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LOBGESANG
(Felix Mendelssohn Bartholdy)
Besuch am
4. Mai 2024
(Einmalige Aufführung)
Gemeindepartnerschaften sind Plattformen mit dem Ziel, den kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Städten oder Regionen in unterschiedlichen Ländern zu fördern. Die Jumelage zwischen Erkrath nahe Düsseldorf und Cergy-Pontoise etwa 30 Kilometer nordwestlich von Paris wird derzeit vor allem von Chören lebendig erhalten. In der Chronik der partnerschaftlichen Konzerte sind Werke von Mozart, Fauré, Gossec, Vivaldi und Puccini verzeichnet. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft wagen sich auf zivilem Engagement beruhende Projektchöre und Chorgemeinschaften beider Seiten nun an ein außerordentlich forderndes Unterfangen, Felix Mendelssohn Bartholdys Lobgesang.
1840 lassen sich die Leipziger die Vierhundertjahrfeier anlässlich der Erfindung der Buchdruckerkunst Gutenbergs einiges kosten. Gleich zwei repräsentative Musikkompositionen gibt der Rat der Stadt in Auftrag. Die Oper Hans Sachs bei Albert Lortzing, dem versierten Musikdramatiker und ersten Musiker der Stadt. Sie ist heute weitgehend vergessen. Weiterhin ein großes sinfonisches Werk mit Chor bei Felix Mendelssohn Bartholdy. Zu der Zeit ist er Kapellmeister in Leipzig, eigentlich schon Dirigent im heutigen Sinne, der mit seinen Gewandhauskonzerten Furore macht. Lobgesang, die so entstehende Sinfoniekantate für Soli, Chor, Orchester und Orgel, wird nach dem Tod des Komponisten auch als Sinfonie Nr. 2 veröffentlicht.
Dass das Konzertpublikum von heute dem Lobgesang sehr selten begegnet, liegt quer zur Rezeptionsgeschichte zur Lebzeit Mendelssohns. Nach dem großen Erfolg der Uraufführung am 25. Juni 1840 in der Leipziger Thomaskirche avanciert das Stück zu einem seiner meistaufgeführten Werke bis zu seinem Tod sieben Jahre später. Wie Mendelssohns Leben ist auch der Lobgesang von Beginn an von Kritik begleitet, von berechtigter wie von diskreditierender Seite aus unschönen Beweggründen. Mendelssohn wird 1809 in Hamburg in eine bürgerliche jüdische Familie geboren. Abraham und Lea Mendelssohn lassen ihre Kinder Felix und Fanny christlich erziehen und 1816 in der Folge ihrer Übersiedlung nach Berlin protestantisch taufen. Dem jungen Felix wird als zusätzliches Zeichen der religiösen Neuorientierung zum Familiennamen der christlich geprägte Name Bartholdy hinzugesellt.

Besonders manifest wird diese Haltung in der Entschlossenheit, mit der er sich für die Schöpfungen Händels und Johann Sebastian Bachs in die Bresche schlägt. 1829 organisiert der gerade 20-Jährige eine Aufführung der praktisch vergessenen Matthäus-Passion Bachs in Berlin, eine Neuentdeckung der ureigenen lutherischen Musik. Auch der Lobgesang, dessen Texte auf Psalmen und Bibelzitaten beruhen, zeigt eindrücklich die konsequente Hinwendung Mendelssohns zum Protestantismus als Fixpunkt eines komplexen Prozesses.
Aufschlussreich, meint Peter Krause, Vorsitzender der Hamburger Mendelssohn-Gesellschaft, könne es sein, Mendelssohns beide großen Sinfoniekantaten, Die erste Walpurgisnacht von 1833 und den Lobgesang sieben Jahre später, zusammenzudenken. „Die Walpurgisnacht, deren Text er durch seinen großväterlichen Förderer Goethe kennenlernt, ist eine Huldigung archaischer heidnischer Bräuche, gespickt mit Pantheismus und Ablehnung einer übergriffigen christlichen Bekehrung.“ Lobgesang hingegen feiere den christlichen Gott und den Weg seines Volkes aus der Finsternis zum Licht. „Pflichtschuldig“, betont Krause, „bedient der getaufte Komponist jüdischer Herkunft hier die protestantische Musik, wenn er sich zu Luthers und Bachs Tradition des Chorals bekennt: ‚Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen …‘“.
Die in B‑Dur komponierte Symphonie-Kantate nach Worten aus der Heiligen Schrift leitet eine Sinfonia ein, die mit majestätischem Blech in Würdigung des Anlasses beginnt. Sie wird feierlich, dann mit einem Allegretto un poco agitato unter Anleihen an Wiener Walzern weitergeführt und endet mit einem Adagio religioso, das die sakrale Programmatik des Stücks vorwegnimmt. Die Düsseldorfer Camerata Luis Spohr stellt mit dem etwa zwanzigminütigen Vorspiel ihre professionelle Affinität zu Art und Seele der Partitur unter Beweis.
