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Musik ohne Worte

KAMMERMUSIKABEND
(Leoš Janáček, Manuel de Falla, Nikolai Medtner)

Besuch am
18. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Sinnge­wimmel, Bergisch Gladbach

Bei der Ankunft am frühen Sonntag­abend ist der Schrecken erst mal groß. Der Park zwischen Wicken­pfädchen und Wilhelm-Klein-Straße im Bergi­scher Gladbacher Stadtteil Refrath ist zu einer riesigen Baustelle mutiert. Seit mindestens 60 Jahren gibt es die grüne Oase gleich hinter der Straßen­bahn­hal­te­stelle. Ein ortskun­diger Konzert­be­sucher gibt Entwarnung. Hier wird keine Wohnanlage – wie ursprünglich mal angedacht – entstehen, sondern ein „Mehrge­ne­ra­tio­nenpark“. Zu groß ist die Freude darüber, dass der Park vor den Türen des Kammer­mu­sik­saals Sinnge­wimmel bereits im kommenden April wieder­her­ge­stellt sein soll, als dass man hier wirklich über den Schwachsinn des Wortes Mehrge­ne­ra­tio­nenpark nachdenken will. Der Konzertsaal selbst ist, wie üblich, sehr gut besucht. Kein Wunder, denn Gastge­berin Naré Karoyan hat wieder zwei wunderbare Gäste eingeladen.

Franziska Pietsch ist in Ost-Berlin geboren. Früh wurde ihre musika­lische Begabung entdeckt und gefördert. Selbst die Repres­salien in der damaligen Deutschen Demokra­ti­schen Republik, nachdem ihr Vater in den Westen geflohen war, konnten ihre Entwicklung nicht stoppen, die sie schließlich bis nach New York zur Juilliard School führte. Von dort aus startete ihre Karriere. Erste Konzert­meis­terin bei verschie­denen namhaften Orchestern, zahlreiche Einspie­lungen, erfolg­reiche Arbeit als Kammer­mu­si­kerin zum Beispiel beim selbst gegrün­deten Trio Lirico, die Gründung ihres Festivals Mai Klassik sind nur einige Stationen. Vorläu­figer Höhepunkt: Im Januar dieses Jahres gründete die Geigerin ihr Festival Winter­klassik im Sorbi­schen Museum Bautzen. Nach Refrath ist sie in Begleitung von Josu de Solaun gekommen. Der Pianist, Komponist, Dirigent und Dichter ist in Valencia geboren und gilt als „eine der beein­dru­ckendsten Entde­ckungen“ der letzten Dekade. Von diesem Gespann darf man erwarten, ein beson­deres Programm zu präsen­tieren. Und so ist es auch.

Foto © O‑Ton

Das Erstaun­lichste des Abends ist zunächst einmal die Wortkargheit, auch wenn Karoyan persönlich die Besucher am Empfang sehr freundlich begrüßt und ihnen den Abend­zettel überreicht, auf dem gerade mal das Programm und ein paar Worte über die Musiker vermerkt sind. Zur Begrüßung auf der Bühne genügen Karoyan dann exakt zwei Sätze, später wird sie auf eine kurze Pause und am Ende auf die nächste Veran­staltung hinweisen. Was mittler­weile auch auf den großen Konzert­podien als unhöflich gilt, wirkt in diesem Rahmen befremdlich: Die Musiker sprechen kein Wort, weder zur Begrüßung, zur Moderation noch zum Abschied.

Als erstes steht die Sonate für Violine und Klavier von Leoš Janáček aus dem Jahr 1914 auf dem Programm. Janáček ist in Deutschland nahezu ausschließlich für seine Opern bekannt. Seine einzige erhalten gebliebene Violin­sonate ist ein Frohlocken, das der politi­schen Situation entsprang. Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten die russi­schen Truppen in Mähren einmar­schieren und Siege über die Öster­reicher verzeichnen. Die Freude währte eine Woche, das Stück blieb und eroberte in seiner endgül­tigen Fassung aus dem Jahr 1922 nach und nach die inter­na­tio­nalen Konzert­podien. Im Vorder­grund der viersät­zigen Sonate stehen melodische Themen­fetzen der Geige, die die Tremo­lo­fi­guren im Klavier kontrastieren.

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Auch Manuel de Falla gehört nicht zu den meist­ge­spielten Kompo­nisten in Deutschland, obwohl sich gerade in jüngerer Zeit Cellisten verstärkt um die Verbreitung seines Werks bemühen. Umso vielver­spre­chender die Inter­pre­tation der Suite populaire espagnole, die aus demselben Jahr wie Janáčeks Werk stammt. Die Suite geht auf die Siete canciones populares espagnoles, eine Sammlung sieben spani­scher Volks­lieder, zurück, von denen sechs Eingang in die Suite fanden. Tatsächlich kommt es einem so vor, als habe man das eine oder andere Stück, wie den Mauri­schen Schal, das Wiegenlied oder die Tänze Polo und Jota schon einmal gehört. Im Ganzen etwas eingän­giger als Janáčeks Sonate, wird so die Brücke zum Spätro­man­tiker Nikolai Medtner geschlagen.

Medtner war ein russi­scher Komponist und Pianist. Er war ein enger Freund von Sergei Rachma­ninow und hielt wie dieser entgegen dem Zeitgeist an der Tonalität fest. Seine Werke gelten als ähnlich anspruchsvoll. Pietsch und de Solaun spielen seine dritte Sonate für Violine und Klavier aus dem Jahr 1935. Sie trägt den Namen Epica und gilt mithin als Medtners kammer­mu­si­ka­li­sches Meister­stück. Mit ihren vier Sätzen nimmt sie fast eine Dreivier­tel­stunde in Anspruch. Die Virtuo­sität und das Durch­hal­te­ver­mögen, die die Sonate verlangt, spornen die beiden Musiker zu Höchst­leis­tungen an.

Nach gut anderthalb Stunden selten gehörter, mitunter fordernder Klänge ist das Publikum restlos begeistert. Und obwohl auch den Künstlern die Erschöpfung anzumerken ist, bleiben sie die Zugabe nicht schuldig. Mit Antonin Dvořáks Als die Mutter sang in der Bearbeitung von Fritz Kreisler liefern sie ein letztes Bravour­stück ab. Einmal mehr hat sich das Sinnge­wimmel als Ort bewährt, an dem ungewöhn­liche Musik in höchster Qualität zu erleben ist.

Michael S. Zerban

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