés, die in der Rolle der „Improvisationskünstlerin“ Corinna zwei Romanzen zu schlichter Harfenbegleitung mit perfekter Legato-Kultur und einem außerordentlich schönen Timbre zu Höhepunkten des Abends schraubt. Neu sind auch der junge mexikanische Bariton Jorge Ruvalcaba als Don Alvaro und sein Landsmann Angel Macias als Belfiore mit seiner biegsamen und sicher geführten Stimme. Immer wieder gern gesehen ist die Sopranistin Suzanne Jerosme, die der koketten Contessa di Folleville Profil verleiht. Ihr ebenbürtig ist die koloraturgewandte Sopranistin Larisa Akbari als Madama Cortese. Doch auch bei den vielen weiteren Partien ist kein Ausfall zu beklagen.
Ebenso wenig wie beim Chor und dem mit viel Brio aufspielenden Aachener Sinfonieorchester unter Leitung von Chanmin Chung.
Begeisterter Beifall für einen kurzweiligen Abend, passend zur Karnevalszeit.
Pedro Obiera