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Orange ist die Farbe der Elektra, so sieht es zumindest Markus Brunsing, Fachgebietsleiter Park und Garten in Baden-Baden, der mit seinen Mitarbeitern tausende orangenfarbige Tulpen im gesamten Stadtgebiet verpflanzt hat. Nur die Sonne will nicht so ganz mitmachen und die Tulpen ganz öffnen, dafür muss man wohl noch die nächsten Tage abwarten. Baden-Baden hat sich fein gemacht für seine Opernfestspiele – den vorletzten mit den Berliner Philharmonikern – mit Veranstaltungsorten über die Stadt verteilt, mit einer Festspiellounge, in der Vorträge stattfinden, und allerlei feinen Arrangements rund um die Musik. Aber orange? Eher schwarz fällt einem ein bei einer Oper, die nur so vor Wut, Hass und Rachegefühlen strotzt. Wobei in dieser Inszenierung wenigstens die Haare der Elektra auch zwischen fuchsrot und orange changieren, inneres Feuer ausdrückend?
Die Elektra brachte als vierte der Richard-Strauss-Opern bei der Uraufführung 1909 in Dresden nur einen „anständigen Achtungserfolg“, wie der Komponist in seinen Erinnerungen an die ersten Aufführungen meiner Opern schreibt, später entwickelt sie sich zu einem festen Bestandteil im Repertoire der Opernhäuser. Als Ergebnis der ersten kongenialen Zusammenarbeit von Strauss mit seinem Lieblingslibrettisten Hugo von Hofmannsthal weist sie bei ihrer Entstehung weit in die Moderne voraus und ist dabei tief in der Zeit der Jahrhundertwende in Wien verwurzelt. Hier entwickelt Sigmund Freud die Psychoanalyse, deren Erkenntnisse in Wien heftig diskutiert werden und die in die Figuren der Elektra eingehen, wie Kulturjournalist Michael Horst in seinem Beitrag Die Kunst der Verstörung im Programmheft zur Veranstaltung schreibt. In der Elektra wirkt das Unterbewusstsein der Figuren maßgeblich beim Fortgang der Handlung mit, hier wird der Realität eine Gegenwelt entgegengestellt, in der sich die Neurosen der Figuren entwickeln können. Durch die spezielle Ästhetik der Überwältigung soll der Zuschauer bei der anstrengenden Musik seine Selbstkontrolle aufgeben, um neue Erfahrungen zu machen, ähnlich wie bei den Bildern der Expressionisten, wie Dariusz Szymanski in seinem Einführungsvortrag in der Festival Lounge Baden-Baden ausführt. Strauss hat den metaphernreichen Text Hofmannsthals in musikalische Bilder umgesetzt und durch Leitmotive seine Figuren gekennzeichnet, in einer „Decke aus tausend Farben“.
Das Regieduo Philipp Stölzl und Philipp M. Krenn, mit Co-Bühnenbildnerin Franziska Harm auch für Bühne und Licht verantwortlich zeichnend, entwarf für dieses Monumentalwerk eine sehr geschlossene Bühne, die zwar aus Holz gebaut ist, aber den Anschein einer Betonstruktur gibt, Stein überall, Quader, die wie Schubfächer vor- und zurück bewegt werden, die Kammern oder eine Treppe bilden können. Brutal und kalt wirkt der riesige Aufbau, der die Bühne von vorne bis ganz hinten füllt und keinerlei andere Elemente zulässt, grau und leblos. Der hölzerne Aufbau lässt zugleich eine hervorragende Schallwand aus der Konstruktion entstehen; egal, wo die Sänger sich aufhalten, man hört auch die Piani gut über dem Orchester.

Die beiden Regisseure haben schon mehrfach zusammengearbeitet, einen fulminanten Erfolg hatte ihr Rigoletto auf der Seebühne in Bregenz, wo in diesem Jahr der Freischütz schon mit Spannung erwartet wird. Laut Regisseur Krenn findet die Oper Elektra „in den Wörtern“ statt. Ganz der Überforderungsästhetik entsprechend, hat das Team mit den Videokünstlern Judith Selenko und Peter Venus nun noch zusätzlich zu den üblichen Überschriften im Festspielhaus den Text auf die Bühne gebracht. Permanent erscheinen Textzeilen auf den Stufen, mit Groß- und wenigen Kleinbuchstaben, in verschiedenen Größen, mal von rechts durchlaufend und wie Wellen von unten kommend nach oben die Figuren überschwemmend am Ende beim Text „Liebe fließt über uns“. Wichtige, auch in der Musik teils lautmalerisch umgesetzte Wörter werden hierbei größer hervorgehoben. Eine Idee, die an die Kompositionstechnik von Strauss erinnert, sich aber nach kurzer Zeit totläuft. Man ist als Zuschauer gen Schluss hin fast dankbar, als die Schatten der Handelnden die Wörter zu Scherben zersplittern, das ist dann ein wirklich starker visueller Moment.
Die Darsteller agieren auf diesem Betonaufbau, vorne, fast an der Rampe, aber auch hoch oben auf der Treppe. Dort sind sie nur halb zu sehen, aber immer sehr gut zu hören. Öffnen sich Kammern, sind diese meist nur gerade so hoch, dass die Sänger darin gebückt stehen können, als ob sie das Gewicht des unerträglichen Hasses kaum noch tragen können. Nur das Licht verändert den Eindruck der Betonwüste, immer in Korrespondenz zum Inhalt. So erstrahlen Schichten Gelb bei den giftigen Tiraden der Mägde, Magenta dominiert bei Elektras großem Monolog Allein, Lila und Gelb bei Klytämnestras exzentrischem Auftritt. Als Orest für tot erklärt wird, übertönt die Passionsfarbe Violett das hoffnungsvolle Grün – alles ganz einleuchtend, aber auf Dauer vorhersehbar und schrecklich ermüdend. Als Zuschauer, der die Elektra kennt, kann man daraus ein Ratespiel basteln. Am Ende, als der Mord an Klytämnestra für alle sichtbar oben auf den Treppen geschieht und sie sehr theaterwirksam, durch Stuntfrau Marie Schmitz dargestellt, die Treppen langsam Stufe für Stufe herunterstürzt, ersetzt erwartungsgemäß ein tiefes Rot jegliches Blut.
Die Kostüme von Kathi Maurer sind alle in Schwarz gehalten, zum Teil mit Accessoires. So hat Klytämnestra lange, weiße Haare, einen weiten Mantel als Requisit und wie der golden bekrönte Aegisth auch goldene Schuhe. Chrysothemis trägt in einem braven, schwarzen Kostüm mit weißen Stulpen und ordentlichem, weißem Krägelchen ihre bürgerlichen Sehnsüchte gewissermaßen am Körper. Die Mägde haben weiße Hauswirtschafterinnen-Schürzen umgebunden, Orest kommt als Kriegsheimkehrer mit Beinprothese und hölzernen Achselkrücken aus dem Krieg zurück. Schick und grazil klettern die Dienerinnen in schwarzen Hosenanzügen die Treppen rauf und runter. Elektra selbst wirkt wie ein schwarzer Todesvogel – Wien lässt grüßen – ihr hängen schwarze, lange Flusen von den Schultern. Damit wirkt sie mal wie eine Krähe, beim Todeswalzer am Schluss eher wie eine schwarze Spinne, die sich grotesk verrenkt und schließlich erschöpft liegen bleibt.
Die Sänger singen durchweg auf hohem Niveau. Nina Stemme als Elektra schleudert mit ihrem großen Sopran Wut und Rachegedanken absolut überzeugend ins Publikum, im Laufe der Aufführung gelingen auch die Spitzentöne mit geradezu umwerfender Intensität. Sie ist bis in jede Faser ihres Körpers Elektra, unausweichliche Rächerin.
Elektras Schwester Chrysothemis ist mit Elza van den Heevers farbenreichem Sopran optimal besetzt. Sie formuliert ihre Wünsche auch mit Kraft und Nachdruck, dabei aber im Gegensatz zu Elektra im Schöngesang verbleibend.

Mit Michaela Schuster betritt eine Vollblutdarstellerin die Bühne. Ihre Klytämnestra überzeugt gesanglich und darstellerisch. In ihrer 20-minütigen Szene mit Elektra geht sie bis über die Grenzen des Singens hinaus, um dem Ausdruck gerecht zu werden, beispielsweise bei der Phrase „Was Wahrheit ist, das bringt kein Mensch heraus“.
Johan Reuters Bassbariton passt gut für den Orest, wirkt aber seltsam unbeteiligt, was wiederum zu seiner Versehrtheit passt. Zur Vollstreckung der Rache muss er zunächst einige Treppen überwinden, was wegen des versteiften Beines einen fast schon komischen Effekt erzielt.
Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gibt einen soliden Aegisth, mit hellem, auch schneidendem Tenor, verweichlicht und übersatt in der Erscheinung der Figur.
Die Nebenrollen sind gut besetzt mit Anthony Robin Schneider als dem Pfleger des Orest, Serafina Starke als der Vertrauten, Anne Denisova als Schleppträgerin, Lucas van Lierop als jungem Diener, Andrew Harris als altem Diener, Kirsi Tiihonen als Aufseherin, Katharina Magiera, Marvic Monreal, Alexandra Ionis, Dorothea Herbert und Lauren Fagan als Mägde und Mariana Ambrozová, Ada Bílková, Eliska Grohová, Zuzana Hirschová, Tereza Kurfirtová, Stepánka Pychová, alle Solistinnen des Prager Philharmonischen Chores, als Dienerinnen. Zwei Tänzerinnen, Sophie Melem und Emmanuelle Rizzo, komplettieren das Ensemble.
Der Prager Philharmonische Chor unter der Leitung von Lukás Vailek singt sehr sauber und einheitlich, muss aber unsichtbar hinter der Bühne bleiben.
Unter dem Dirigat von Kirill Petrenko machen die Berliner Philharmoniker die Partitur bei all ihrer Komplexität durchsichtig und klar, arbeiten die Leitmotive plastisch heraus, stürzen sich bei vollem Orchester mit 111 Musikern in die bombastischen Exzesse. Absolut direkt erfassen sie den Zuhörer mit der Macht des ungewöhnlich großen Orchesterapparats. Allein bei den vier Hörnern hat Strauss noch weitere vier Wagnertuben vorgesehen, insgesamt 40 Bläser sitzen im Graben. Petrenko ist immer auch bei den Sängern, dirigiert energiegeladen und tänzerisch, das Geschehen vorantreibend, genießt er auch die Stellen voller Schönheit mit seinem Orchester in leuchtenden Farben.
Das Publikum im riesigen Saal, in dem noch etliche Plätze leer blieben, feiert die Mitwirkenden, wobei der Applaus für die Musiker intensiver gerät als für das Regieteam, bei dem sich auch einzelne Buhrufe hören lassen.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann die Inszenierung am 26. und 31. März in Baden-Baden noch besuchen oder am 20. April in der ARD einen Eindruck gewinnen.
Jutta Schwegler