O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thomas Jauk

Auf Kubricks Spuren

DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)

Besuch am
19. Mai 2024
(Premiere am 9. Mai 2024)

 

Oper Dortmund

In 2001: Odyssee im Weltraum, dem 1968 urauf­ge­führten Science-Fiction-Film, erzählt Stanley Kubrick eine mystische Version der mensch­lichen Evolution. In der zweiten Sequenz schleudert der Anführer einer Horde von Affen, jetzt Homo faber, einen zuvor als Waffe benutzten Knochen gen Himmel. Die Kamera zeichnet den Flug des Tatwerk­zeugs nach, das sich in Etappen in eine bemannte Raumfähre verwandelt. Nach ähnlichem Muster legt Peter Konwit­schny seine Neuin­sze­nierung von Richard Wagners Rheingold am Theater Dortmund an, auch wenn sein in Bilder getauchter Zeitsprung nicht Millionen, sondern nur Tausende von Jahren umfasst.

Die mytho­lo­gische Version des Vorabends zur Tetra­logie Der Ring des Nibelungen, mit der der 79-jährige Konwit­schny den Dortmunder Ring-Faden unter Aufkün­digung der chrono­lo­gi­schen Reihen­folge der Einzel­stücke auf der Basis seiner Stutt­garter Ring-Regie weiter­führt, ist auf eine vertrackte Art packendes Regie-Theater, ohne Regie­theater im ideolo­gi­schen Sinne zu sein.

Wagners „umfas­sende Geschichte unserer Zivili­sation“, so sagt Konwit­schny, lässt sich mit Blick auf die kaum zu überschauende Rezep­ti­ons­ge­schichte des Werks auf mannig­faltige Weise erzählen, erklären, deuten und gesell­schafts­kri­tisch politi­sieren, wie zahlreiche Beispiele bei den Bayreuther Festspielen seit Patrice Chéreaus Fassung zeigen. Konwit­schny will offen­sichtlich all das zusammen, was ein Vorteil der Dortmunder Insze­nierung ist, zugleich auch ihr wesent­licher Nachteil. Wenn die Regie dem Publikum nicht zur Gänze traut, entsteht eine Kunst, die jedes Detail, jedes Momentum, jede Geste mit „Bedeutung“ füllt, auch wenn die nicht existiert.

Wie im Siegfried, im Mai 2023 auf der Bühne des Dortmunder Theaters, rauscht noch vor geschlos­senem Vorhang, noch bevor das Vorspiel mit seiner betörenden Es-Dur-Harmonie einsetzt, die Nachbildung einer Baumkrone mit grünem Blattwerk krachend auf die Bühnen­bretter. Erneut bringt der Regisseur mit diesem Bild program­ma­tisch die Ursünde des Menschen in Erinnerung, den Frevel an der Natur. Der Frevel, der sich bei Wagner in Alberichs Gier nach dem Materi­ellen und der Verflu­chung der Liebe offenbart. Nach dem Menetekel spielt die Szene In der Tiefe des Rheins vor dem zunächst immer noch geschlos­senen Vorhang, der tiefrot ausge­leuchtet ist und als Requisit für die Nachstel­lungen Alberichs nach den Rhein­töchtern dient. Längst ist aus dem zunächst bedrohlich wirkenden Nibelungen ein Freier geworden, der mit wachsender Begehr­lichkeit den ihn umflir­renden Holden nachstellt. Nicht mehr ähnlich dem harmlosen Angler, der seine Angel­schnur zum Vorspiel im Orches­ter­graben kreisen lässt.

Foto © Thomas Jauk

Phasen­weise öffnet sich der Vorhang, um den Blick freizu­geben auf eine Stehleiter, auf der sich das Spiel der Nixen fortsetzt. Opulenz erfährt das Bild gegen Ende der Szene, als goldenes Licht die betörende Weissagung der Rhein­töchter umschmei­chelt: „Nur wer der Minne Macht entsagt, … nur der erzielt sich den Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold“. Es ist einer von mehreren gelun­genen Momenten des Licht­de­si­gners Florian Franzen, der auch im Dortmunder Siegfried die Licht­regie verant­wortet. Ansonsten setzt Konwit­schny in seinem Dortmunder Projekt auf wechselnde Ausstatter, diesmal auf Jens Kilian, der für Bühne und Kostüme verant­wortlich zeichnet.

Im Rangeln mit den Rhein­töchtern, die Marlene Gaßner, Tanja Christine Kuhn, Soojeon Lee mit Spiel­freude und kecker Vokalität inter­pre­tieren, rutscht Alberich auf dem Gold aus, das die Nixen in Form von Staub auf den Bühnen­boden rieseln lassen. Mit diesem frühen Gag unter­streicht Konwit­schny seine und Wagners Maxime vom Untergang desje­nigen, der auf Besitz anstelle von Empathie setzt.

Die zweite Szene, ungewollt eng an Wagners Topos Freie Gegend auf Berges­höhen, präsen­tiert die Protago­nisten wie in der Steinzeit mit Jurte und Zelt. Die Götter sind in zotte­ligen Fellen und Pelzschuhen unterwegs. Wotan, der ohne Augen­klappe agiert, führt statt des Speers einen wuchtigen Knochen in der Hand, mit dem er sich je nach Anlass Respekt verschafft. Von der Würde eines Götter­vaters ist nun nicht mehr die geringste Spur zu sehen.

Vor Wotans Behausung, aus der ihn Fricka mit einem erschro­ckenen Gemahl! Erwache! heraus­reißt, nachdem sie laut Wagners Text die Burg Walhalla „mit blinkenden Zinnen“ erblickt hat, ist ein Tisch mit Stühlen aus rohem Holz zu sehen, an dem sich die Runde der Götter trifft. An dem sie auch Fasolt und Fafner zum Trunk einladen. Nicht aus Menschen­freund­lichkeit, sondern aus Oppor­tu­nismus. Wissen sie doch nur zu gut, dass sie von den Riesen abhängig sind, die Freia als Pfand für den verspro­chenen, aber nicht gezahlten Lohn für die Errichtung des Baus verlangen, später wegen Nicht­zahlung gefangen halten. So wird auch die Regie­an­weisung plausibel, der zufolge Freia auf das separat aufge­stellte Zelt verwiesen ist, das sie nur für kurze Auftritte verlassen darf. Die Sopra­nistin Irina Simmes macht ihre Sache in ihrem Rollen­debüt vorzüglich.

Im für Konwit­schny typischen Umschlag der Szenerie, vergleichbar Kubricks Match Cut in 2001, avanciert Alberich vom plumpen Angler zum Indus­trie­ma­gnaten im Business-Anzug vor der Kulisse einer Skyline, die New York wie Hongkong symbo­li­sieren könnte. Auch Mime, noch als Exponent des Preka­riats in Siegfried in Erinnerung, erlebt ein Upgrade im weißen Angestellten-Look. Aller­dings hilft ihm das wenig, da ihn sein Bruder nach allen Regeln der Kunst malträ­tiert. In das Ambiente der Moderne brechen Wotan und Loge im Stein­zeitlook ein, was unver­meidlich einen Bruch mit der Logik des Theaters zur Folge hat.

Warum der Indus­trie­magnat Alberich den fremden Besuchern mit Respekt entge­gen­tritt, ist nicht zu verstehen. Loge kann ihn ungeschminkt als „kindi­schen Alb“ titulieren, was nichts daran ändert, dass Alberich Ring und Gold beherrscht. Erst die Intel­ligenz Loges und sein raffi­nierter Täuschungsplan ändern die Bezie­hungen durch­schlagend. In der Chefetage von Alberichs Wirtschafts­im­perium geht der Nibelheim-Zauber völlig verloren, die dreifache Verwandlung von Alberich, an deren Ende der Raub des Goldes und des Ringes steht.

Konwit­schnys Hang zu plaka­tiven, auch polari­sie­renden Bildern, je nach Gusto kreatives Tun oder starker Tobak, erklimmt in der vierten Szene seinen wahren Gipfel. Ein Aufstieg, der den kraft- und ruhmlosen Göttern erspart bleibt, anders als bei Wagner, der sie zu macht­vollen Orches­ter­klängen visionär über einen Regen­bogen gen Walhalla schreiten lässt. In Dortmund gehen die vermensch­lichten Götter am Ende wahrlich am Stock. Auf offener Bühne werden sie zu Patienten umgekleidet, landen fast folge­richtig im Rollstuhl, wo sie von drei Kranken­schwestern, den Rhein­töchtern, betreut und im Schlussbild in ein imagi­näres Hospiz geschoben werden. Wotan leidet an Parkinson. Fricka vermag seinen Worten nur noch per Hörrohr zu folgen.