Nicht nur der Länge wegen – Händel begnügt sich bei den Sinfonia zu seinen Opern und Oratorien mit wenigen Minuten – könnte dieser vorangestellte sinfonische Teil wie die Akademische Festouvertüre von Johannes Brahms auch als eigenständiges Stück in den Programmen der Konzertsäle in Erscheinung treten. Zwar sind die Sinfonia und der anschließende Kantatenteil ungeachtet der unorganischen Proportionen durch Adaption der musikalischen Themen miteinander verbunden. Doch wird die Brücke dem Konzertbesucher nur durch genaues Hören und Verstehen bewusst.
Berührend gelingt in der Erkrather Aufführung in der Katholischen Kirche St. Johannes der Täufer die dramaturgische Schlüsselstelle Die Nacht ist vergangen, jener mit der Tempobezeichnung Allegro maestoso e molto vivace versehene Teil der Kantate, die mit Worten aus der Bibel den Auszug der Christenheit aus dem tiefen Tal des Unwissens in eine neue Ära der Erleuchtung schildert, auch dank der Erfindung des Buchdrucks. Hier findet der vierstimmige Chor in einer kurzen A‑cappella-Passage zu einem geschlossenen oratorischen Klangbild, das vom zunächst behutsam hinzutretenden Orchester zu einer triumphalen Botschaft der Gewissheit gesteigert wird. Zuvor hat der Tenor eindringlich mehrfach die elementare Frage gestellt „Hüter, ist die Nacht bald hin?“, die zunächst vom Sopran beantwortet wird und so nicht ohne Echo im Raum verstirbt.

Unter Würdigung der besonderen Bedingungen ist insbesondere die Leistung des Vokalensembles herauszustellen, das als Chor der 95 in die Chronik der Jumelage eingehen könnte. Mit dem Frauenchor Erkrath, als Projektchor um einige Männerstimmen erweitert, mit dem Kammerchor St. Chrysanthus & Daria, Haan/Gruiten und dem Chœur Cergy Boucle d’Oise finden Ensembles unterschiedlicher Muttersprachen und vokaler Stile zusammen. Sie unterscheiden sich überdies signifikant im professionellen Standard wie im Probenaufwand.
Erst am Tag der Aufführung vermag Frederik Heilig, Kantor der Haaner Gemeinde St. Chrysantus & Daria, in dessen Händen die Gesamtleitung liegt, das Werk mit allen Mitwirkenden zu proben. Auch die komplexe Aufgabe, eine Balance zwischen dem musikalischen Apparat und dem Raum, hier einer Kirche mit Nachhall, zu finden, kann unter solchen Vorzeichen nicht angemessen erfüllt werden. So ereignet sich die Aufführung immer wieder in kaum nuancierten Wellen, die das Hauptschiff der Kirche fluten. Auch die Passagen, die zunächst von den Solisten vorgetragen und danach vom Chor wiederholt werden, verlangen ein genaues Zusammenspiel, das erst mit einem längeren Vorlauf möglich wird.
Zudem schmälert die Besetzung der beiden Solistinnen jeweils mit einem Sopran das differenzierende Momentum, was freilich nicht der Erkrather Aufführung, sondern Mendelssohn anzulasten ist. Linda Hergarten, in vielen Stilen, nicht nur in der Klassik versiert, und Xenia von Randow, bekannt durch zahlreiche Rollen in Oper und Operette, überzeugen durch einfühlsame Intonation und vokale Strahlkraft. Geradezu inniglich finden beide im Duett Ich harrete des Herrn zusammen, zu dem der Chor später aufschließt. Eine Enttäuschung ist der Tenor Markus Aporta, dessen Gestaltung der Titelpartie in der Oper Ulenspiegel von Walter Braunfels 2018 Aufmerksamkeit erregt. Die Stimme ist unruhig, schartig in der Mittellage und durch ein unnatürliches, störendes Vibrato geprägt.
Der große intensive Beifall des Publikums gilt allen Mitwirkenden, insbesondere dem Dirigenten Heilig, dessen fachliche Kompetenz und unermüdliche Leidenschaft für Werk und Künstler das eigentliche Fundament des Konzerts ist. Die Aufführung rückt manches in den Blick. Freilich nicht unbedingt die Frage, ob die musikalische Huldigung des christlichen Herrgotts aus ihrem Dasein im Schatten des sakralen Kernrepertoires befreit werden sollte. Einem Teil unserer immer stärker säkular bestimmten Gesellschaft dürfte der Zugang zu diesem religiös bestimmten Werk ohnehin weitgehend verschlossen sein.
Ralf Siepmann