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TANNHÄUSER
(Richard Wagner)
Besuch am
5. Mai 2024
(Premiere am 21. Mai 2017)
Mehr sinnliche Bühnenästhetik sei kaum vorstellbar, so wird seitens der Bayerischen Staatsoper München die Wiederaufnahme des Tannhäuser von Richard Wagner in der vieldiskutierten Inszenierung von Romeo Castellucci angekündigt. Der Begriff „Ästhetik“ ist im Allgemeinen die Lehre von der Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und Kunst. Ob diese Definition auf die Bilderwelten Castelluccis zutreffen, muss der Zuschauer für sich selbst entscheiden. De facto wird er mit vielen optischen Sinneseindrücken konfrontiert, deren Zusammenhang mit dem Werk sich nicht so einfach erschließen und sehr häufig von der Musik und der eigentlichen Handlung des Werkes ablenken.
Wagner selbst thematisiert den Konflikt von Liebe und Lust, von hoher Liebe und triebhaftem Begehren, von Religion und Eros, eine Spannung, die bis zum Parsifal für den Menschen wie den Künstler Richard Wagner bestimmend sein sollte. Tannhäuser ist der Künstler, der durch seinen Aufenthalt im Venusberg zum gesellschaftlichen Außenseiter geworden ist und im Sängerwettstreit die Wartburg-Gesellschaft am Hofe des Landgrafen Hermann mit seinen Ansichten über die Liebe als höchstes Lebenselixier offen provoziert. Auf seiner Pilgerschaft nach Rom bestätigen sich seine Vorurteile über die Doppelmoral der Kirche und des Papstes. Einzig Elisabeth versteht sein inneres Dilemma und ist bereit, sich für seine Seele zu opfern. Der Glaube an ihre reine Seele rettet den Verlorenen. Im Mittelpunkt der Inszenierung von Castellucci steht der Spannungskonflikt Tannhäusers zwischen Venus und Elisabeth auf der einen Seite und dem klerikalen Bann gegen jede körperliche Lust, die als Selbstzweck gilt, auf der anderen. Es macht ihn zum Abtrünnigen von seinem angestammten Platz in der Männergesellschaft, zum Rebellen gegen deren Scheinheiligkeit.

Castellucci, der bei seinen Inszenierungen auch Bühnenbild, Kostüme und Lichtdesign verantwortet, kommt aus der bildenden Kunst. Seine Bilderwelten, die mehr Installationen gleichen, bestehen aus drei Episoden, die sich quasi wie Leitmotive durch das Werk ziehen. Es beginnt mit einem Kreis, der sich zu einem Auge verwandelt, für Castellucci der blinde Fleck. Halbnackte Amazonen, insgesamt zwei Dutzend an der Zahl, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, feuern nach einer Art Choreografie hunderte von Pfeilen auf das überdimensionierte Auge. So kann man die Ouvertüre optisch auch gestalten. Das sieht zwar beeindruckend aus, doch was bringt das Bild an neuer Erkenntnis über das Werk? Aus dem Auge wird plötzlich ein Ohr, und die Pfeile im Ohr sehen aus dem Zuschauerraum betrachtet aus wie Akupunkturnadeln, an denen sich Tannhäuser plötzlich hochhangelt. Dann wechselt das Bild zum Venusberg, und die Göttin der Liebe ragt aus einem überdimensionierten Berg an Haut und Fettmassen heraus. Da gibt es keine erotischen Bilder, der Venusberg ist verstörend und abstoßend. Vermutlich hat sich Castellucci bei der Kreation der Fettmassen an die Venus von Willendorf erinnert. Sie ist eine 1908 entdeckte, rund elf Zentimeter große und etwa 30.000 Jahre alte Venusfigurine und ist als Österreichs bekanntester archäologischer Fund im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen.
Castellucci spricht selbst von der Abscheu und dem Schrecken des Fleisches der Venus, das bei Tannhäuser ein Kindheitstrauma des Erstickens hervorgerufen habe und er daher aus dem Venusberg fliehen will. Die künstlichen Bilder garniert der Regisseur mit etwas Freudscher Tiefenpsychologie, und schon kommt eine Neudeutung des Werkes heraus. Nicht Venus, sondern Elisabeth ist schön. Die Schönheit ist aber unerreichbar, und daher, so Castelluccis Folgerung, ist Elisabeth das einzige Objekt der sexuellen Begierde. Dass eine solche Meinung längst nicht alle Experten und Kenner teilen, ist bekannt. Castellucci geniert das nicht, er bleibt bei seinen ausdrucksstarken Bildern. Die schon erwähnten Pfeile und Bögen stehen auch für die Liebe und die Wunde. Im zweiten Aufzug wird Elisabeth einen Pfeil in Tannhäusers Rücken stechen, der dann ähnlich wie Amfortas an einer nicht schließenden Wunde leidet. Gleichzeitig ist der Bogen nicht nur Jagdwaffe, sondern auch das Symbol für die Harfe, Tannhäusers wichtigster Waffe. Wenn Landgraf Hermann und seine Mannen im ersten Aufzug erscheinen, sind es archaische Jäger, die sich das Blut eines erlegten Hirsches ins Gesicht schmieren. Etwas zu viel Symbolik, mit der Castellucci den Zuschauer in eine überzeitliche Dimension entführen will.
Während der Sängersaal der Wartburg von sich kontinuierlich bewegenden Gazevorhängen verhüllt wird, ist das Bühnenbild im dritten Aufzug dunkel, in der Mitte befinden sich zwei Steinsarkophage, auf denen die Leichen Tannhäusers und Elisabeth aufgebahrt werden. Doch mit diesem Bild alleine lässt Castellucci es nicht bewenden. Insgesamt siebenmal werden die Leichname ausgewechselt, in den unterschiedlichsten Verwesungsgraden. Und etwa alle zehn Sekunden erfolgt dazu eine Projektion einer Zeitangabe. Erst ist es eine Sekunde, eine Minute, eine Stunde und so weiter, und am Schluss sind es nicht hundert, nicht tausend, sondern Milliarden von Milliarden von Abermilliarden Jahre, die vergangen sein werden, bis Tannhäuser und Elisabeth vereint sind. Das Helmholtz-Zentrum hat übrigens berechnet, dass das Universum gerade mal etwa vierzehn Milliarden Jahre alt ist. Da stammt Castelluccis Zeitangabe wohl aus einem ganz anderen Universum. Es ist dennoch ein durchaus interessantes Bild der Vergänglichkeit, wie ein unendliches Requiem.

Allerdings hat das weder was mit Logik noch mit der Handlung des Werkes zu tun. Am Schluss bleibt nur noch die Asche der beiden übrig, die von den beiden Sängern in eine gemeinsame Urne geschüttet wird. Tannhäuser und Elisabeth sind im Endzustand endlich vereint. Dass dann die Steinsarkophage umgedreht werden und die Namen der beiden zu lesen sind, das mag man ja noch akzeptieren. Doch dass statt Tannhäuser und Elisabeth dann „Klaus“ und „Vida“, die Vornamen der beiden Sängerdarsteller zu lesen sind, das entbietet dann doch eine gewisse Lächerlichkeit, und allerspätestens hier überschreitet Castellucci die Grenze des guten Geschmacks.
Nach gravierender aber ist, dass die eigentliche Handlung zur Nebensache gerät und die Sänger zu Statisten degradiert werden. Personenregie im klassischen Sinne findet gar nicht statt, Castellucci sonnt sich hier ausschließlich im überbordenden Schein seiner Bilder. Das führt dazu, dass die Sänger aus ihrer eigenen Bühnenerfahrung irgendwie versuchen, so etwas wie eine szenische Handlung zu kreieren. Und das rettet mal wieder eine Inszenierung, die man auch als Wagner-Experte erst dann nachvollziehen kann, wenn man das über 100 Seiten starke Programmbuch durchgearbeitet hat, die Interviews mit Castellucci gelesen oder im Netz gehört hat. Und das ist, bei allem Respekt, Überheblichkeit und Arroganz, wie der Regisseur dem Publikum gegenübertritt.
