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LA GRANDE DAME
(Olivier Garofalo)
Besuch am
16. März 2024
(Uraufführung)
Momentan scheint es ja en vogue, Intendanten abzusetzen, anstatt ihnen einen ehrenhaften Abschied zu gönnen, wie beispielsweise zuletzt Guy Montavon in Erfurt oder Uwe Eric Laufenberg am Staatstheater Wiesbaden. Da kann Caroline Stolz von Glück reden, wenn sie sich zum Abschluss ihrer fünfjährigen Intendanz am Rheinischen Landestheater Neuss mit einer eigenen Inszenierung von ihrem Publikum verabschieden darf. Das Stück dazu hat ihr Hausautor Olivier Garofalo geschrieben und es vielleicht ein wenig doppeldeutig mit La Grande Dame überschrieben. Sie wurde 1938 von der Filmpresse zum „Kassengift“ erklärt und zieht das Publikum doch bis heute an „wie Motten das Licht“. Zumindest sind wohl Stolz und Garofalo davon überzeugt, und sie sollen Recht behalten. Der große Saal im Rheinischen Landestheater Neuss ist am Abend der Uraufführung nahezu ausverkauft, um die Revue über das Leben der Marlene Dietrich zu erleben.
Es empfiehlt sich, vor dem Besuch der Aufführung einen Blick auf die Biografie der Marie Magdalene Dietrich, 1901 in Berlin geboren und 1992 in Paris verstorben, zumindest bei Wikipedia zu werfen, um all die Anspielungen und Zitate, aus denen Garofalo sein Stück zwischen den Musiken zusammensetzt, erkennen, einordnen und genießen zu können. Denn der Dramatiker setzt nicht darauf, die Biografie chronologisch nachzuerzählen, was bei dem Leben der Schauspielerin und Sängerin vermutlich auch mehrere Stunden in Anspruch nähme, sondern verdichtet die Faszination der Dietrich auf ihr Seelenleben. Um das auch nur einigermaßen greifbar werden zu lassen, braucht Garofalo gleich vier Dietrich-Darstellerinnen. Stolz greift die Vorlage dankbar auf und entwickelt daraus über weite Strecken nicht nur eine gelungene Inszenierung, sondern vielmehr eine Choreografie – zumindest muten die scheinbare Leichtigkeit und die tänzerischen Einlagen so an.

Nina Wronka hat dazu eine Bühne gebaut, die sicher nicht neu ist, aber wunderbar zum Thema passt. Vier Schminktische mit den klassischen Leuchtrahmen um die Spiegel bilden das Zentrum der Bühne und weisen den Darstellerinnen ihre Rückzugsräume zu. Links davon ist Platz für den Flügel und den Arbeitsplatz des Geigers. Später wird die Bühne im Hintergrund um eine Ebene erweitert, über die noch zu reden sein wird. Im Vordergrund bleibt ausreichend Raum für die vier Marlenen, sich sängerisch, schauspielerisch und tänzerisch zu entfalten. Mag bei der Bühne noch die Ratio walten, darf Wronka bei der Mode vulgo den Kostümen ihrer Fantasie nahezu freien Lauf lassen. Die Garderobe der Dietrich nachzubilden, würde ohnehin jeden finanziellen Rahmen sprengen, also ist alles erlaubt, was der Kostümbildnerin – und damit dem Publikum – Spaß bereitet. Besonders schöne Lichteffekte unterstützen die Dynamik des Geschehens bis auf einen kleinen Fauxpas. Statt einen Silhouettentanz zu bewundern, muss das Publikum die Augen schließen, um nicht geblendet zu werden. Eine Kleinigkeit, die sich in den Folgevorstellungen sicher unproblematisch beheben lässt.
Ein kluger Schachzug ist, den Abend gleich mal mit einem Höhepunkt zu beginnen. Die vier Damen führen sich mit einer gemeinsamen Interpretation von Lilli Marleen ein. Vom ersten Moment an bemühen sich Antonia Schirmeister, Nelly Politt, Fenna Benetz oder Silke Buchholz nicht einmal ansatzweise darum, die Stimme von Marlene Dietrich zu imitieren. Stattdessen haben Christoph König und Hajo Wiesemann Arrangements geschaffen, die den Stimmen der Darstellerinnen gerecht werden. Statt des großen Orchesters, das die Stimme Dietrichs bei ihren großen Schlagern untermalte, liefern Gaia Lenc am Klavier und Christoph König an der Geige oder wahlweise der Gitarre Klänge, die die Stimmen der Darstellerinnen ideal ergänzen. Und so kann das Feuerwerk von sage und schreibe 22 Gesangsnummern in 90 Minuten starten, ergänzt um instrumentale Zwischenspiele und die Einwürfe zum Leben der Marlene Dietrich. Während die großen Nummern wie Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, Nimm Dich in Acht vor blonden Frau’n oder Allein in einer großen Stadt erklingen, erfahren die Zuschauer – häufig nur in Andeutungen – von der Erziehung zur Disziplin, die ihr später so zugutekommen wird, ihrer Heirat mit Rudolf Sieber, mit dem sie bis zu seinem Tod verheiratet bleiben wird, obwohl sie bereits nach kurzer Zeit wieder getrennte Wege gehen. You’re the Cream in my Coffee oder Wer wird denn weinen münden in Ich bin die fesche Lola, ehe es nach Amerika geht.

Den Damen gelingt die Interpretation so hervorragend, dass man schon nach der ersten Nummer nicht mehr vergleichen will, sondern sich ganz ihrer Spielfreude und ihren Sangeskünsten hingeben kann. Bitte geh nicht fort, besser bekannt in der Originalfassung der Edith Piaf als Ne me quitte pas, wird gleich viersprachig vorgetragen. Mit Just a Gigolo geht es auch im Stück eindeutig und immer schneller bergab, vorgetragen von Schirmeister, die die Gebrechlichkeit des alternden Stars geradezu erschreckend echt wirken lässt. Garofalo vermeidet es aber dankenswerterweise, allzu sehr auf die Tränendrüse zu drücken, wenn sich die Handlung nach den Fronteinsätzen, nach der großen Schauspiel- und Sangeskarriere in die Pariser Gruft verlagert. Und so dürfen die Damen am Ende erhobenen Hauptes mit Pete Seegers Friedenslied Sag mir, wo die Blumen sind vereint auf der Bühne stehen.
Stolz, Garofalo und ihr Team können mehr als zufrieden sein, wenn das Publikum sich erhebt, um über viele Minuten zu applaudieren, nachdem es schon begeistert die einzelnen Nummern abgefeiert hat. Der scheidenden Intendantin ist es gelungen, den Stoff so umzusetzen, dass der eine oder andere ihr sicher mit einer Träne im Knopfloch nachschauen wird, wenn sie auf ihrem Lebensweg weiterzieht, wohlwissend, dass sie dem Theater eine wunderbare Inszenierung zur Erinnerung hinterlässt, die von den Darstellerinnen und Musikern mit so viel Warmherzigkeit, Freude und Fantasie wachgehalten werden wird.
Zwei Vorstellungen wird es in Neuss noch geben, ehe das Stück, wie es sich für ein Landestheater gehört, auf Reise in die Fläche geht.
Michael S. Zerban