O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Tiefgehende Umsetzung einer neuen Oper

GESPENSTER
(Torstein Aagaard-Nilsen)

Besuch am
1. März 2024
(Premiere am 23. Februar 2024)

 

Staats­theater Meiningen

Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herum­geistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeu­gungen und ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch in uns fest, und wir können sie nicht loswerden“, sagt Helene Alving in Hendrik Ibsens Gespenster, einem Gesell­schafts­drama des ausge­henden 19. Jahrhun­derts, das mit seinen schlag­kräf­tigen Themen des Inzests, der freien Liebe und der Eutha­nasie zunächst 1882 keine Zustimmung beim Publikum fand und sich erst ab 1889 so langsam in der Kritik zu einem der bedeu­tendsten natura­lis­ti­schen Dramen entwi­ckelte. 1886 fand die erste öffent­liche Aufführung unter Herzog Georg II. in Deutschland in Meiningen statt, jetzt kommt Torstein Aagaard-Nilsens Oper Die Gespenster in Meiningen zur Uraufführung.

Das Origi­nal­drama liest sich heutzutage etwas schwer und wirkt textüber­frachtet, verwebt aber schon verschiedene Handlungs­stränge, die die Libret­tistin Malin Kjelsrud zum Teil aufgreift, aber die Thematik in die Moderne überträgt. Vieles ist heutzutage nicht mehr so skandalös wie im ausge­henden 19. Jahrhundert. Ihr Text ist gezeichnet von einer großen Unmit­tel­barkeit. Indem sie alle Personen auf der Bühne an der Handlung teilhaben lässt – auch die Verstor­benen treten in Rückblicken auf – gewinnt das Drama in der neuen Vertonung viel mehr Fahrt. Die Gespenster, die Gengan­geren, stehen in Norwegen für Erinne­rungen aus der Vergan­genheit, die in der Gegenwart überwunden werden sollen. Kjelsruds Fokus liegt auf Helene Alving als Dreh- und Angel­punkt der Geschichte, eine Figur, die die Fäden in der Vergan­genheit und Gegenwart in der Hand hat.

Regisseur Haag, vormals Intendant des Staats­theaters, lässt sie doppelt auftreten, macht so vergangene Entschei­dungen für die Gegenwart besser greifbar. Daraus schält sich das Bild einer Frau heraus, die weit mehr als in der litera­ri­schen Vorlage einen dunklen, zerstö­re­ri­schen Charakter offenbart, die sich hier vom ursprüng­lichen Opfer zur monströsen Täterin wandelt. Ohne Frage der bessere Ansatz für eine packende Oper.

Foto © Christina Iberl

Zu Beginn blickt der Zuschauer auf eine mächtige halbrunde Holzwand, die im Laufe des Stückes mit Hilfe der Drehbühne den Blick auf das Geschehen freigibt oder verwehrt. Sieben Szenen katapul­tieren den Zuschauer mitten hinein in das vielschichtige Geschehen. Sie wechseln von der Zeit um 1960 zu der um 1990, was dem Zuschauer durch einge­blendete Zeit- und Ortsan­gaben verdeut­licht wird. Für jede Zeitspanne tritt eine Figur der Helene auf, oft befinden sich beide auf der Bühne, singen im Duett.

Die Handlung setzt ein, nachdem Erik Alving gestorben ist. Seine Witwe Helene erinnert nun in Vergan­genes, das in Szene gesetzt wird. Das Bühnenbild Dieter Richters macht durch die Sitzland­schaft in der Bühnen­mitte und die typische Tapete an der Zimmerwand die 1960-er Jahre deutlich. Über allem erhebt sich ein großes Prospekt, Caspar David Fried­richs Felsenriff am Meeres­strand, das bedrohlich und über die handelnden Charaktere nichts Gutes verheißend unter der Eisdecke die Untiefen des mensch­lichen Charakters vermuten lässt.

Helene hat in der Vergan­genheit mit Pastor Manders eine Nacht verbracht und mit ihm ihren Sohn Osvald gezeugt. Sie muss das weitere Leben nach einer Zurück­weisung durch ihn an der Seite ihres ungeliebten Ehemannes Erik in innerer Einsamkeit und Erstarrung bezwingen. Der wiederum sucht in der Affäre mit Johanne, Ehefrau von Jacob Engstrand, das, was ihm seine Frau verweigert. „In diesem Haus haben wir gelebt als lebende Tote, verstrickt in unseren Lügen“ heißt es im Terzett der zweiten Szene und verdeut­licht die Düsternis, die Abgründe.

Nach einem Zeitsprung in die Gegenwart kommt Osvald, der in Paris als Maler gelebt und dort ein freies Leben genossen hat, wegen der Beerdigung von Erik zurück. Regine, Dienst­mädchen im Hause Alving, und Osvald empfinden gegen­seitig eine große Anziehung und träumen von einem anderen, einem freieren Leben. Regine gibt Osvald psycho­ana­ly­tische Hinweise zum Verhalten seiner narziss­ti­schen Mutter Helene.

Die nächsten zwei Szenen schildern die patho­lo­gisch enge Beziehung von Helene zu Osvald als Baby – „wir beide gegen den Rest der Welt“ – und den Mord Jacob Engstrands an seiner Frau Johanne. Im weiteren Verlauf will Jacob Engstrand Regine mit zu sich nehmen, die lehnt aber ab.

In einer Schlüs­sel­szene wird Pastor Manders in seiner Bigot­terie angeprangert, er, der Osvalds Vater ist und gleich­zeitig für dessen Vater Erik starke Gefühle entwi­ckelt hatte.

Nach der Pause werden die im ersten Teil angelegten Zusam­men­hänge vertieft: Johanne erscheint als Geist ihrem Mann, der sich über alle Konven­tionen mit der Macht des Stärksten hinweg setzen will. Und auch Eriks Geist macht Helene klar, dass sie die Ursache allen Übels ist, dass nichts mehr zu retten ist.

Regine und Osvald schmieden den Plan, Helene eine ererbte Krankheit vorzu­spielen. Das Motiv der Sterbe­hilfe aus dem Schau­spiel tritt nun verwandelt auf: Osvald teilt seiner Mutter zwar mit, dass er unheilbar erkrankt sei, aber die verstrickt sich dennoch weiter in Lügen, will Osvald durch eine Inzestlüge die Möglichkeit vereiteln, mit Regine ein Leben fern der Zwänge, fern von ihr zu führen. Aber ihr Sohn und Regine sind bereit, den Ort des Schre­ckens zu verlassen, Osvald gibt vor, gemeinsam mit seiner Mutter Selbstmord begehen zu wollen, aber nur Helene nimmt die Tabletten und stirbt, Osvald wirft sie weg. Der Weg ist zumindest von außen gesehen frei für Osvald und Regine, die auf der Türschwelle zu einem neuen Leben stehen – das Licht erlischt.

Foto © Christina Iberl

Das Team um Regisseur Haag, Bühnen­bildner Richter und Kostüm­bild­nerin Kerstin Jacobssen hat eine hochkon­zen­trierte Fassung des Stoffes auf die Bühne gebracht. In der reduzierten Bühnen­land­schaft kann sich das sich immer weiter vertie­fende, unaus­weich­liche Geschehen frei entfalten, nur durch sehr klug und sparsam einge­setzte Bühnen­ef­fekte verstärkt. Die Licht­regie von Rolf Schreiber setzt klare, unerbitt­liche Akzente und lässt das alles überra­gende Bild Fried­richs im Hinter­grund von schaurig blaugrün bis zu blass-rosa erglühen und die Gescheh­nisse kommentieren.

Die Kostüme sind der zweiten Hälfte des vergan­genen Jahrhun­derts verpflichtet, bleiben recht unauf­dringlich, aber sehr passend. Osvald als Maler kommt mit Kittel und Künstler-Hut aus Paris, die Kostüme aller Betei­ligten spiegeln ein durchaus vermö­gendes Bürgertum wider. Geld spielt überhaupt im Hinter­grund eine große Rolle, Geld aus Geldwäsche bei Erik und Geld zur Bestechung heirats­un­wil­liger Männer.

Die Musik in Aagaard-Nilsens erster Oper faszi­niert vom ersten Takt an. Obwohl er auch andere Kompo­nisten zitiert, ist das Werk beileibe kein Plagiat, er hat seinen ureigenen Stil gefunden, der den Zuhörer tief im Innern erreicht. Sehr durch­sichtig wirkt alles und macht aber eben dadurch die feinen Zwischentöne der Charaktere sichtbar, was die Meininger Hofka­pelle und das sehr homogene Ensemble unter der Leitung von Philippe Bach sehr wach und präzise umsetzt. Das Orchester ist recht überschaubar, aber inter­essant und effektvoll besetzt, mit einem umfang­reichen Schlagwerk mit Xylophon, Vibraphon, Marim­baphon, Glasharfe und Akkordeon. Glasklare, zerrissene, atmosphä­risch wabernde, aber auch mächtig auftrump­fende Klänge ziehen einen in den Bann und spiegeln die Wucht der Worte wider. Leitmotive sind den einzelnen Personen zugeordnet, am Ende wird selbst das Tristan-Motiv zitiert, aller­dings als Helene in den Armen von Osvald stirbt. Elektro­nische Klänge, jazzig-bluesige Musik, marsch­mäßige Klänge des Chores bei der Trauer­feier mit Trompeten und Flöten, am Ende eine Sarabande und Taran­tella zu Helenes Ableben zeugen von der Vielschich­tigkeit und dem Einfalls­reichtum des Komponisten.

Der Chor in der Einstu­dierung von Roman David Rothe­naicher wird recht sparsam einge­setzt, überzeugt aber absolut in Sauberkeit und Wucht als Folie für die Gedanken der Hauptperson.

Das Stück lebt von der ungemein präsenten und schau­spie­le­risch wie gesanglich überra­genden Marianne Schechtel als alte Helene. Mit kräftigem und immer mit vollem Körper gesun­genem Ton schafft es die Mezzo­so­pra­nistin, alle Nuancen der schwie­rigen Partie scheinbar mühelos auszu­loten. Ihr zur Seite steht die Figur der jungen Helene, verkörpert durch Sara Maria Saalmann, die mit ausdrucks­starkem, inten­sivem lyrischem Mezzo­sopran das Gefühls­ka­russell, dem sie ausge­setzt ist, greifbar macht. Sie harmo­niert sehr gut mit Schechtel in den Duetten. Shin Taniguchi als Pastor Manders lässt wieder einmal gesanglich und schau­spie­le­risch keine Wünsche offen. Er ist in jeder Hinsicht voll in seiner Rolle und veredelt mit seinem noblen Ton sowohl weiche, lyrische als auch intri­gante Szenen. Tenor Alex Kim gibt den Erik souverän mit hellem Timbre. Mykhailo Kushlyk als Osvald zeigt mit klarem Tenor auch kräftiges Potenzial und passt gut zur Regine von Monika Reinhard. Die stellt ihre Kolora­tur­fä­hig­keiten unter Beweis und brilliert mit blitz­sauberen höchsten Tönen, liefert zudem überzeu­gende schau­spie­le­rische Quali­täten. Emma McNairy hat nur eine kleine Rolle als bereits verstorbene Johanne, bringt aber ihren wohltim­brierten, warmen Sopran auch hier voll zur Geltung. Mikko Järvi­luoto als Jacob Engstrand verfügt über einen Bass, mit dem er seine Autorität gemäß der Rolle kräftig strömen lassen kann.

Das Theater ist bei der dritten Vorstellung der Gespenster nur halb gefüllt, das Publikum spendet aber kräftigen, teils begeis­terten Applaus. Bis Juni ist das Werk noch fünf Mal in Meiningen zu sehen, es lohnt sich in jedem Fall.

Jutta Schwegler

Teilen Sie O-Ton mit anderen: