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In 2001: Odyssee im Weltraum, dem 1968 uraufgeführten Science-Fiction-Film, erzählt Stanley Kubrick eine mystische Version der menschlichen Evolution. In der zweiten Sequenz schleudert der Anführer einer Horde von Affen, jetzt Homo faber, einen zuvor als Waffe benutzten Knochen gen Himmel. Die Kamera zeichnet den Flug des Tatwerkzeugs nach, das sich in Etappen in eine bemannte Raumfähre verwandelt. Nach ähnlichem Muster legt Peter Konwitschny seine Neuinszenierung von Richard Wagners Rheingold am Theater Dortmund an, auch wenn sein in Bilder getauchter Zeitsprung nicht Millionen, sondern nur Tausende von Jahren umfasst.
Die mythologische Version des Vorabends zur Tetralogie Der Ring des Nibelungen, mit der der 79-jährige Konwitschny den Dortmunder Ring-Faden unter Aufkündigung der chronologischen Reihenfolge der Einzelstücke auf der Basis seiner Stuttgarter Ring-Regie weiterführt, ist auf eine vertrackte Art packendes Regie-Theater, ohne Regietheater im ideologischen Sinne zu sein.
Wagners „umfassende Geschichte unserer Zivilisation“, so sagt Konwitschny, lässt sich mit Blick auf die kaum zu überschauende Rezeptionsgeschichte des Werks auf mannigfaltige Weise erzählen, erklären, deuten und gesellschaftskritisch politisieren, wie zahlreiche Beispiele bei den Bayreuther Festspielen seit Patrice Chéreaus Fassung zeigen. Konwitschny will offensichtlich all das zusammen, was ein Vorteil der Dortmunder Inszenierung ist, zugleich auch ihr wesentlicher Nachteil. Wenn die Regie dem Publikum nicht zur Gänze traut, entsteht eine Kunst, die jedes Detail, jedes Momentum, jede Geste mit „Bedeutung“ füllt, auch wenn die nicht existiert.
Wie im Siegfried, im Mai 2023 auf der Bühne des Dortmunder Theaters, rauscht noch vor geschlossenem Vorhang, noch bevor das Vorspiel mit seiner betörenden Es-Dur-Harmonie einsetzt, die Nachbildung einer Baumkrone mit grünem Blattwerk krachend auf die Bühnenbretter. Erneut bringt der Regisseur mit diesem Bild programmatisch die Ursünde des Menschen in Erinnerung, den Frevel an der Natur. Der Frevel, der sich bei Wagner in Alberichs Gier nach dem Materiellen und der Verfluchung der Liebe offenbart. Nach dem Menetekel spielt die Szene In der Tiefe des Rheins vor dem zunächst immer noch geschlossenen Vorhang, der tiefrot ausgeleuchtet ist und als Requisit für die Nachstellungen Alberichs nach den Rheintöchtern dient. Längst ist aus dem zunächst bedrohlich wirkenden Nibelungen ein Freier geworden, der mit wachsender Begehrlichkeit den ihn umflirrenden Holden nachstellt. Nicht mehr ähnlich dem harmlosen Angler, der seine Angelschnur zum Vorspiel im Orchestergraben kreisen lässt.

Phasenweise öffnet sich der Vorhang, um den Blick freizugeben auf eine Stehleiter, auf der sich das Spiel der Nixen fortsetzt. Opulenz erfährt das Bild gegen Ende der Szene, als goldenes Licht die betörende Weissagung der Rheintöchter umschmeichelt: „Nur wer der Minne Macht entsagt, … nur der erzielt sich den Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold“. Es ist einer von mehreren gelungenen Momenten des Lichtdesigners Florian Franzen, der auch im Dortmunder Siegfried die Lichtregie verantwortet. Ansonsten setzt Konwitschny in seinem Dortmunder Projekt auf wechselnde Ausstatter, diesmal auf Jens Kilian, der für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet.
Im Rangeln mit den Rheintöchtern, die Marlene Gaßner, Tanja Christine Kuhn, Soojeon Lee mit Spielfreude und kecker Vokalität interpretieren, rutscht Alberich auf dem Gold aus, das die Nixen in Form von Staub auf den Bühnenboden rieseln lassen. Mit diesem frühen Gag unterstreicht Konwitschny seine und Wagners Maxime vom Untergang desjenigen, der auf Besitz anstelle von Empathie setzt.
Die zweite Szene, ungewollt eng an Wagners Topos Freie Gegend auf Bergeshöhen, präsentiert die Protagonisten wie in der Steinzeit mit Jurte und Zelt. Die Götter sind in zotteligen Fellen und Pelzschuhen unterwegs. Wotan, der ohne Augenklappe agiert, führt statt des Speers einen wuchtigen Knochen in der Hand, mit dem er sich je nach Anlass Respekt verschafft. Von der Würde eines Göttervaters ist nun nicht mehr die geringste Spur zu sehen.
Vor Wotans Behausung, aus der ihn Fricka mit einem erschrockenen Gemahl! Erwache! herausreißt, nachdem sie laut Wagners Text die Burg Walhalla „mit blinkenden Zinnen“ erblickt hat, ist ein Tisch mit Stühlen aus rohem Holz zu sehen, an dem sich die Runde der Götter trifft. An dem sie auch Fasolt und Fafner zum Trunk einladen. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Opportunismus. Wissen sie doch nur zu gut, dass sie von den Riesen abhängig sind, die Freia als Pfand für den versprochenen, aber nicht gezahlten Lohn für die Errichtung des Baus verlangen, später wegen Nichtzahlung gefangen halten. So wird auch die Regieanweisung plausibel, der zufolge Freia auf das separat aufgestellte Zelt verwiesen ist, das sie nur für kurze Auftritte verlassen darf. Die Sopranistin Irina Simmes macht ihre Sache in ihrem Rollendebüt vorzüglich.
Im für Konwitschny typischen Umschlag der Szenerie, vergleichbar Kubricks Match Cut in 2001, avanciert Alberich vom plumpen Angler zum Industriemagnaten im Business-Anzug vor der Kulisse einer Skyline, die New York wie Hongkong symbolisieren könnte. Auch Mime, noch als Exponent des Prekariats in Siegfried in Erinnerung, erlebt ein Upgrade im weißen Angestellten-Look. Allerdings hilft ihm das wenig, da ihn sein Bruder nach allen Regeln der Kunst malträtiert. In das Ambiente der Moderne brechen Wotan und Loge im Steinzeitlook ein, was unvermeidlich einen Bruch mit der Logik des Theaters zur Folge hat.
Warum der Industriemagnat Alberich den fremden Besuchern mit Respekt entgegentritt, ist nicht zu verstehen. Loge kann ihn ungeschminkt als „kindischen Alb“ titulieren, was nichts daran ändert, dass Alberich Ring und Gold beherrscht. Erst die Intelligenz Loges und sein raffinierter Täuschungsplan ändern die Beziehungen durchschlagend. In der Chefetage von Alberichs Wirtschaftsimperium geht der Nibelheim-Zauber völlig verloren, die dreifache Verwandlung von Alberich, an deren Ende der Raub des Goldes und des Ringes steht.
Konwitschnys Hang zu plakativen, auch polarisierenden Bildern, je nach Gusto kreatives Tun oder starker Tobak, erklimmt in der vierten Szene seinen wahren Gipfel. Ein Aufstieg, der den kraft- und ruhmlosen Göttern erspart bleibt, anders als bei Wagner, der sie zu machtvollen Orchesterklängen visionär über einen Regenbogen gen Walhalla schreiten lässt. In Dortmund gehen die vermenschlichten Götter am Ende wahrlich am Stock. Auf offener Bühne werden sie zu Patienten umgekleidet, landen fast folgerichtig im Rollstuhl, wo sie von drei Krankenschwestern, den Rheintöchtern, betreut und im Schlussbild in ein imaginäres Hospiz geschoben werden. Wotan leidet an Parkinson. Fricka vermag seinen Worten nur noch per Hörrohr zu folgen.

Loge ist, nun in einem roten Anzug, der anscheinend einzig Gesunde. Zumindest ist der Spindoktor mobil und überaus gewitzt, sich von der Macht fernzuhalten. Will der Regisseur so andeuten, dass wir den Prototyp strategischer politischer Beratung heute überall in der Welt antreffen? Die in den Hintergrund verschwindenden debilen Götter winken einer Girlande in Regenbogenfarben zu. Augenscheinlich sind sie nicht mehr fähig zu begreifen, dass sie es mit dem Symbol einer Jugend zu tun haben, die ihren Werten den Kampf angesagt hat. Der sie längst im Wege in eine Zukunft stehen, die eine neue Chance bietet, Wagners Utopien Realität werden zu lassen.
Musikalisch ist es ein passabler Wagner-Abend, nicht mehr, nicht weniger. Gabriel Feltz wählt mit den Dortmunder Philharmonikern Tempi, die die Gesamtdauer um geschätzt 20 Minuten verlängern. Das Vorspiel kommt seltsam matt und schleppend daher. Später steigern sie sich erkennbar, was dem Fluidum der Aufführung guttut. Bis in den musikalischen Höhepunkt mit je drei Harfen links und rechts am Bühnenrand. Voll ausgeleuchtet verbreiten sie eine bombastische Opulenz, die eigentlich quer liegt zur Regieintention. Hier scheint ein Humor auf, die Gabe Konwitschnys, sich selbst zu karikieren. Der Effekt wird aber rasch wieder zurückgenommen. Loges Verdikt „Falsch und feig ist, was dort oben sich freut“, das er den Göttern auf dem Pfad gen Walhalla hinterherruft, flattert in Form von Papierschnipseln von oben auf das Publikum.
Mit Fritz Steinbacher als Mime, Joachim Goltz als Alberich und Matthias Wohlbrecht in der Rolle Loges weist die Besetzung überdurchschnittliches Niveau auf. In den weiteren zentralen Hauptrollen enttäuscht der Wotan Tommi Hakalas durch eine wenig markante Stimme, schwankenden Ausdruck und einen Mangel an Textverständlichkeit. An seiner Seite findet die Fricka der Ursula Hesse von den Steinen eher in die Aussagentiefe der Partitur. Als kurzfristiger Einspringer für den indisponiert angesagten Morgan Moody macht Nikola Diskic als Donner seine Sache hervorragend. Sungho Kim gestaltet die Partie des Froh mit vokaler Vehemenz. Nun hat Wagner der Tenorrolle mit den Belcanto-Sequenzen Wie liebliche Luft wieder uns weht und Zur Burg führt die Brücke auch wahre Paradestücke auf die Kehle geschrieben.
Den Riesen, Denis Velev als Fasolt und Artyom Wasnetzov, macht ihr wuchtiges Spiel mit schlurfenden Schritten und derber Motorik sichtlich Vergnügen. Stimmlich wird der Spaß für das Publikum durch ihr übernatürliches Vibrato freilich eingeschränkt. Der sängerisch anspruchsvolle Auftritt Melissa Zgouridis als Erda leidet unter der massiven Überfrachtung, mit der Konwitschny die Figur der „Urmutter“ ausstattet. Während sie Wotan mahnt Flieh des Ringes Fluch!, hat sie eine Schar von Kindern zu hüten, eines im Gesang zu wickeln, einem anderen eine offensichtliche Wunde zu verbinden.
Wie der prasselnde Beifall des Publikums im fast ausverkauften Haus für alle Mitwirkenden zeigt, hat Konwitschnys Ring nun auch mit dem zeitlich unorthodoxen Vorabend in Dortmund eine Heimstatt gefunden. Der Jubel lässt sich auch als Vorschusslorbeer auf die Götterdämmerung in einem Jahr verstehen, dann eingepasst in einen vollständigen Zyklus.
Ralf Siepmann