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KARL UND ANNA
(Christoph Ehrenfellner)
Besuch am
6. April 2024
(Premiere)
Leonhard Frank, 1882 in Würzburg geboren, 1961 in München gestorben, auch international viel beachteter Expressionist und Pazifist, verursachte 1952 in seiner Heimatstadt einen Theaterskandal mit seinem Stück Karl und Anna. Nun aber erscheint Karl und Anna endlich als Kammeroper auf der Bühne, vorgesehen zur Eröffnung des neuen Kleinen Hauses des Mainfranken-Theaters Würzburg, durch die Probleme beim Bau immer wieder verschoben. Diesmal aber glückt die Uraufführung, allerdings eingezwängt auf die Bühne des eigentlich fürs Schauspiel gedachten Theatersaals mit seinen ansteigenden über 300 Plätzen. Komponiert hat die Musik Christoph Ehrenfellner, 1975 geborener Österreicher, mittlerweile renommiert als Neoromantiker, orientiert am „System von Erinnerungs- und Leitmotiven“; wie Gábor Hontvári im Programmheft betont, hat er für Karl ein „leidenschaftliches Hauptmotiv“, für Anna eine Art „Heiligenmotiv“, und für Marie ein fallendes und für Richard ein sprödes, zweitoniges Terzmotiv entworfen und miteinander verwoben; durch diese Gegensätze entsteht aus den Dialogen der Motive ein spannender Dialog. Ehrenfellner, Opernfan und Mozartverehrer, ist nach seinen eigenen Worten kein Freund der Elektronik; er will mit seiner Musik, die an Richard Wagner, Richard Strauß oder Alban Berg erinnern kann, sogar mit Zitaten aus La vie en rose der Edith Piaf, die Zuhörer direkt im Herzen erreichen, will dadurch die besondere Atmosphäre und die wechselnden Stimmungen in einer besonderen Klangsprache unterstreichen. Das ergibt teilweise irritierende Effekte, wirkt wie in melancholischer Schwebe, passt aber durchaus zum Inhalt der Oper.
Denn Roland Schimmelpfennig, der Librettist, hat sich – teilweise wörtlich – an Leonhard Franks Novelle von 1927 orientiert, hat die wichtigsten Momente in der Begegnung der Menschen, die durch den Krieg auch seelisch beschädigt wurden, herausgegriffen und das Umfeld der Zeit zwischen 1914 und 1918 mit der Enge, dem Elend, der Armut, der moralischen Desorientierung aufgenommen; das geschieht vor allem durch den Chor. Der fungiert wie im antiken Drama kommentierend, warnend, auch in die Zukunft deutend. Mal treten aus dem Chor Gestalten heraus, die sich als einzelne Mitbewohner des Dreihöfe-Hauses äußern, wo die Folgen des Kriegs im engen Zusammenleben mit Gewalt, Neid, aber auch Mitleid zu spüren sind, mal bilden zwei Mädchen die Nachrichten aus der brodelnden Gerüchteküche des Hauses ab. Die Gegensätze zwischen der nachdenklichen Anna und der etwas leichtsinnigen Marie treten im Libretto stärker als in der Novelle hervor. Was auffällt, sind die häufigen Wiederholungen von symbolischen Verweisen, so der Akzent auf Begriffen wie Einsamkeit, Sehnsucht, Erinnerung. Die Musik Ehrenfellners, oft mit strukturierten Klangflächen, weitet sich, zusammen mit einer geradezu „romantischen“ Cello-Kantilene, beim Geständnis des „wahren“ Glücksgefühls über die empfundene Liebe. Der Pfiff des Zugs in der Steppe wird laut Libretto und Musik gleichgesetzt mit dem Pfeifen des Gaskochers. Am Schluss, als das Liebespaar Karl und Anna weggeht in die Nacht, nimmt Schimmelpfennig den Text von Frank auf, lässt das Ende in der Schwebe mit „Die Sterne glitzerten kalt“. Die beiden sprechen nicht, sind „zu trennen nur noch im Tod“. Das Wort „Tod“ schwingt dann ohne Text im Chor nach – als unerforschliches Geheimnis der Liebe.

Die zweistündige Oper in vier Akten, im Spannungsraum zwischen es-Moll und C‑Dur, ist trotz der Hinweise auf den Ersten Weltkrieg, trotz der Herleitung der Fabel aus der Novelle Franks eigentlich zeitlos. Sie behandelt die Problematik von Kriegsheimkehrern quasi „in nuce“, in der Konzentration auf wesentliche Momente. In der Einsamkeit der Steppe, beim sinnlosen Einsatz als Strafgefangene, erzählt der eine Soldat, Richard, seinem Kameraden, Karl, von seiner Frau Anna, und schildert sein Zuhause bis in alle Einzelheiten. Karl „verliebt“ sich mit seiner Fantasie in dieses Bild und kommt nach seiner Flucht zu Anna in deren ihm unbekanntes Heim, gibt sich als ihr Mann Richard aus, der aber offiziell für tot erklärt wurde. Anna aber glaubt ihm nicht, obwohl er ihr intime Einzelheiten aus ihrem früheren Leben erzählt, redet ihn weiter mit „Sie“ an. Dennoch verliebt sie sich allmählich in ihn, wird von ihm schwanger. Als aber Richard wider alle Erwartung doch heimkehrt, gibt es nur einen kurzen Moment des Zwistes und Zögerns; sie entscheidet sich für Karl, weil sie ihn liebt, geht mit ihm fort. Marie, ihre Freundin, nimmt sich Richards an. Schuld an solchen zwischenmenschlichen Konflikten hat der Krieg; die wahren Gefühle aber sind entscheidend.
Regisseur Markus Trabusch lässt das Drama auf einer erhöhten Plattform in der Bühnenmitte spielen. Bühnenbildner Johannes Schütz deutet die ärmliche Wohnung von Anna mit spärlichem Mobiliar wie Gaskocher auf dem Boden, Tisch, Stühlen und Decke als Bett an. Auf der grauen Bühnenfläche aber legen anfangs die beiden Gefangenen mit Steinen ein großes Kreuz, diagonal, unterhalten sich hier in der einsamen Steppe über Richards Heim und Frau. Als Karl Anna aufsucht, ist aus dem Kreuz eine trennende Diagonale geworden. Dann gibt es von unten her auch mehr Licht und Farbe durch das Lichtdesign von Mariella von Vequel-Westernach. Die handelnden Personen tragen schlichte, funktionale Kleidung. Der Chor, ganz in Schwarz, sitzt seitlich unten, neben der erhöhten Spielfläche; lediglich die beiden Jugendlichen, welche „skandalöse“ Neuigkeiten bei den Nachbarn per „Haustelefon“ austauschen, sind durch Nicolle von Graevenitz in bunten Kleidchen kostümiert. Das Orchester, in kleiner Besetzung, ist hinten an der Stirnseite positioniert. Leider ergibt sich durch das hohe Podest, laut Regisseur ein „Erkundungsraum“, wo alle Akteure simultan anwesend sind, ein gewisser Nachteil bezüglich der Sicht von den ersten Reihen aus. Aber der Eindruck einer Konzentration auf die knappen Momente der Handlung wird durch diese Anordnung der Regie verstärkt.

Auch die Charakterisierung der Personen gelingt überzeugend: Die beiden Klatschmäuler Alma, Jasmina Aboubakari, und Elfie, Anastasia Fendel, bewegen sich locker, jugendlich und keck und verständigen sich per Fantatsie-Telefonie an den Ecken des Podests; vielleicht hätte man diese Szenen, die den tragischen Ablauf von seiner Schwere befreien sollen, etwas kürzen können. Karl ähnelt nur äußerlich in der Statur seinem Kameraden Richard, während letzterer etwas gröber, spröder wirkt; dagegen scheint Karl versöhnlicher, sensibler, verträumter. Durch solche Eigenschaften passt er gut zu Anna, die eher introvertiert, abwartend, überlegt auftritt ganz im Gegensatz zu ihrer Freundin Marie, einer spontanen, impulsiven jungen Frau. Alle Rollen in dieser neuen, sehr poetischen Oper sind ausgesprochen sängerfreundlich gehalten, die Musik Ehrenfellners ist weitgehend tonal, ausgestattet mit differenzierten Klangfarben und ‑flächen, und der Chor, hervorragend einstudiert und geleitet durch Sören Eckhoff, präsentiert sich klangschön trotz der sehr komplexen, schwierigen, oft irritierend einsetzenden Gesangspartien, auch in den Einzelszenen.
Martin Berner ist mit seinem kräftigen, gut geführten Bariton ein durchwegs sympathischer Karl, und Daniel Fiolka als sein einstiger Kumpel und späterer Widersacher Richard um die Liebe von Anna ebenso stimmstark. Vero Miller als Anna, Zentrum der Liebessehnsucht beider Männer, gibt eine eher verhalten, abwartend agierende, nie leichtfertige Frau mit bestens gestütztem, leicht dunkel gefärbtem Sopran, während Minkyung Kim als Marie die eher bedenkenlose Lebendigkeit ihrer Figur mit hellem, höhensicherem Sopran unterstreicht. Alle vier Hauptpersonen bewältigen ihre Partien, die sich oft einem Sprechgesang annähern, mit feinen Farb-Schattierungen.
Das Orchester unter der sehr engagierten Leitung von Gábor Hontvári gestaltet Ehrenfellners Musik transparent gerade bei der polyphonen, sperrigen Textur, selbst bei dramatischen Aufschwüngen und abwechslungsreich illustrierend auch bei den vielen Wiederholungen.
Nach dem Ende, als der Chor den Klang sanft verschweben lässt, feiert das Publikum im fast voll besetzten Kleinen Haus alle Mitwirkenden begeistert und lange – allerdings mischen sich in den Jubel auch ein paar Buh-Rufe, und die Aufführung stimmt nachdenklich über die Auswirkungen auf die veränderte Moral der Menschen in Kriegszeiten.
Renate Freyeisen