O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Von Angesicht zu Angesicht

SPEAKING DRUMS
(Diverse Komponisten)

Besuch am
2. März 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Theater und Philhar­monie Essen, Alfried-Krupp-Saal

Das Schlagzeug ist das klassische Instrument des 21. Jahrhun­derts. Kaum ein aktuelles musik­thea­tra­li­sches Werk, das ohne Schlagwerk auskommt. Dabei gibt es „das“ Schlagzeug überhaupt nicht. Was ein echter Perkus­sionist ist, sieht alles, auf das man schlagen kann, als Instrument. Vivi Vassileva ist ein gutes Beispiel dafür. Zumindest, wenn man heute Abend auf die Bühne des Alfried-Krupp-Saals in der Philhar­monie Essen schaut. Demnach reist sie mindestens mit einem Sattel­schlepper von Konzert zu Konzert. Pauken, Marimba- und Vibrafon, große Trommeln, Becken, Klang­schalen sind nur einige wenige Beispiele für die Instru­mente, die auf der Bühne in Stationen aufgebaut sind.

Jetzt steht dort zusätzlich noch ein Flügel, denn Vassileva ist nicht allein nach Essen gekommen. An ihrer Seite spielt Frank Dupree, Pianist mit beson­deren Zusatz­fä­hig­keiten, wie sich später zeigen wird. Die beiden haben während der Pandemie beschlossen, als Duo aufzu­treten, und gemeinsam ein Programm entwi­ckelt, das sie nun in Essen vorstellen wollen. Vassileva gehört inzwi­schen zu den erfolg­reichsten Schlag­zeugern der Gegenwart. Da kann selbst ihre formale Ausbildung nicht Schritt halten. Während sie von Konzert zu Konzert eilt, absol­vierte die junge Frau bis zum vergan­genen Jahr noch ihr Master-Studium bei Martin Grubinger am Mozarteum in Salzburg. Da fragt man sich, ob die Musik­hoch­schulen eigentlich überdurch­schnitt­lichen Musikern überhaupt gerecht werden können. Vassileva kann das egal sein. Mit Dupree hat sie einen Pianisten kennen­ge­lernt, der in seiner Jugend ebenfalls Schlagzeug gelernt hat. Er wird als einer der „vielsei­tigsten Pianisten und Dirigenten der jungen Generation“ beschrieben.

Das klingt vielver­spre­chend. Umso erstaun­licher, dass die beiden im Alfried-Krupp-Saal vor fast leerem Haus auftreten. Da ist ja wohl was gründlich schief­ge­laufen. Zumal sich die Konzerte von Ausnahme-Schlag­zeugern wie Martin Grubinger oder eben Vivi Vassileva eigentlich beim Publikum größter Beliebtheit erfreuen, auch wenn die Musiker Werke der Gegenwart auf ihre Programm­zettel schreiben.

Foto © O‑Ton

Plötzlich vibriert der Saal vor Energie. Im Laufschritt betritt Vassileva im engan­lie­genden, roten, ärmel­losen Kleid das Podium, dicht gefolgt von Dupree im braunen Anzug. Konven­tionen werden also eher eine unter­ge­ordnete Rolle spielen. Und wer über solch muskulöse Oberarme wie Vassileva verfügt, wird sie vollkommen zurecht gern herzeigen. Mit entspre­chender Verve geht es gleich im ersten Stück zur Sache. 2007 kompo­nierte Thierry Deleruyelle, der eigentlich bevorzugt Stücke für Bläser schreibt, Face à Face, für das er 2010 unter anderem eine Fassung für Klavier und Vibrafon entwi­ckelte. Genussvoll lassen sich die beiden Musiker auf das durchaus lebhafte Stück mit Jazz-Einsprengseln ein, das einiges an Virtuo­sität abver­langt. Da ist ein erstes Feuerwerk schon nach wenigen Minuten gezündet.

Mit Halo von John Psathas kommt schon früh ein sehr ruhiges Stück zum Tragen. Ursprünglich 2016 für Cello und Klavier geschrieben, gibt es eine spätere Fassung für Marim­bafon und Klavier. Vassileva denkt dabei, wie sie verrät, an Yoga-Musik und liegt damit nicht ganz falsch. Wer auf artis­tische Einlagen am Schlagwerk hofft, wird erst mal ein wenig enttäuscht. Was zu dem Zeitpunkt vermutlich keiner ahnt, ist, dass es die Ruhe vor dem Sturm ist, die hier genüsslich vorge­tragen wird. Dann folgt das outing von Dupree, der verrät, dass er sich als Jugend­licher „auch mal am Schlagzeug versucht“ habe. Er legt sein Sakko ab und begibt sich mit Vassileva zu einer Schlag­werk­station im Hinter­grund der Bühne. Denn was jetzt kommt, dürfte wohl beide Musiker an die Grenzen ihrer Kondition treiben. Sie stehen sich nun tatsächlich gegenüber, um das achtmi­nütige Face 2 Face des chine­si­schen Kompo­nisten Liu Heng aus dem Jahr 2016 vorzu­tragen. Dabei teilen sie sich fünf Trommeln, jeder hat zusätzlich ein Becken zur Verfügung. Damit lässt sich vortrefflich debat­tieren, argumen­tieren und streiten. Das ist schon visuell ein Vergnügen, vom Klang ganz zu schweigen.

Foto © O‑Ton

Ein ganz anderes Schmunzeln ruft das Stück Speaking Drums von Peter Eötvös aus dem Jahr 2013 hervor. Ursprünglich als Vertonung von vier Gedichten in einem Schlag­zeug­konzert konzi­piert, ersetzen Vassileva und Dupree das Orchester kurzerhand durch das Klavier. Die Perkus­sio­nistin übernimmt nicht nur die unter­schied­lichsten Schlagzeug-Stationen, sondern auch die Stimme in einer Fanta­sie­sprache. Dupree unter­stützt sie nicht nur am Flügel, sondern nebenbei auch noch an großer Trommel und Becken. Ein Anblick, den man nicht jeden Tag erlebt. Mit dem Tango Jalousie – der „Eifer­suchts­tango“ entstand 1925 – von Jacob Gade geht es dann wieder in bekanntere Hörge­wohn­heiten zurück. Nach Afro Blue von Mongo Santa­maria, ein kubanisch inspi­riertes Stück, und Holiday Blessings von Aziza Mustafa Zadeh gibt es zum Abschluss noch einen echten Klassiker.

Aus dem Jahr 1971 stammt die legendäre Aufnahme von Spain von Chick Corea. Und Dupree hat vollkommen Recht, wenn er davon ausgeht, dass das Publikum sich auf das Original-Arran­gement freut. Aller­dings haben Vassileva und er sich dagegen und für eine eigene Inter­pre­tation entschieden. Auch schön.

Das Publikum ist hellauf begeistert und lässt sich gern noch die Zugabe über ein Glückskind gefallen. Wo es doch an diesem Abend eindeutig gleich zwei Glücks­kinder erlebt hat. Wer sich im Nachgang noch ein bisschen mit der Musik Vassi­levas ausein­an­der­setzen möchte, um zu verstehen, warum sie aller­orten so gefeiert wird, dem sei ihr Debüt-Album Singin‘ Rhythm ans Herz gelegt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: