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Nur Menschliches

MAG DIE GANZE WELT VERSINKEN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
13. April 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Blaue Halle, Mainfran­ken­theater, Würzburg

Ein Lieder­salon: zusam­men­kommen, hören, reden über uralte Bezie­hungen zwischen Ost und West, eine feine Tradition, die vor allem im 19. Jahrhundert gepflegt wurde. Der Geist der alten Salons, wie dem von Pauline Viardot in Baden-Baden und Paris, in dem Franz Liszt, Richard Wagner und Theodor Strom ein- und ausgingen, oder dem von den Hille­brands in Florenz, in dem sich führende europäische Literaten, Musiker, Musik­wis­sen­schaftler und Intel­lek­tuelle die Klinke in die Hand gaben, legt sich denn auch schnell über die mit viel Rot sparsam möblierte Bühne. Der Flügel vor dem roten Samtvorhang, ein rotes Sofa, ein Tisch mit eine rot-goldener Tisch­decke, zwei Stühle aus dem vorletzten Jahrhundert machen gemeinsam mit einer klug durch­dachten Beleuchtung aus der kahlen Bühne der Blauen Halle, Ausweich­spiel­stätte des Mainfran­ken­theaters in Würzburg, einen Salon.

Opern­di­rektor Berthold Warnecke gibt als Dramaturg des Abends eine kurze Einführung und stellt hierbei einen Zusam­menhang zwischen den Hunderten von Gedichten des persi­schen Dichters Hafis, Johann Wolfgang von Goethes West-östlichem Diwan und den Bezie­hungen zwischen Ost und West in Deutschland her. Goethe war ein großer Bewun­derer der Lyrik Hafis‘ und tauchte tief in die Welt des Dichters aus dem 14. Jahrhundert ein, studierte selbst den Koran und lieferte mit den folgenden Zeilen das Motto für den Abend:

„Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sey uns den Zwillingen gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken
Das soll mein Stolz, mein Leben seyn.

Nun töne Lied mit eignem Feuer!
Denn du bist älter, du bist neuer.“

Foto © O‑Ton

Und so entspinnt sich zwischen den Sängern, den Pianisten und dem Schau­spieler Hannes Berg ein Mitein­ander, in dem die Personen auf der Bühne zuein­ander in Beziehung treten und im Sich-Bewegen zwischen Osten und Westen versuchen, das Thema nicht nur mit der momen­tanen Brisanz zu betrachten. Verschiedene Texte helfen, die Zusam­men­hänge zu erkennen, natürlich Gedichte aus dem Diwan von Hafis, dem West-östlichen Diwan von Goethe, Günter Grass‘ Rede über den Standort, der Fernseh­an­sprache von Bundes­kanzler Helmut Kohl zum Inkraft­treten der Währungs­reform 1990 und Stefan Jakob Wimmers 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg. Eine Handrei­chung. Berg liest klar und deutlich, mit Gefühl, ohne zu viel Pathos in die Texte zu legen, und ist den Sängern innerhalb der Choreo­grafie ein Partner. Oft werden die Texte zu Klavier­klängen rezitiert.

Die Pianisten Silvia Vassallo Paleologo und David Todd spielen Stücke von Robert Schumann Von fremden Ländern und Menschen und Der Dichter spricht, Auszüge aus der Schehe­razade von Nikolai Rimski-Korsakow und begleiten die Sänger in zuver­läs­siger Weise, tragen den ganzen Abend pianis­tisch durch die Welten.

Bariton Daniel Fiolka beginnt mit Talismane von Schumann den Abend und stellt den Wunsch nach Frieden gleich mit Goethe an den Anfang:

„Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.
Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.“

Mit klug geführter Stimme, sparsam einge­setztem Vibrato und sehr weichem Piano nimmt er mit seinem angenehmen Timbre die Zuhörer mit auf die Reise zwischen den Kontinenten.

Foto © O‑Ton

Sopra­nistin Silke Evers und Pianistin Paleologo zelebrieren Arnold Schoen­bergs Schenk mir deinen goldenen Kamm in seiner ganzen filigranen und geheim­nis­vollen Schönheit sehr inniglich. Mit ihrer warmen und auch im leisesten Piano tragenden Stimme vermag Evers feinste Nuancen dieser so zerbrech­lichen Musik auszu­loten. Paleologo begleitet unglaublich intensiv und liefert im Nachspiel ein kleines Meisterstück.

Die Suleika-Lieder von Felix Mendelssohn-Bartoldy und Schumann bleiben noch dem 19. Jahrhundert verhaftet, werden in Kontrast gesetzt zu Bochum von Herbert Gröne­meyer, und dem durch Fiolka stilecht vorge­tra­genen Republik, mein Vaterland von Rolf Lukowsky. Ein sehr berüh­render Moment ist das Gute Nacht aus Franz Schuberts Winter­reise, das den zuvor gelesenen Text über den Staats­vertrag konter­ka­riert. Fiolka zeigt eine große innere Betrof­fenheit, verbreitet um sich eine tiefe Einsamkeit und teilt in der kleinen Choreo­grafie, die den Abend durch­zieht, mit Sprecher Berg sein Unglück. Unprä­tentiös, schlicht und ergreifend. Pianist Todd ist hier immer ganz nah dabei, sehr zuver­lässig und die Stimmungen im Klavier verstärkend.

„Mag die ganze Welt versinken“: Auch Stücke aus Operetten, Meine Liebe, deine Liebe oder das Wolgalied von Franz Léhar beleuchten das Thema neben dem Jerusalem aus Mendels­sohns Paulus, dem Hostias aus der Missa pro defunctis von Gabriel Fauré, Im Abendrot von Schubert und Heimweh von Johannes Brahms aus verschie­denen Blick­winkeln. Beide Sänger gehen sehr klug mit der Akustik des doch trockenen Raumes um, singen sehr verin­ner­licht, zurückgenommen.

Am Ende steht das One Hand, One Heart von Leonard Bernstein, das im Duett der beiden Sänger wunderbar die Bewegung zweier Welten aufein­ander symbo­li­siert. Die zirka 50 Zuschauer danken es mit großer Ergrif­fenheit und langem Applaus.

Wimmers Handrei­chung zitiert die inzwi­schen 102-jährige Margot Fried­länder, Schoah-Überle­bende, und das soll am Ende stehen:

„Es gibt kein christ­liches, musli­mi­sches, jüdisches Blut, nur mensch­liches. Seid Menschen!“

Jutta Schwegler

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