O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Karl-Heinz Krauskopf

Symbiose von Mystik und barocker Kantate

LE MIROIR DE JÉSUS
(André Caplet, Johann Sebastian Bach)

Besuch am
12. April 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Chorwerk Ruhr im Kultur­zentrum Imanuel, Wuppertal

Die Musik­for­schung wird wohl auf unabsehbare Zeit viel zu tun haben. Denn nicht nur viele Kompo­si­tionen, auch etliche ihrer Urheber schlummern unent­deckt im Dunkeln. Bei manchen lohnt es sich vielleicht nicht, sie wieder ans Licht der Öffent­lichkeit zu bringen. Doch es gibt wohl mehr als genug hochka­rätige Musik, die völlig zu Unrecht ein stief­müt­ter­liches Dasein fristet. Le Miroir de Jésus – deutsch der Spiegel Jesu – mit dem Unter­titel Mystères du Rosaire – also Mysterien des Rosen­kranzes – aus der Feder des franzö­si­schen Kompo­nisten André Caplet könnte durchaus zu denje­nigen gehören, die künftig regel­mäßig auf Programm­zetteln erscheinen.

Auch Johann Sebastian Bachs Kirchen­kantate Tilge, Höchster, meine Sünden“ BWV 1083 geriet in Verges­senheit, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erwähnt wurde, aus dem gefun­denen Particell eine Ausgabe entstand, später nach der Entde­ckung des Stimmen­satzes eine kritische Ausgabe veröf­fent­licht und im Jahr 2000 erneut heraus­ge­geben wurde.

Die erste Kompo­sition als Hauptwerk des Abends und die zweite etwa zur Hälfte darin einge­schoben kommen in Wuppertals Immanu­els­kirche auf die Bühne und geraten gerade wegen ihrer erstklas­sigen Darbietung zu einem Höhepunkt im städti­schen Konzertleben.

Der Komponist André Caplet dürfte fast nur in Fachkreisen bekannt sein. 1878 in Le Havre geboren, ging seine Karriere bis zum Ersten Weltkrieg als Musiker steil nach oben. Nach seinem Studium am Pariser Konser­va­torium war er zuerst Pauker, dann Dirigent, wurde Musik­di­rektor am Théâtre de la Porte Saint-Martin und 1901 mit dem Prix de Rome geehrt. 1914 wurde er Leiter der Pariser Oper. Ein paar Tage später meldete er sich als Freiwil­liger zum Wehrdienst und erlitt im Krieg eine Gasver­giftung, die mit für seinen Tod anno 1925 verant­wortlich war. Er litt seitdem an einer Brust­fell­ent­zündung, konnte deswegen nicht mehr dirigieren und beschränkte sich nach dem Krieg auf das Komponieren.

Von César Franck und Gabriel Fauré war er zunächst beein­flusst, danach vom Impres­sio­nismus Claude Debussys. In seinem Spätwerk lässt er zwar diese Musik­sprache nicht ganz außer Acht. Doch die neoklas­si­zis­ti­schen Formen überwiegen in seinen letzten Jahren. Hinzu kommt als tiefgläu­biger Katholik sein Hang hin zur Mystik, die sich in der Verwendung der grego­ria­ni­schen Musik offenbart.

Le Miroir de Jésus für Mezzo­sopran, Frauenchor, Streich­or­chester und Harfe entstand als letzte groß angelegte Tonschöpfung zwei Jahre vor Caplets Tod. Ähnlich eines Tripty­chons ist es in drei Teile unter­teilt, die sich mit den wichtigsten Stationen im Leben Jesu beschäf­tigen: Spiegel der Freude, Spiegel des Leids und Spiegel der Glorie. Geschildert werden sie aus der Perspektive der Jungfrau Maria. Der Chor beginnt das Opus mit einem Exordium und kommen­tiert durch kurze Zitate wie ein Halleluja.

Julia Selina Blank – Foto © Ingvild Festervoll Melien

Der Komponist stellt sehr hohe Ansprüche an den Frauenchor. In allen Registern, bei lauten wie leisen Stellen und selbst großen Inter­vall­sprüngen ist eine hohe Homoge­nität vonnöten. Haben manche Profi­chöre in dieser Hinsicht Probleme, beherr­schen die Sopra­nis­tinnen und Altis­tinnen die Anfor­de­rungen locker-leicht, mühelos. Stets, selbst bei den komple­xesten freito­nalen Passagen, klingt jede Chorgruppe wie eine einzige runde variable Stimme, die die gesamten Stimmungs­bilder hochemo­tional außer­or­dentlich ergreifend nachzeichnet. Auch als Trio brillieren drei Choris­tinnen mit ebenmä­ßigen Gesängen.

Ulrike Malotta schlüpft stimmlich absolut überzeugend in die Rolle der Jungfrau Maria. Ihr in allen Belangen beweg­licher, tragfä­higer Mezzo­sopran erzählt, parliert, hebt selbst in den höchsten Tonge­filden zu drama­ti­schen elektri­sie­renden Gesängen an, zeichnet außer­or­dentlich schat­tie­rungs­reich die Textin­halte nach.

Einge­bettet in diese Mysterien sind zwischen den drei Teilen je drei Abschnitte sowie zu Beginn der Eingangssatz und am Schluss das Amen die in vierzehn Teile geglie­derte Bachsche Parodie auf das Stabat Mater Giovanni Battista Pergo­lesis quasi als zweiten Blick auf Jesu Leben. Auch diese Musik intonieren die Choris­tinnen und als Solistin aus ihren Reihen die glänzend dispo­nierte Altistin Julia Spies ausge­sprochen intensiv, dicht, dabei die polyphonen Struk­turen klar darstellend.

Dazu bringt das erstklassige Kammer­or­chester Les Essences die beiden Werke mit festem Zugriff zu Gehör und sämtliche musika­li­schen Feinheiten absolut diffe­ren­ziert und durch­hörbar zur Geltung.

Die Gesamt­leitung liegt in den Händen von Julia Selina Blank. Dank der umsich­tigen, mitat­menden, exakten Anwei­sungen und emotio­nalen Körper­sprache der renom­mierten Dirigentin musizieren Sänge­rinnen und Instru­men­ta­listen als große Einheitsodas die beiden gehalt­vollen Tonschöp­fungen, die wie aus einem Guss daherkommen.

Ist es während der Aufführung im Auditorium mucks­mäus­chen­still, schwillt schließlich der Lärmpegel erheblich an. Der frene­tische Beifall will nicht enden und ebbt erst dann allmählich ab, als die Inter­preten die Bühne verlassen.

Hartmut Sassen­hausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: