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NONO/ENIGMA
(Diverse Komponisten)
Besuch am
15. März 2024
(Einmalige Aufführung)
Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip greift ja derzeit wie die Pest um sich. Da möchte auch die Tonhalle in Düsseldorf nicht hintanstehen. Seit vielen Jahren richtet sie das Neue-Musik-Festival Schönes Wochenende aus, an dem an drei Tagen vier oder fünf Konzerte „neuer Musik“ aufgeführt werden. Das ist löblich, gibt es doch immer noch zu wenig Plattformen, auf denen sich Komponisten der Gegenwart präsentieren können. In der Vergangenheit gab es immer wieder Uraufführungen, wenn auch immer viel zu wenige. In diesem Jahr wird daraus ein Luigi-Nono-Festival unter dem Motto „Entdecke die Musik der Gegenwart“. Der Venezianer Nono ist 1990 gestorben. Im 20. Jahrhundert. Entdecke die Musik der Gegenwart – da stehen Tommy und Annika mal wieder sprachlos mit offenem Mund daneben und staunen. Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, wenn die Tonhalle einen Komponisten feiert, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, aber es ist doch sehr zu hoffen, dass der Konzertsaal mit seiner Programmatik nicht im 20. Jahrhundert steckengeblieben ist und sich in dieser „Gegenwart“ wohlfühlt.
Das Schöne Wochenende mutiert also zum Alte-Musik-Festival und feiert das auch gleich am Eröffnungsabend. Zu dem wird das Minguet-Quartett eingeladen, 1988 gegründet und in Düsseldorf beheimatet, weil es einen Abend im Repertoire hat, der Musik vom 15. bis zum 20. Jahrhundert beinhaltet. Drei Stücke sollen Nono zu seinem einzigen Streichquartett Fragmente – Stille, an Diotima inspiriert haben. Quatre Chansons von Johannes Ockeghem, der von 1420 bis 1497 lebte, Ave Maria, Scala Enigmatica Armonizzata A Quattro Voci Miste von Giuseppe Verdi und Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit von Ludwig van Beethoven werden von den vier Musikern ohne nennenswerte Unterbrechung in Folge gespielt. Ulrich Isfort und Annette Reisinger spielen die Geige, Aida-Carmen Soanea brilliert an der Bratsche und Matthias Diener hat das Cello auch in schwierigen Passagen souverän im Griff. Binnen einer halben Stunde sind die Stücke abgespielt.

Vor der etwa 37-minütigen Aufführung von Fragmente – Stille, an Diotima gönnen die Musiker sich eine kurze Verschnaufpause. Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass Nono sich nicht nur von der zuvor gehörten Musik hat inspirieren lassen, sondern dass ihn vor allem nach einer kurzfristigen Beschäftigung mit Texten von Franz Kafka Gedichte von Hölderlin zur Gestaltung des Streichquartetts bewegt hätten. Allerdings – und da liegt der Haken für den Hörer – verweigert Nono, die ausgewählten Gedichtzeilen während des Vortrags zu benennen. „Es klingt wie vier Katzen, die man gleichzeitig am Schwanz hochhebt“, stichelt eine Besucherin. Ganz so ist es natürlich nicht, denn willkürliches, schmerzverzerrtes Miauen hört sich dann doch anders an. Und verlangt vor allem vom Quartett nicht die Präzision, die es hier vor allem in der Bogenführung zeigen muss. Von den spieltechnischen Anforderungen und deren Lösung ist das Publikum im ausverkauften Hentrich-Saal begeistert und applaudiert minutenlang. Ursprünglich war das Konzert allerdings für den großen Konzertsaal und nicht für den Kammermusik-Saal der Tonhalle vorgesehen. Da hat man angesichts der Kartenvorverkäufe rechtzeitig die Reißleine gezogen.
Entstanden in einer Vergangenheit zu einem Zeitpunkt, als viele Menschen glaubten, die Romantik sei „überwunden“ und nun beginne eine neue Musik-Ära, ist heute nicht viel mehr davon geblieben als Erinnerungen an Klänge, die sich eben nicht so recht durchzusetzen vermochten. In den kommenden zwei Tagen wird es denn auch in der Tonhalle etwas moderner zugehen. Da leben wenigstens einige der Komponisten noch, deren Stücke dann neben Luigi Nonos Werken aufgeführt werden. Den Verantwortlichen der Tonhalle fehlte offenbar der Mut, ein eigenes Luigi-Nono-Festival neben dem Schönen Wochenende auszurichten. Das ist insofern besonders bedauerlich, als nun Komponisten der Gegenwart, also solche, die im Jahr 2024 neue Musik schaffen, wieder ein Raum genommen wurde, ihre Arbeiten vorzustellen.
Michael S. Zerban