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Bilder ähnlich der besuchten Aufführung -

Geheimnisvolle Felsenwelt

THINGS AT THE END OF THE WORLD
(Alfredo Zinola)

Besuch am
22. Februar 2024
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Nach der Urauf­führung in München Anfang des Moments zeigt Alfredo Zinola seine neueste Produktion nun in drei Vorstel­lungen am Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Zwei davon sind als Schul­vor­stel­lungen bereits ausge­bucht. Wer seinen Kindern etwas Beson­deres bieten will, hat dazu nur noch am kommenden Samstag­mittag Gelegenheit. Und so viel sei hier schon verraten: Es lohnt sich.

An einem verreg­neten Morgen um 10 Uhr gibt es vermutlich wenige Orte in Deutschland, die anhei­melnd wirken. Auf dem Gelände, auf dem sich Tanzhaus NRW und Capitol befinden, ist es aller­dings besonders ungemütlich. Die einst offene Terrasse des Gastro­nomie-Betriebs ist inzwi­schen einge­zäunt, aller­dings scheint sie seit dem letzten Sturm­schaden verlassen und allmählich zu verfallen. Das Areal strotzt vor Verbots­schildern und Warnhin­weisen. Der abwei­sende Eindruck setzt sich im Innern fort. Wo den Besucher früher eine offene Theke empfing, sorgt heute eine Scheibe für Distanz. Auch hier große Schilder, die darauf hinweisen, dass man sein Auto bloß nicht auf weiße Linien stellen soll, wenn man das Abschleppen vermeiden will. In einem weltof­fenen Haus werden alle Gäste gleicher­maßen willkommen geheißen, hier weist eine Tafel weitab aller geltenden Recht­schreib­regeln auf Antidis­kri­mi­nie­rungs­ge­setze und Verhal­tens­maß­regeln gegenüber einer ganzen Reihe von spezi­ellen Gruppen sowie auf Beschwer­de­stellen bei Missachtung hin. Explizit wird ausge­führt, dass die Mitar­beiter des Hauses ein Hausverbot erteilen dürfen. Ein freund­licher Empfang sieht anders aus. Hier scheint ja mächtig was schiefzulaufen.

Foto © Dorothea Tuch

Das freilich bekümmert die Grund­schüler nicht, die hierher­ge­führt wurden, um die Aufführung von Zinola zu erleben. Bevor sie etwas sehen dürfen, werden sie im Foyer einer „körper­lichen Einführung“ unter­zogen. Eine junge Frau leitet sie zu Wahrneh­mungs- und Ertüch­ti­gungs­übungen an. Nach einer Viertel­stunde ist es so weit. Die Schüler müssen ihre Schuhe ausziehen und sich vor der Tür zum großen Saal aufstellen. Dort werden sie von Alfredo Zinola und Salome D’Attillia begrüßt. Zinola im goldfar­benen Hemd und grauer Hose, dazu trägt er silber­farbene Strümpfe. D’Attillia tritt in einem roten Kostüm mit roten Strumpf­hosen auf. Die Füße stecken in roten Panto­letten, deren Stege mit roten Federn bedeckt sind. Die Theaterwelt heißt ihre Gäste willkommen. Im großen Saal ist die Tribüne mit schwarzem Tuch verhängt. Die Bühne wird von rechts nach links, statt von vorne nach hinten bespielt. Yoav Admoni hat sie einge­richtet. Ihre Geheim­nisse werden sich erst nach und nach entschlüsseln. Die Schüler werden auf der rechten Seiten­bühne vor ein rotes Absperrseil geführt. Der Blick fällt auf die freie Fläche, an der seitlich Kissen ausgelegt sind. Am Kopfende ist eine Art Felsen­land­schaft aufgebaut. Oh, da hat sich ein Stein wie von Geisterhand allein bewegt. Das Raunen ist unüber­hörbar. Zinola und D’Attillia fordern die Kinder auf, in kleinen Gruppen nach der gereichten Kordel zu greifen, um sich zu den Sitzkissen geleiten zu lassen. Sehr aufmerksam, dass es für die älteren Herrschaften zwei Truhen gibt, auf die sie sich setzen dürfen. Ab einem gewissen Alter muss man einfach nicht mehr auf dem Fußboden sitzen.

Foto © Dorothea Tuch

Die Darsteller nehmen die Steine, die keine sind, von dem niedrigen Podest und ziehen sie mit den Kordeln durch den Raum, ordnen sie immer wieder neu an. Es sind Things at the end of the world, so der Titel der neuen Produktion, also Dinge am Ende der Welt, mit denen Zinola zum Träumen, Staunen und Fragen anregen will. Marek Lamprecht taucht die Steine ins rechte Licht, während Musik von Clara Pazzini einge­spielt wird, die zwischen verträumt und rhyth­misch fröhlich changiert. Ohnehin entwi­ckelt sie allen­falls subtile Wirkung, denn die Schüler sind vollkommen faszi­niert vom Geschehen. Jetzt verteilt D’Attillia einen Stoff auf den Steinen, den ältere Leute als künst­lichen Schleim kennen, der früher in neongrün in kleinen Plastik­müll­tonnen verkauft wurde. Das Zeug ist längst aus der Mode gekommen, aber hier entfaltet es – nunmehr silber­farben – große Wirkung. D’Attilia räumt es wieder ab, ein bisschen unheimlich ist die wabernde Masse ja schön. Während­dessen wird sich Zinola insgeheim freuen, dass er das beste Publikum der Welt bespielt. Tänze­risch greift er nach den Steinen, lädt sie auf seine Schultern. Nein, ist ja klar, dass das keine Steine sind, aber wenn doch? Ist er dann Superman? So genau wissen es die Kleinen nicht.

Eine große Kugel aus vielen verschie­denen Stoffen ist auf dem Podest verblieben, die Zinola jetzt wippend durch den Raum schiebt. So was müsste man zuhause haben. Da möchte man gern mal anfassen. Aber wenn die Kugel rasend schnell auf einen zuschießt, erst kurz vor der Kollision zum Still­stand kommt, ist doch eher Vorsicht angesagt. Abschließend heben D’Attillia und Zinola die Landschaft, auf der die übrigen Materialien gelagert waren, als flache Scheibe immer wieder knapp über die Köpfe der Kinder hinweg, ehe sie schließlich in der Mitte des Raums zum Liegen kommt. Was für eine aufre­gende Dreivier­tel­stunde! Die Kinder werden viel zu erzählen haben, wenn sie nach Hause kommen.

Einmal mehr beweist Zinola, dass er der Magier des Kinder­theaters ist. Dass er ganz nebenbei auch die Erwach­senen in seinen Bann zieht, kann ja nicht schaden …

Michael S. Zerban

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