O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LIEDERABEND
(Johannes Brahms)
Besuch am
14. März 2024
(Einmalige Aufführung)
Im Jubiläumsjahr der Tauberphilharmonie Weikersheim bietet Intendant Johannes Mnich ein schillerndes Programm. Ein Höhepunkt, eine „Sensation“, wie er schreibt, ist der Liederabend von Christian Gerhaher mit Begleiter Gerold Huber, eingespieltes Liedduo seit den 90-er Jahren und seit Jahrzehnten an der Weltspitze. Weikersheim ist ja nun nicht der Nabel der Welt, wobei das schöne Örtchen an der Tauber nicht nur Fachwerkhäuser, sondern auch die Heimat der Jeunesses musicales Deutschland in eigener Musikakademie und Schloss beherbergt. Nun also seit fünf Jahren auch die wunderbar gelungene Tauberphilharmonie, bekannt für eine sehr gute Akustik. Sie wird in der Region sehr gut angenommen, an diesem Abend sitzen mehr als 400 Zuhörer im Saal, die teils auch von weiter her gekommen sind, und warten auf einen Liederabend, von dem sie sich Großes versprechen.
Gerhaher und Huber, beide Professoren in München, Huber auch in Würzburg, stammen aus Straubing und haben wohl alle wichtigen Säle der Welt besungen und bespielt. Seit mehr als 30 Jahren musizieren sie zusammen, bald schon ein Leben lang hindurch, auch durch schwierige Zeiten, wie Gerhahers öffentlich gemachte Krankheit Morbus Krohn vermuten lässt.
Hier in Weikersheim werden sie vom Publikum äußerst herzlich begrüßt. Einen reinen Brahmsabend haben sie vorbereitet, Kompositionen auf Volkslieder zu Beginn, die neun Lieder und Gesänge opus 32, den Regenlied-Zyklus opus 59 in der Frühfassung und ausgewählte Lieder. Als Motto steht groß auf dem Programmzettel „Abend schon ist es, schon schweiget die Welt“ aus Von ewiger Liebe.

Mit Huber, seinem ständigen Partner bei Liederabenden, hat Gerhaher schon in Gymnasiumszeiten einen nicht nur verlässlichen Begleiter gefunden. Immer ist er ganz nah, tief drin mit dabei, schafft den Boden, das Fundament, leitet hin, nimmt zurück, schwelgt in langen Bögen. Aber das tun ja alle Klavierbegleiter, bei Huber hat das alles seinen besonderen Wert. Nicht nur hier, sondern auch mit anderen Sängern zeichnet den Pianisten die Fähigkeit aus, unglaublich tief in die Welt zu tauchen, die es auf der Bühne zu erschaffen gilt. Oft singt er unhörbar mit, spielt Strophenlieder ungemein abwechslungsreich, baut Spannung auf, macht die Sterne blinken und blickt hinter die Realität bei „nur dein Gefühl enthülle mir, dein wahres!“, lässt im Klavier die Erinnerungen nachhallen im Lerchengesang. Und vor allem trifft er seine Zuhörer mitten ins Herz.
Gerhahers Bariton klingt inzwischen sehr hell, tenoral auch in der Mittellage. Schon immer ist er bekannt dafür, dass er den Text absolut verständlich und unglaublich tief durchdacht präsentiert. In Weikersheim wirkt sein Gesang vorwiegend vom Kopf bestimmt, nur selten hat man den Eindruck, dass sich in die Worte ein tiefes Gefühl einschleicht und die Zuhörer ergreift. Manieriertheit ist dabei, ein bisschen wie beim späten Fischer-Dieskau. Mehr Sprechgesang als Singen würde man es nennen wollen. Natürlich hat er die Lieder verinnerlicht, aber er hat sich auf eine andere Art des Vortrags als früher verlegt. Man kann auch nicht immer nachvollziehen, wohin er will. Im Regenlied bleibt das „fromme Kindergrauen“ seltsam nüchtern und der Text von Klaus Groth im Zusammenhang ein frommer Wunsch:
„Walle, Regen, walle nieder,
Wecke meine alten Lieder,
Die wir in der Türe sangen,
Wenn die Tropfen draußen klangen!
Möchte ihnen wieder lauschen,
Ihrem süßen, feuchten Rauschen,
Meine Seele sanft betauen
Mit dem frommen Kindergrauen.“
In der Höhe werden die Töne herausgeschleudert, pointiert mit etwas flattrigem Vibrato versehen, direkt danach die Phrase zurückgenommen, nicht wirklich auf einem Bogen gesungen. Die Bögen vermisst man, die Huber so überzeugend liefert, Gerhaher gibt sich oft nicht in sie hinein, tupft die Silben so dahin. Die „Liebe“ krankt, „wonnevoll“ bleibt seltsam leer. Am meisten Emotion wird beim Herbstgefühl transportiert, beim Abschied vom Sommer mit den langen, glutvollen Tagen, wie ihn Adolf Friedrich von Schack beschreibt:
„Wie wenn im frost’gen Windhauch tödlich
Des Sommers letzte Blüte krankt,
Und hier und da nur, gelb und rötlich,
Ein einzles Blatt im Windhauch schwankt,
So schauert über mein Leben
Ein nächtig trüber kalter Tag …“
Das Publikum spendet reichen, herzlichen Applaus, vorwiegend aus einer Ecke ertönen Bravorufe und freudige Pfiffe. Zwei Zugaben gibt es, eine davon An eine Äolsharfe: „Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt, All ihre Blätter vor meine Füße!“
Jutta Schwegler