Dafür ist der Abend musikalisch und sängerisch ein ausgesprochener Hochgenuss. Klaus Florian Vogt in der Titelrolle ist kein kraftmeiernder Heldentenor, aber er hat im Laufe der Jahre eine Ausdrucksstärke entwickelt, die kaum von einem anderen Wagner-Sänger in diesem Fach erreicht wird. Sein heller Tenor ist kraftvoll in der Mittellage und prägnant in den Höhen und in den dramatischen Ausbrüchen. Mit großer Ausdauer und Klugheit bewältigt er die fordernde Partie, seine Romerzählung am Schluss ist von erschütternder Intensität, vor allem wenn er den Papst zitiert. Sein szenisches Spiel zeugt von einem großen Verständnis der Partie. Auch seine Textverständlichkeit ist vorbildlich. Vida Miknevičiūtė wird vor der Vorstellung vom Leiter des künstlerischen Betriebsbüros als erkältet angekündigt, überzeugt aber voll in der Rolle der Elisabeth. Ihr jugendlich-dramatischer Sopran ist von einer großen Leuchtkraft geprägt. Überzeugend ist ihre Stimmführung, auch wenn sie die Hallenarie im zweiten Aufzug vielleicht etwas zu dramatisch angeht. Dafür ist ihr Gebet im dritten Aufzug von tiefster Innigkeit und Beseeltheit getragen, und im Duett mit Tannhäuser verbindet sich ihre Stimme harmonisch mit Vogts lyrischem Heldentenor. Christian Gerhaher ist der dritte herausragende Sänger des Abends. Er verkörpert die Rolle des Wolfram von Eschenbach mit lyrischem Bariton und hochkultivierten Liedgesang, wie es in dem Fach vor ihm nur Dietrich Fischer-Dieskau vermochte. Er überzeugt durch stimmliche und ausdrucksstarke Präsenz und ist im Sängerstreit der Kontrapunkt zu Tannhäusers rauer Dramatik. Sein Lied an den Abendstern im dritten Aufzug ist einer der sängerische Glanzpunkte dieser Aufführung.

Okka von der Damerau gibt die Partie der Venus mit warmem Mezzo-Timbre, klug eingesetzten dramatischen Höhen und setzt stimmlich Kontrast zur Darstellung der Elisabeth. Ain Anger singt den Hermann mit markantem, manchmal leicht dröhnendem Bass und großer physischer Präsenz. Martin Snell ist ein ausdrucksstarker Biterolf, und Jessica Niles singt die Solostelle des Hirten mit klarem und jugendlichem Sopran. Evan LeRoy Johnson als Walther von der Vogelweide, Andrés Agudelo als Heinrich der Schreiber und Alexander Köpeczi als Reinmar von Zweter ergänzen stimmharmonisch ein starkes Sängerensemble. Ein Extralob haben sich die Solisten des Tölzer Knabenchores als die vier Edelknaben verdient.
Der Bayerische Staatsopernchor ist von Christoph Heil hervorragend eingestimmt und begeistert ebenfalls durch klaren Ausdruck und voluminöse Intensität. Der Pilgerchor im dritten Aufzug bringt Gänsehaut pur. So einen Wagner-Chor in der Intensität hört man außerhalb der Bayreuther Festspiele nur ganz selten! Das Bayerische Staatsorchester überzeugt ebenfalls durch eine beeindruckende Klangmalerei, aus der die Bläser dominant sauber hervorstechen. Schon im Vorspiel kommt der wunderbare, differenzierte und farbenreiche Klangkörper zur Geltung. Die Ouvertüre ist dramatisch kraftvoll und dynamisch, das Venusberg-Motiv stark akzentuiert, während die Melodie der Pilger zurückhaltend und weihevoll klingt. Sebastian Weigle leitet das Bayerische Staatsorchester mit deutlich klarem Gestus und großem Engagement. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders in den Duetten Tannhäuser mit Venus und Elisabeth, mit großer Sensibilität und beweist Mut zum Forte, ohne die Sänger dabei zu deckeln. Insgesamt ist sein Dirigat unprätentiös. Der Schluss ist ein musikalisch-opulenter Rausch, ein glühender Schmelztiegel stimmlicher Leidenschaft und großer Emotion, der nach dem letzten Ton das Publikum in Begeisterung versetzt. Es gibt großen Applaus und Jubel für die Protagonisten des Abends, am Schluss erhebt sich das Publikum in der ausverkauften Bayerischen Staatsoper unisono.
Auch wenn vielleicht der eine oder andere Zuschauer von der bilderreichen Inszenierung überfordert ist, so lohnt sich dennoch der Besuch allein schon wegen des großartigen Sängerensembles und der musikalischen Darbietung. In dieser Spielzeit, einschließlich der Münchner Opernfestspiele, steht die Inszenierung noch sechsmal auf dem Spielplan.
Andreas H. Hölscher