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MEFISTOFELE
(Arrigo Boito)
Besuch am
17. April 2024
(Premiere am 12. April 2024)
Mehrere Anläufe und großflächige Überarbeitungen waren nötig, bis Arrigo Boitos einzige in den Spielplänen verbliebene Oper Mefistofele Erfolg hatte. Verblieben ist ein dreistündiges Melodram in vier Akten mit Prolog und Epilog, das den Stoff von Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel Faust zum Inhalt hat, dessen antiklerikale und politische Aussagen er abmilderte.
Moshe Leiser und Patrice Caurier führen Regie in der Neuinszenierung für das Teatro la Fenice in Venedig. Modern und zeitgemäß ist das Setting – Kostüme von Agostino Cavalca. Die Bühne gestaltet Leiser mit wenig Aufbauten und nutzt glücklicherweise in Maßen Videos von Etienne Guiol effektvoll, um eindrucksvolle Bilder zu schaffen. Im Prolog nimmt Mefisto, nachdem er dem Dirigenten die Partitur reicht, auf einem Fauteuil im grauen Jogginganzug Platz. Sichtlich gelangweilt entscheidet er sich, sich im Hintergrund zu entkleiden und eine genüssliche Dusche zu nehmen. Erfrischt sucht er nach Unterhaltung im Fernsehprogramm, Nachrichtensendungen kann der Zuschauer auf einem großen TV-Bildschirm über der Bühne mitverfolgen. Nach dem Pakt mit Gott, vom herrlich singenden Chor im Off, geschlossen, finden wir uns im Fußballstadion wieder, wo üppig gefeiert wird.

Ein Bruch dazu ist das Osterpicknick von Faust und Wagner, mehr oder weniger auf dem Spielfeld zwischen stürmenden Fußballmannschaften. Zwei Stühle, Tisch und ein Fahrautomat in Form eines Schweines sind die Requisiten für die Szene der Verführung Margarethes, die Hexen donnern hörbar im mystisch mächtig wirkenden Chor. Nur vier Wärter sitzen auf der Bühne und bewachen die am Boden kauernde Margarethe. Die Sabbat-Feier lässt nochmals viel Feuer auf der Bühne projiziert erscheinen, die Weltkugel schwebend über der dramatischen Chorszene. Fausts hell ausgeleuchtetes Studierzimmer wird als Guckkasten von oben auf die Bühne heruntergelassen. So wechselt das gut abgestimmte Bühnengeschehen mit längeren Umbaupausen wirkungsvoll und ästhetisch gut passend.
Die Sängerriege kann ebenso unter der souveränen aufmerksamen Führung von Nicola Luisotti am Pult überzeugen. Alex Esposito ist ebenso ein schleimig einschmeichelnder, verquerter Mefisto wie ein furchterregender, dämonischer Satan. Omnipräsent tänzelt oder schleicht er gedrungen im roten oder grauen Jogging-Anzug umher, mal mit kleinen Hörnchen, dann ohne. Seine Stimme stimmt er gut auf die Rolle und Szene ab, kann gruselig fluchen und süßlich bitten. Piero Pretti überzeugt mit robustem Tenor, der auch sauber in den Höhen intoniert. Etwas Schmelz färbt die Stimme wohlig weich. Im Spiel hölzern mimt er gut den Gelehrten etwas weltfremd. Maria Agresta ist eine feine junge Margarita, schüchtern und gläubig, die, zum Tode verurteilt, ihren Sopran als Märtyrerin in Reinheit und Verklärung strahlen lässt. Kamelia Kader ist eine kokette am Leben interessierte Marta wie auch eine stramme Pantalis, die divenhaft vor dem Publikum erscheint. Ihr Mezzo fließt leicht in allen Lagen und zeigt sich flexibel nuanciert.
Chor und Kinderchor des Teatro La Fenice tragen mit ihrer sehr präsenten Darstellung und gut von Alfonso Caiani einstudierten Leistung maßgeblich zum Erfolg der Aufführung bei.
Großer, begeisterter Jubel im ausverkauften Haus.
Helmut Pitsch