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JESUS-PASSION
(Oskar-Gottlieb Blarr)
Besuch am
17. März 2024
(Einmalige Aufführung)
Atemlose Stille am Ende. Ein ergreifender Moment in einer an bewegenden Momenten reichen Aufführung. Es ist Susanne Hiekel am Pult, die das Schweigen nach einer gefühlten Ewigkeitsminute bricht und den Beifall in der vollbesetzten St.-Suitbertus-Basilika auslöst. Eine Aufführung ganz aus dem Herzen musiziert. Eine, für die sich Kantorei Kaiserswerth mit Kinder- und Jugendchor sowie Basilika-Chor Kaiserswerth unter seinem Leiter Stefan Oechsle zusammengetan haben. Ein schönes Zeichen. Ein notwendiges Zeichen. Tatsächlich stehen katholische wie evangelische Kirchen ja gleichermaßen in der Verantwortung, wenn es um die Rücknahme geht von Übergriffigkeiten der christlichen Kirchen und Theologie, mit denen sie die jüdische Religion ebensowohl vereinnahmt wie entwertet haben. Eine Schuldgeschichte. Gut und gern zweitausend Jahre hat sie für permanente Pogromstimmung gesorgt. Die absurden Vorwürfe von Christen in Richtung Juden sind Legion. Im Zentrum ein megalomanischer „Gottesmord“-Vorwurf. Er hat für allergrößtes Unheil gesorgt.

Ist das alles Vergangenheit? – Richtig ist: Im Schatten der Shoah hat sich das christliche Gewissen gemeldet. 1956 revidiert Papst Johannes die jahrhundertealte Karfreitagsbitte der katholischen Messliturgie, ein, bezeichnenderweise ohne Kniebeugung auszuführendes Fürbittengebet pro perfidia judaica, für die „Verstocktheit der Juden“. Und auf evangelischer Seite? Dauerte es bis in die 1980-er Jahre. Erst dann werden Judenmission und Substitutionstheologie fallengelassen. Letztere meint den Anspruch einer protestantischen Theologie, wonach durch den Christus-Glauben der jüdische Glaube angeblich obsolet geworden sei. Ein Antijudaismus, den eine lutherische Orthodoxie zum Dogma erhoben hat und von dem heute noch jede Aufführung einer Bach-Passion schmerzlich Zeugnis ablegt, die beteiligten Choristen, Musiker wie das Publikum in allergrößte Gewissensnöte bringt. Man liebt ja die Musik und erschrickt sich zugleich vor den Worten, der Dramaturgie.
Eine Situation, in der Oskar-Gottlieb Blarr zu Beginn der 1980-er Jahre die einzig richtige Entscheidung fällt. Ermuntert von seinem Kompositionslehrer Milko Kelemen – „Lass das den Rilling machen! Schreib Deine Passion!“ – macht sich Blarr, angeregt durch einen ersten Israel-Aufenthalt, an die Komposition einer Passion nicht mehr nach den Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas, Johannes, sondern „nach Texten der Heiligen Schrift, des Talmud und jüdischer Lyrik des 20. Jahrhunderts“. Als solche wird die Jesus-Passion im Juni 1985 in der Düsseldorfer Johanneskirche uraufgeführt, erlebt bis heute zahlreiche weitere Aufführungen. Jetzt auch in Kaiserswerth.

Eine Riesenanstrengung! Zu musizieren sind drei große oratorische Szenen. Zusammen einhundert Minuten Musik. Großer gemischter Chor, Kinderchor, großes Orchester in Gestalt der Kaiserswerther Camerata instrumentale sowie sechs Solisten, die beiden Soprane Sabine Schneider und Andrea Graff, die junge Altistin Pauline Asmuth, Tenor Christian Dietz und ein in Joel Urch und Stefan Adam geteilter Bass. Der Altarraum von St. Suitbertus ist voll. Personalintensiver könnte es kaum zugehen. Man spürt: Das zu stemmen, ist alles andere als ein Kinderspiel, auch wenn gerade Kindern als Ausführenden eine wichtige Rolle zukommt. Denn zum Mut, den Blarr mit dieser, wie er sagt „ersten nicht-antijudaistischen Passionskomposition“ gezeigt hat, kommt seine Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, wenn er seine frühesten Frömmigkeitserfahrungen im Elternhaus in Ostpreußen ganz selbstverständlich einwandern lässt in die Partitur. Im zweiten Teil, der Gethsemane-Szene, singt der Chor einen alten ostpreußischen Liedsatz: Im Garten leidet Christus Not. Apropos. Nicht nur an seine Ausführenden stellt Blarr Ansprüche, auch an seine Hörer. Lediglich der Chorsatz sowie zwei andere Stücke werden auf Deutsch gesungen; alles Übrige auf Hebräisch, was dem Programmheft in diesem Fall eine prominente Rolle zuweist. Man hat sich die Mühe gemacht, die Lautumschriften einzurücken. Tatsächlich nur so, mitlesend, lässt sich der Überblick behalten.
Allerdings, auch in dieser auskomponierten Verbeugung vor dem jüdischen Erbe gibt es durchaus Passagen, die aus sich selbst verstehbar sind, ja, deren originaler Wortlaut aus den Evangelien des Matthäus und Markus geläufig ist. Nur, dass sie hier vom Kontext befreit sind, ganz für sich stehen. Worte aus dem Psalter, aus der Tora. Eine solche Stelle, erschütternd in ihrer Kargheit, begegnet im dritten Teil, der auch bei Blarr noch Kreuzigung heißt, obgleich Pilatus und Rom hier gar nicht mehr vorkommen. Sie sind unterstellt, müssen unterstellt sein, weil der Tod am Kreuz eine römische, keine jüdische Hinrichtungsart gewesen ist.
Bassist Stefan Adam, der meistbeschäftigte Solist an diesem Nachmittag, macht seine Sache ganz großartig, agiert ohne störende Deklamation, ganz aus dem Innern heraus. Zunächst den Von-Gott-Verlassensein-Ruf „Eli, Eli, lama asabtani“, von Blarr verkürzt zu „Eli, Eli, lama“, „Mein Gott, mein Gott, warum?“ Und im nächsten Moment kommt dann das „Sch’ma Jisrael“, „Höre, Israel“ aus dem 5. Buch Mose, eine begründete Invention von Blarr, der man von Herzen zustimmen möchte. Am Ende steht das Bekenntnis. Das begleitende Blech wird tonlos. Der Atem entweicht. Ein Aushauchen. Bewegend, eindrucksvoll musiziert an dieser Stelle wie an allen anderen.
Georg Beck