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FESTIVAL LIED WÜRZBURG
(Diverse Komponisten)
Besuch am
6. bis 8. März 2024
(Einmalige Aufführungen)
Schon im fünften Jahr steht Festivalleiter und Professor für Klavier-Liedgestaltung Alexander Fleischer bei dem ersten Konzert der jeweiligen Reihe in Würzburg auf der Bühne, aber so hat er noch nicht gestrahlt: ein bis auf den letzten Platz auf der Galerie gefüllter Toscanasaal liegt vor ihm, und ein gespanntes Publikum wartet auf den ersten Liederabend von insgesamt dreizehn. Fleischer hat wieder sehr interessante, meist junge Künstler eingeladen, die man sonst an so etablierten Veranstaltungsorten wie in Schwarzenberg und Hohenems bei der Schubertiade oder der Wigmore Hall in London hört. Hier in Würzburg finden die Konzerte im wunderbaren Toscanasaal der Residenz oder im Burkardushaus statt, auch in der Kulturscheune Höchberg, der Ars Musica Aub und in diesem Jahr am 16. März zum Erinnerungstag der Zerstörung Würzburgs im Jahre 1945 in der Mutterhauskirche der Schwestern des Erlösers.
Als Eröffnungskonzert gibt es das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf nach Gedichten von Paul Heyse. Nikola Hillebrand und Konstantin Krimmel erklimmen nach einem witzigen Begrüßungswort des Intendanten die Bühne und stellen die 46 Liedminiaturen Wolfs in einer leicht szenischen Umsetzung vor. Ein umfangreiches Unterfangen, das auf Grund der reichen Opernerfahrung, die beide besitzen – Hillebrand ist an der Semperoper, Krimmel am Nationaltheater München im Ensemble – absolut gelingt. Beide agieren meist im Wechsel, auch wenn sie nicht singen, und nutzen den Raum um den Flügel intensiv. Ein Stuhl als einziges Requisit, wohlgemerkt nicht zum Ausruhen, unterstützt die beiden bei den Haltungen, die sie einnehmen. Ein Ringen der Hände, ein lieblicher oder auch zorniger Blick, Hände, die sich finden, aber auch wieder verlieren, machen den Abend zu einem exquisiten Erlebnis. Hier ist nichts zu viel, und man nimmt den Sängerdarstellern ihre Qual mit der Liebe ohne Weiteres ab.

„Ein Ständchen Euch zu bringen kam ich her, Wenn es dem Herrn vom Haus nicht ungelegen. Ihr habt ein schönes Töchterlein“, heißt es in Wolfs erstem Lied, und Bariton Krimmel tut sich ob der schönen jungen Dame neben ihm sicherlich sehr leicht, sie anzuschmachten. Mit einer weichen, aber wohlkonturierten Stimme, sehr sensibel und mit einem sehr angenehmen Timbre legt er teils einen Schmelz in seine Töne, dass er seine Zuhörer völlig für sich einnimmt. Bei großer Imaginationsfähigkeit, nichts übertreibend, mit absolut natürlicher Tongebung und einem weichen und satten Piano gelingt es ihm, die Zuhörer zu faszinieren. Dazu kommen eine gute Phrasierung, vor allem Abphrasierung, und eine Vielfalt in den Farben, beispielsweise in Was soll der Zorn, mein Schatz?
Mit sehr gutem Textverständnis, einem brillanten Timbre und gehöriger Kraft nimmt Sopranistin Hillebrand das Publikum für sich ein. Man merkt ihr inzwischen die Opernsängerin an, in Wir haben beide lange Zeit geschwiegen findet man die Welt der Oper in einem einzigen Lied. Mit viel Humor bezirzt sie bei Wie lange schon war immer mein Verlangen: Ach, wäre doch ein Musikus mir gut den Pianisten und scheint sich dann wegen dessen sehr dürftiger Violinkenntnisse innerlich schon weit von ihrem Angeschmachteten abzuwenden, denn nach ihrem Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen verlässt Krimmel unter allgemeinem Mitleid den Saal.
Fleischer genießt die Situation ziemlich, gar nicht abgelenkt von seinem sehr virtuosen Klavierspiel. Er ist der Spiritus Rector des Abends, leitet an, fängt auf, bringt mit seinem sehr duftig-leichten Spiel die Stimmungen, geht ganz ruhig und locker durch Wolfs vertrackte Harmonien. Leicht ist das Ganze nicht, wenn es sich auch fast immer so anhört.
Das Publikum dankt es den Agierenden mit teils stehendem Applaus, was mit Là ci darem la mano aus Mozarts Don Giovanni belohnt wird und einen leichten Abgang der beiden ermöglicht.
Ullmanns Welt – Erinnerungskultur im Lied

