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DON QUICHOTTE
(Jules Massenet)
Besuch am
14. Mai 2024
(Premiere am 10. Mai 2024)
Wenn Jules Massenet zweifellos einen beträchtlichen Einfluss auf die französische Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehabt hat, so haben sich von seinen mehr als zwanzig Opern nur wenige, wie Manon oder Werther, auf den Spielplänen der internationalen Opernhäuser gehalten. Die Oper Don Quichotte gehört zu Massenets Spätwerken. Sie wurde 1910, zwei Jahre vor dem Tod des Komponisten, in Monte Carlo mit Fjodor Schaljapin in der Titelrolle uraufgeführt.
In Henri Cains Textbuch, nach einem Theaterstück von Jacques Le Lorain, wechseln sich heitere Szenen mit ernsthaft-tragischen ab. Mit Cervantes hat die Geschichte allerdings wenig gemein. Don Quichotte wird hier zu einer naiven, fast autistischen, sehr christlichen Heldenfigur, die Gutes tun und den Armen helfen will. Von seiner angebeteten Dulcinea wird er aufgefordert, eine Perlenkette, die Diebe ihr geraubt haben, zurückzugewinnen. Auf dem Weg dorthin kämpft er mit den Windmühlen, die er für Riesen hält. Sancho Pança hat Angst vor den Räubern und läuft weg. Die Räuber sind aber von Don Quichottes altruistischer Würde so beeindruckt, dass sie ihn tatsächlich mit der Halskette zu Dulcinea zurückschicken.

Doch endet seine Heldentat in einer Tragödie. Als er im Überschwang der Gefühle Dulcinea einen Heiratsantrag macht, lachen ihn all ihre Freunde aus. Und sie versucht, ihm sehr liebevoll klarzumachen, dass ein Mädchen wie sie, das einen so leichtfertigen Liebes- und Lebenswandel führt, zu einer Heirat mit ihm nicht taugt. Aber für Don Quichotte bricht eine Welt zusammen, den Schock überlebt er nicht. Er vermacht Sancho Pança seinen schönsten Besitz – die Insel der Träume und stirbt in der Betrachtung eines leuchtenden Sterns, während man Dulcinées Stimme in der Ferne singen hört.
Der Regisseur Damiano Michieletto hat mit seinem Team eine sehr widersprüchliche Inszenierung der Oper geschaffen. Einerseits versucht er, mit entsprechender Personen-Regie und mit einigen poetisch-romantischen Regieeinfällen, wie mit den bunt bemalten Karussell-Pferden oder mit den kohlpechrabenschwarzen, gesichtslos tanzenden Gespenstern à la Goyas Caprichos – wohl die inneren Schreckensbilder Don Quichottes darstellend – dem gefühlvollen Melodrama und Massenets Musik gerecht zu werden. Andererseits, versetzt er die Handlung in die zwar relativ elegante, aber völlig unterkühlte, ja, fast aseptische Atmosphäre eines modernen Wohnzimmers der 60-er Jahre. In diesem bühnenfüllenden Raum bewegt sich Don Quichotte, träumt, brütet vor sich hin, trinkt viel, schluckt verzweifelt Pillen und lebt in seinen Erinnerungen. Wenn die ihn hinaustreiben, erweitert sich auch der Raum nach hinten, immer noch mit demselben Dekor, und dort spielt sich dann der Kampf mit den Windmühlen ab, das Zusammentreffen mit der Räuberbande oder die Nachtclub-Partys von Dulcinées Freundeskreis. Ebenso wenig wie Wasser und Öl sich mischen, lassen sich auch diese beiden gegensätzlichen Atmosphären nicht mischen, was besonders im fünften Akt, in der sehr lyrischen, aber eisig grell beleuchteten Sterbeszene des Helden, allzu offensichtlich wird. Die Kostüme sind den 1960-er Jahren nachempfunden.

Christian Van Horn scheint wie für die Rolle des Don Quichotte geschaffen. Als naiver, aber würdiger und wohlmeinender Hüne spielt und singt er mit etwas rauem, wohlklingendem Bass den „Ritter mit der langen Gestalt“. Massenet hat sich für jeden der drei Hauptdarsteller einen eigenen Gesangsstil ausgedacht. Don Quichottes Gesang hat einen entschieden deklamatorischen Charakter, der sein Pathos unterstreichen soll. Und so klingt das fromme Seigneur, reçoit mon âme im dritten Akt fast wie ein Choral und das darauffolgende stolze Je suis le chevalier errant wie ein Helden-Epos. Für Dulcinée hat der Komponist eine Altstimme gewählt und hier die tieferen Lagen bevorzugt. Auch lässt er sie hin und wieder eine Reihe von Koloraturen durchlaufen. Ihre Möglichkeiten voll ausschöpfend, kreiert Gaëlle Arquez eine lebenslustige und liebeshungrige Dirne und gibt durch die fast schon gutturalen Klangfarben ihres tiefen Mezzosoprans der Dulcinée eine spürbare Sinnlichkeit: Alza! Alza! Ne pensons qu’au plaisir d’aimer. Doch ist sie ebenso überzeugend in den kurzen Momenten, in denen die Frivole zu sich selbst zurückfindet, Lorsque le temps d’amour a fui, que reste-t-il de nos bonheurs? Oder wenn sie Don Quichotte zu trösten versucht: Oui … je souffre de votre tristesse. Sancho Panças Gesangsstil wird häufig durch eine gewisse Unregelmäßigkeit bewusst ins Komische gezogen. Etienne Dupuis‘ lässt uns das in seiner großen Arie im zweiten Akt Ce qui m‘enchante en notre beau métier besonders schön nachvollziehen. Er ist dann aber auch wieder herzzerreißend in seiner Verzweiflung über das Schicksal seines Herrn: O mon maître, O mon grand! Wie Bienen um einen Honigtopf schwirren Emy Gazeilles, Marine Chagnon, Samy Camps und Nicolas Jones als Dulcinées Freunde um sie herum und als aggressive Wespen um den wehrlosen Don Quichotte. Sie sind ein spritziges, schnelles und stimmlich sowie schauspielerisch gut aufeinander eingespieltes Quartett. Der Chor der Opéra National de Paris ist von Ching-Lien Wu gut einstudiert.
Patrick Fournillier dirigiert mit Feingefühl und Energie die reiche Partitur Massenets, in der hin und wieder so verschiedene Einflüsse wie Carmen und Boris Godunow, aber auch fast barocke Melismen anklingen.
Das Publikum ist sehr zufrieden.
Alexander Jordis-Lohausen