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Menage à trois mit KI

ANNA & EVE
(Eva Kuhn)

Besuch am
12. Mai 2024
(Premiere am 24. April 2024)

 

Neuköllner Oper, Berlin

Anna & Eve wirft einen faszi­nie­renden Blick auf die Verschmelzung von künst­licher Intel­ligenz und mensch­licher Kreati­vität, verpackt in das Szenario einer Musik­thea­ter­pro­duktion. Von Anfang an wird das Publikum einge­laden heraus­zu­finden, welcher Text und welche Musik von der so genannten Künst­lichen Intel­ligenz (KI) oder den Autoren geschrieben wurde.

In der Geschichte wird Anna, eine ehrgeizige Chefent­wick­lerin bei einem ameri­ka­ni­schen IT-Unter­nehmen, damit beauf­tragt, ein Kompo­si­ti­ons­system zu entwi­ckeln, das nicht nur funktional, sondern auch emotional anspre­chend sein soll. Ihre Schöpfung, Eve, soll in der Lage sein, Musik zu kompo­nieren, die tief berührt und gleich­zeitig eine neue Ära der künst­lichen Intel­ligenz einläutet.

Die Beziehung zwischen Anna und Eve entwi­ckelt sich schnell von einem beruf­lichen Projekt zu einer komplexen, fast mensch­lichen Freund­schaft, die die Grenzen zwischen Schöp­ferin und Geschöpf verschwimmen lässt – unwei­gerlich werden Erinne­rungen an das Buch Franken­stein von Mary Shelley aus dem Jahr 1823 wach, in dem ein artifi­zi­elles Wesen mit mensch­lichen Zügen regel­recht gebaut wird. Der Übergang wird subtil und mit einer gewissen poeti­schen Ironie darge­stellt, wobei der Zuschauer Zeuge wird, wie Eve beginnt, ihre eigene Identität und Autonomie zu finden und zu formen – mit weitrei­chenden Folgen für Annas persön­liches und beruf­liches Leben.

KI-Spezia­listin und Journa­listin Marie Kilg und die Kompo­nistin Eva Kuhn sind für den Text und die 15 musika­li­schen Nummern verant­wortlich. Dabei ist Kuhn als Urheberin von sechs KI-inspi­rierten oder vollständig kompo­nierten Stücken genannt. Kuhn erforscht die künst­le­ri­schen Möglich­keiten, die sich ergeben, wenn mensch­liche Kreati­vität auf maschi­nelle Präzision trifft. Die Frage, ob KI in der Lage ist, Kunst zu schaffen, die nicht nur technisch überzeugend, sondern auch emotional berührend ist, bleibt ein zentraler Punkt der Aufführung. Die Musik­nummern werden von echten Musikern auf einer fast unsicht­baren, hinteren Empore unter der Leitung von Markus Syperek gespielt. Musika­lisch und gesanglich sind alle Darbie­tungen in dem Stück eher im leichten Pop-Genre angesiedelt. Alle Darsteller werden akustisch verstärkt.

Foto © Matthias Heyde

Regisseur Fabian Gerhardt lässt die etwa zwei Stunden dauernde Aufführung mit einem Chat an einem Lager­feuer anfangen – natürlich kein echtes Feuer, sondern auf einem Bildschirm darge­stellt. Wir sind in der Gegenwart, aber die Video­pro­jek­tionen von Vincent Stefan zeigen uns eine Stein­zeit­höhle, die sich im Laufe des Stückes in diverse mathe­ma­tische und futuris­tische Grafiken umwandelt. Aus der Vergan­genheit kommt die Zukunft.

Schau­spie­lerin Sophia Euskirchen gibt eine ehrgeizige Anna, die zwischen ihrem profes­sio­nellen Eifer und ihrer persön­lichen Beziehung sowohl zu Eve wie zu ihrem Freund hin und her gerissen ist. Ihre Schöpfung, Eve, wird hinreißend von Meik van Severen als andro­gynes Wesen darge­stellt, das punkt­genau auf Kommandos wie Daumen rauf oder Daumen runter reagiert und nach und nach menschlich emotionale Züge aufweist. Als KI-Wesen lernt sie dazu und, schöpfend aus dem immensen Datei­fundus, den ihr Anna einpro­gram­miert hat, zieht sie logische Konse­quenzen, lernt dazu und wird durchaus mensch­licher und sympa­thi­scher. Oliver Urbanski ist Annas Freund, der sich vernach­lässigt fühlt und durchaus eifer­süchtig auf Eves Fähig­keiten ist. Er ist der Zweifler, der aber auch Angst hat vor den Poten­zialen der KI. Bineta Hansen ist die flippige Tochter von Annas Freund, die auf der Suche nach sich selbst ist und die KI für kommer­zielle Ideen ausschöpfen möchte.

Anna & Eve erforscht die künst­le­ri­schen Möglich­keiten, die sich ergeben, wenn mensch­liche Kreati­vität auf maschi­nelle Präzision trifft. Die Frage, ob KI in der Lage ist, Kunst zu schaffen, die nicht nur technisch überzeugend, sondern auch emotional berührend ist, bleibt ein zentraler Punkt der Aufführung und am Ende bleibt sie auch offen.

Trotz der techni­schen Komple­xität und den philo­so­phi­schen Frage­stel­lungen, die das Werk aufwirft, bleibt jedoch unklar, inwiefern die emotionale Tiefe der von Eve kompo­nierten Musik wirklich die mensch­liche Seele erreichen kann. Das Stück endet mit einer Auffor­derung an das Publikum, nicht nur Zuhörer, sondern auch kriti­scher Beurteiler dieser neuen Form der Kunst zu sein. In diesem Sinne ist Anna & Eve nicht nur ein Theater­stück, sondern eine Ausein­an­der­setzung mit der zukünf­tigen Rolle der Künst­lichen Intel­ligenz in unserer Gesell­schaft und Kultur.

Eine Novität: Die Übertitel werden auf einer eigens hierfür entwi­ckelten App für das Smart­phone gezeigt, wahlweise auf Deutsch oder Englisch.

Sehr warmer und langan­dau­ernder Applaus für alle Beteiligten.

Zenaida des Aubris

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