Im zweiten Konzert, das der Tonkünstlerverband mit ermöglicht, führt Hansjörg Ewert vom Institut für Musikforschung an der Uni Würzburg gekonnt und launig durchs Programm. Andrea Marie Baiocchi, die an der Uni Würzburg Vokalrepetition lehrt und auch teils am Klavier begleitet, hat das Programm mit den Studenten der Liedklasse an der Hochschule für Musik Würzburg erarbeitet. Ewert hat auch die ungemein informativen und anregenden Texte im sehr gut gestalteten Programmheft verfasst, die jedem Liederabend vorangestellt sind. Sehr dankenswert ist hier auch der der Abdruck der Texte. Viktor Ullmann, der über sich selbst gesagt haben soll, dass er in seiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden sei, wird an dem Abend neben Komponisten der Jahrhundertwende bis 1944 gestellt. Zwölf junge Sänger und Pianisten, die sich noch in der Ausbildung befinden, treten im hohen und mit altem Gebälk durchzogenen Eingangsbereich des Kulturspeichers auf und stellen ihr Können unter Beweis. In den Anderswelt, Halbwelt, Lidele und Abendland betitelten Liedblöcken singen sie von dem volksliedhaften Ich wandre durch Theresienstadt Webers bis zum expressiven Kaddisch von Ravel Stücke aus der Zeit Ullmanns. Jasmina Aboubakari, Amélie Fritz, Maximilian Limann, Kea Niedoba, Charlotte Schmalzl und Adèle Sterck Filion stellen mit ihren Vorträgen ihre sehr ernsthafte Beschäftigung mit den doch sehr nahe gehenden Themen auf hohem sängerischem Niveau unter Beweis. Herausragend sind Magdalena Michalko mit ihrem gut durchgebildeten, warmen Sopran und Mezzosopranistin Isabel Grübl, die mit dem Kaddisch von Ravel, einem der wichtigsten Gebete im Judentum, sehr intensiv mit entspanntem, großem Ton und tiefem Ausdruck zu Tränen rührt. Die Pianisten Chen He, Jino Kim, Marianne Uzankichyan und Lucca Verdi begleiten durchwegs sensibel und virtuos.
Julia Kleiter und Gerold Huber: So soll es sein

Kleiter und Huber setzen wiederum im Toscanasaal einen absoluten Glanzpunkt des Festivals. Es gibt fast nichts, was man über diese Sopranistin nicht Positives sagen könnte. Im fast vollen Saal hat sie eine ungeheuer wache Bühnenpräsenz. Mit ihrem warmen und zu vielen Farben fähigen Sopran gestaltet sie die Lieder und Gesänge op. 51, Frauenliebe und ‑leben op. 42 von Robert Schumann und Lieder nach Gedichten von Eduard Mörike von Hugo Wolf mit sehr sparsamen, aber wirksamen Gesten und einer passenden Mimik – sie lebt den Moment. Mit ihrem berückenden Timbre und vor allem mit ihrem weichen Ansatz wie aus dem Nichts begeistert sie ihr Publikum mit einem immer intensiveren Piano, das seinesgleichen sucht. Sie wagt bis an die Grenze des Nicht-mehr-Hörbaren alles. Ihre hohen Töne schleudert sie auch im Forte nicht den Zuhörern entgegen, sondern nimmt sie zurück und lässt sie sich frei entfalten.
Huber am Flügel singt innerlich mit, unterstützt sie kongenial, gleicht die Akustik aus und spielt höchst virtuos zum Beispiel in Er ist’s. Im letzten Lied von Frauen-liebe und ‑leben legt er im Nachspiel eine große, tiefe Traurigkeit über die Anfangsthemen des Zyklus‘, die sich hier wiederholen und den Kreis schließen. Beide Künstler faszinieren ihr Publikum, reißen es zu stehenden Ovationen hin und geben noch zwei Zugaben, das Ständchen von Richard Strauss, das die Sängerin als noble Strauss-Interpretin ausweist, und Du meine Seele, du mein Herz von Schumann. Nicht enden wollender Applaus beglücken Sängerin und Pianist, und man kann nur hoffen, dass das Duo bald wieder nach Würzburg kommt.
Bis zum 17. März folgen noch weitere Liederabende mit herausragenden Sängern. Auf jeden Fall ist das Festival einen Besuch wert!
Jutta Schwegler