Foto © Thomas Jauk

Loge ist, nun in einem roten Anzug, der anscheinend einzig Gesunde. Zumindest ist der Spindoktor mobil und überaus gewitzt, sich von der Macht fernzu­halten. Will der Regisseur so andeuten, dass wir den Prototyp strate­gi­scher politi­scher Beratung heute überall in der Welt antreffen? Die in den Hinter­grund verschwin­denden debilen Götter winken einer Girlande in Regen­bo­gen­farben zu. Augen­scheinlich sind sie nicht mehr fähig zu begreifen, dass sie es mit dem Symbol einer Jugend zu tun haben, die ihren Werten den Kampf angesagt hat. Der sie längst im Wege in eine Zukunft stehen, die eine neue Chance bietet, Wagners Utopien Realität werden zu lassen.

Musika­lisch ist es ein passabler Wagner-Abend, nicht mehr, nicht weniger. Gabriel Feltz wählt mit den Dortmunder Philhar­mo­nikern Tempi, die die Gesamt­dauer um geschätzt 20 Minuten verlängern. Das Vorspiel kommt seltsam matt und schleppend daher. Später steigern sie sich erkennbar, was dem Fluidum der Aufführung guttut. Bis in den musika­li­schen Höhepunkt mit je drei Harfen links und rechts am Bühnenrand. Voll ausge­leuchtet verbreiten sie eine bombas­tische Opulenz, die eigentlich quer liegt zur Regie­in­tention. Hier scheint ein Humor auf, die Gabe Konwit­schnys, sich selbst zu karikieren. Der Effekt wird aber rasch wieder zurück­ge­nommen. Loges Verdikt „Falsch und feig ist, was dort oben sich freut“, das er den Göttern auf dem Pfad gen Walhalla hinter­herruft, flattert in Form von Papier­schnipseln von oben auf das Publikum.

Mit Fritz Stein­bacher als Mime, Joachim Goltz als Alberich und Matthias Wohlbrecht in der Rolle Loges weist die Besetzung überdurch­schnitt­liches Niveau auf. In den weiteren zentralen Haupt­rollen enttäuscht der Wotan Tommi Hakalas durch eine wenig markante Stimme, schwan­kenden Ausdruck und einen Mangel an Textver­ständ­lichkeit. An seiner Seite findet die Fricka der Ursula Hesse von den Steinen eher in die Aussagen­tiefe der Partitur. Als kurzfris­tiger Einspringer für den indis­po­niert angesagten Morgan Moody macht Nikola Diskic als Donner seine Sache hervor­ragend. Sungho Kim gestaltet die Partie des Froh mit vokaler Vehemenz. Nun hat Wagner der Tenor­rolle mit den Belcanto-Sequenzen Wie liebliche Luft wieder uns weht und Zur Burg führt die Brücke auch wahre Parade­stücke auf die Kehle geschrieben.

Den Riesen, Denis Velev als Fasolt und Artyom Wasnetzov, macht ihr wuchtiges Spiel mit schlur­fenden Schritten und derber Motorik sichtlich Vergnügen. Stimmlich wird der Spaß für das Publikum durch ihr überna­tür­liches Vibrato freilich einge­schränkt. Der sänge­risch anspruchs­volle Auftritt Melissa Zgouridis als Erda leidet unter der massiven Überfrachtung, mit der Konwit­schny die Figur der „Urmutter“ ausstattet. Während sie Wotan mahnt Flieh des Ringes Fluch!, hat sie eine Schar von Kindern zu hüten, eines im Gesang zu wickeln, einem anderen eine offen­sicht­liche Wunde zu verbinden.

Wie der prasselnde Beifall des Publikums im fast ausver­kauften Haus für alle Mitwir­kenden zeigt, hat Konwit­schnys Ring nun auch mit dem zeitlich unortho­doxen Vorabend in Dortmund eine Heimstatt gefunden. Der Jubel lässt sich auch als Vorschuss­lorbeer auf die Götter­däm­merung in einem Jahr verstehen, dann einge­passt in einen vollstän­digen Zyklus.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: