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Haben Sie schon mal von dem Film Mamma Roma gehört? Wenn nicht, dann sind sie in bester Gesellschaft, denn so ergeht es an diesem Abend wohl dem Großteil des Münchner Premierenpublikums, das konsterniert die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis dramatischer Oper Tosca verfolgt. Mamma Roma ist übrigens der zweite Spielfilm des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1962. In diesem Film zeichnet Pasolini das Porträt einer Prostituierten, die versucht, sich ihrem Sohn zuliebe ein bürgerliches Leben aufzubauen. Ausschnitte aus diesem Film wird es im dritten Akt der Tosca zu sehen geben, doch dazu später.
Regisseur Kornél Mundruczó kommt vom Film, also ist es naheliegend, eine Operninszenierung wie einen Film ausschauen zu lassen. Klingt spannend, funktioniert aber bei dieser Tosca überhaupt nicht, weil hier eine zweite Handlungsebene eingeführt wird, die mit der Geschichte der Tosca, ihrem Libretto und der verführerisch aufwühlenden Musik nichts zu tun hat. Mundruczó hat im Übrigen im Dezember 2022 die Neuinszenierung des Lohengrin an der Bayerischen Staatsoper verantwortet. Diese Inszenierung war ein großer Reinfall, die auch vom Publikum größtenteils ablehnend aufgenommen wurde. Entsprechend ist die Erwartungshaltung an die heutige Neuinszenierung niedrig, und sie wird erfüllt.
Das Libretto der Oper gibt den exakten Zeitraum an, wann und wo die Oper spielt, nämlich am 17. und 18. Juni 1800 in Rom. Historisch bestimmt ist der Hintergrund, vor dem sich die Handlung entwickelt. Im Februar 1798 hatten französische Truppen im Zweiten Koalitionskrieg den Kirchenstaat erobert und die Römische Republik errichtet. Cesare Angelotti ist in Tosca der ehemalige Konsul der Republik. Nach dem Sieg der russisch-österreichischen Koalitionstruppen in der Schlacht an der Trebbia vom 19. Juni 1799 zogen sich die Franzosen aus Rom zurück. Am 30. September 1799 marschierte die neapolitanische Armee unter König Ferdinand IV. in Rom ein. Vertreter der ehemaligen Republik waren, wie zuvor in Neapel, in der Folgezeit blutigen Racheakten sowie Verfolgung ausgesetzt So wurde in der Tosca Angelotti in der Engelsburg eingekerkert, ihm gelang aber der Ausbruch.

In Frankreich übernahm Napoleon Bonaparte mit dem Staatsstreich vom 9. November 1799 als Erster Konsul die Regierung. Nach Ablehnung eines Friedensangebots durch die Koalition begann er im Frühjahr 1800 einen Feldzug gegen Österreich und überschritt im Mai 1800 mit seiner Armee die Alpen nach Norditalien. Am 14. Juni 1800 kam es im Piemont zur Schlacht bei Marengo zwischen den Truppen Frankreichs und Österreichs. Gegen Mittag erstürmten die Österreicher Marengo, und die Franzosen mussten sich zurückziehen. Deshalb wird, zwei Tage später, im ersten Akt von Tosca der Sieg über Napoleon gemeldet. Am Nachmittag konnten die Franzosen jedoch die Schlacht drehen und die Koalitionstruppen schließlich schlagen.
Vor diesem Hintergrund spielt die Oper Tosca. Wenn nun Regisseur Mundruczó meint, die Oper in das Jahr 1975 verlegen zu müssen, dem Todesjahr des italienischen Filmregisseurs Pasolini, dem er mit seiner Inszenierung Pasolini eine Hommage widmet, und das Ganze mit antifaschistischem Kolorit garniert, dann kann das nicht funktionieren. Zu Beginn der Inszenierung, bevor überhaupt der erste Takt erklingt, sieht man auf der Bühne eine nachgestellte Filmszene. Es sind Dreharbeiten zu einer Sequenz zu Pasolinis letztem Film, Salò o le 120 giornate di Sodoma, aus dem Jahr 1975. Der Film basiert auf dem Buch Die 120 Tage von Sodom des Marquis de Sade und war Pasolinis letzter Film, bevor er im Erscheinungsjahr ermordet wurde. Der Film gilt bis heute als eines der umstrittensten Werke der Filmgeschichte. Wegen seiner offenen Darstellung von Vergewaltigung, Folter und Mord wurde er in vielen Ländern verboten. In dieser Sequenz sieht man eine Hochzeitsszene mit nackten Frauen und Männern, Soldaten und Polizisten. „Regisseur“ Pasolini ist Cavaradossi, der Maler.
Statt zu Farbe und Pinsel greift er zur Polaroidkamera und fotografiert die nackten Frauen. Die dürfen sich später mit blutroter Körperfarbe einschmieren und ihren Körper an eine Leinwand drücken. Fertig ist das Bild der „Madonna“, die Cavaradossi malt und die zur großen Eifersucht Toscas führt. Der Mesner hat in dieser Szene so etwas wie die Funktion eines Regieassistenten. Da ist im ganzen ersten Aufzug ein Kamerateam auf der Bühne, ständig werden geräuschvoll die Requisiten hin und hergeschoben, so dass die Musik, der Gesang und die eigentliche Handlung völlig in den Hintergrund rücken. Tosca erscheint, wie vorhersehbar, als Wiedergängerin von Maria Callas.
Die Callas und Pasolini, da war doch was. Ja, eine Künstlerfreundschaft, und die einzige Filmrolle, die die Callas je verkörpert hat. Die Titelrolle in Medea, ein Film aus dem Jahre 1969. Und so gerät das Liebes- und Eifersuchtsduett im ersten Aufzug zwischen Tosca und Cavaradossi respektive Callas und Pasolini zu einer szenischen Farce. Mundruczó setzt aber noch einen drauf, in dem er den römischen Polizeichef Scarpia als Giulio Andreotti auftreten lässt, der in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrfach italienischer Ministerpräsident und auch Verteidigungsminister war.
Das ist nun doch mehr als dick aufgetragen. Beim großen Te Deum am Schluss des ersten Akts werden dann Linke, Schwule, Nackte zusammengepfercht und von den Soldaten und Polizisten auf brutalste Art niedergeknüppelt, während Scarpia alias Andreotti ein Banner der Brigate Rosse als Beweis und Rechtfertigung für sein Handeln hochhält. Die Roten Brigaden waren eine von 1970 bis 1988 bestehende kommunistische Terrororganisation in Italien.

Als der Vorhang nach dem ersten Akt fällt, folgt einem einzelnen Bravo-Ruf ein gellender Buh-Sturm, wie man ihn am Haus schon lange nicht mehr gehört hat. Und zu Beginn des zweiten Aktes wird auch der Dirigent Andrea Battistoni mit lauten Buhrufen empfangen.
Der zweite Akt entpuppt sich dann aber als ganz ansehnlich, wohl auch, weil Mundruczó auf die nervigen „Dreharbeiten“ zu Pasolinis letztem Film verzichtet. Es entspannt sich eine durchaus eindrucksvolle Dreieckskonstellation zwischen Scarpia aka Andreotti, Tosca aka Callas und Cavaradossi alias Pasolini. Das Setting ist ein luxuriöses Wohnzimmer in der Villa von Scarpia, der sich schon mal von drei Assistentinnen physiotherapeutisch behandeln lässt. Das Bühnenbild von Monika Pormale, die auch die Kostüme im Stil der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts entworfen hat, fährt nach oben, und unterhalb des schönen Wohnzimmers ist der Folterkeller Scarpias, in dem Cavaradossi misshandelt wird, genauso wie die drei nackten Jünglinge von der Hochzeitsszene ganz am Anfang. Vielleicht, weil sie Kommunisten sind oder sexuelle Spielgefährten Pasolinis? Das muss der Zuschauer für sich selbst entscheiden, jedenfalls wird ordentlich geprügelt, und es fließt viel Blut.
Höhepunkt ist die große Arie der Tosca Vissi d’arte, die wie aus dem Rahmen heraustritt, als große Rampenszene, während alles um sie herum still zu stehen scheint. Die Schlussszene des zweiten Aktes ist klassisch, Tosca tötet in bester Maria-Callas-Manier Scarpia mit dem Messer. Doch dann treten neben Tosca noch acht weitere Frauen auf in dünnen Kleidern, und alle haben einen großen Blutfleck im Genitalbereich, als Zeichen der Vergewaltigung und Misshandlung durch Scarpia.
Der dritte Aufzug spielt wieder in dem Art-Deco-Saal des ersten Aufzuges und ersetzt quasi das Gefängnis in der Engelsburg. Während Cavaradossi alleine im Saal mit seiner Arie E lucevan le stelle sich an seine Liebe zu Tosca erinnert, baut sein Alter Ego Pasolini vier Filmprojektoren auf und lässt seine Filme noch einmal Revue passieren. Mamma Roma, von dem man eine längere Sequenz vor Beginn des dritten Aktes sehen konnte, Teorema – Geometrie der Liebe aus dem Jahre 1968 und an beiden Bühnenseiten Medea mit Maria Callas. Das ist eine mediale Überfrachtung, eine Reizüberflutung, die die Stimmung der wunderbaren Arie einfach nicht entfalten lässt.
Der Rest ist schnell erzählt. Cavaradossis Scheinhinrichtung ist natürlich eine Exekution, von Soldaten mit Maschinenpistolen durchgeführt, mit viel spritzendem Blut. Toscas Mord an Scarpia wird aufgedeckt und sie stürzt sich zwar nicht von der Engelsburg, aber vom Dach der Villa oberhalb des Folterkellers effektvoll in die Tiefe, und die Glasscheiben des Folterkellers sind auf einen Schlag mit riesigen Blutseen überzogen, Hollywood lässt grüßen.
Sängerisch wie musikalisch ist der Abend auch sehr durchwachsen, mit zwei Ausnahmen. Die Sopranistin Eleonora Buratto legt die Partie der Tosca dramatisch und theatralisch an, mit leuchtenden Höhen und einem warmen Timbre in der Mittellage. Optisch ähnelt sie der Callas, und auch vom Ausdruck nähert sie sich der einzigartigen Diva, bei der jeder Vergleich sich von selbst verbietet. Die Phrasierungen zwischen den dramatischen Ausbrüchen und den Piano-Tönen meistert sie fließend ohne Mühe. Ihre Arie Vissi d’arte singt sie mit großem Pathos, Innigkeit und Verzweiflung. Der absolute Höhepunkt des Abends, ein großer Gänsehautmoment, der langanhaltenden Szenenapplaus verdientermaßen nach sich zieht.

Charles Castronovo enttäuscht bei seinem Rollendebüt als Cavaradossi. Seine Stimme ist für das Haus zu klein, dem Forte des Orchesters hat er nur Kraftmeierei entgegenzusetzen. Seine erste Arie Recondita armonia singt er rau, mit höchster Kraftanstrengung, die Höhen wirken gepresst mit unangenehmen Vibrato. Seine Vittoria-Vittoria-Rufe im zweiten Akt brüllt er nur noch, und die letzte Arie E lucevan le stelle beginnt er lyrisch schön, mit zarten Piano-Tönen, um dann bei den dramatischen Ausbrüchen in der Höhe wieder zu forcieren. Das ist einer Partie wie der des Cavaradossi an einem Haus wie der Bayerischen Staatsoper nicht angemessen.
Der Bariton Ludovic Tézier gibt den Scarpia mit großem Engagement und schöner, markanter Stimmführung. Er strahlt das dämonische, brutale Element aus, das die bigott-perverse Aura der Figur so treffend charakterisiert. Gänsehautfeeling auch beim Finale des ersten Aufzuges, wenn er voller Inbrunst das Te Deum gemeinsam mit dem Chor anstimmt.
Milan Siljanov gibt den Angelotti mit markantem Bariton. Martin Snell spielt den Mesner mit komödiantischem Witz und kraftvollem Ausdruck. Tansel Akzeybek gibt einen verschlagenen Spoletta, Christian Rieger als Sciarrone und Paweł Horodyski als Gefängniswärter fügen sich solide in das Gesamtensemble ein. Ein Solist des Tölzer Knabenchors singt das Hirtensolo im dritten Akt mit leichtem und hellem Sopran.
Das Orchester der Bayerischen Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Andrea Battistoni zeigt Licht und Schatten. Es wird zwar mit großer Leidenschaft musiziert, doch Battistoni steht vor dem Orchester wie ein Zampano, der um sein Leben kämpft. Das Orchester forciert ständig, worunter vor allem Castronovo zu leiden hat, und es fehlt an farblicher Differenzierung der doch so nuancenreichen Partitur. Kein überzeugendes Premierendirigat. Der von Christoph Heil musikalisch sehr gut einstudierte Chor harmoniert bestens, besonders ausdrucksstark natürlich im Te Deum.
So bleiben nach knapp drei Stunden Aufführungsdauer nicht nur Fragezeichen, sondern vor allem viel Unmut und Unverständnis im Publikum. Während vor allem Buratto und Tézier ob ihrer grandiosen Leistung umjubelt werden, müssen das Regieteam und auch der Dirigent sich lautstarke Buhrufe anhören. Ein Ehepaar, das seit langem ein Premierenabonnement hat, verlässt völlig konsterniert nach dem ersten Aufzug die Oper mit dem vernehmlichen Hinweis darauf, das Abo nun endgültig zu kündigen. Hier sollte sich die Führung des Hauses Gedanken machen, ob man in Zukunft, auch unter Betrachtung der satten Eintrittspreise an der Bayerischen Staatsoper, mit einer nicht mehr nachvollziehbaren Besetzungspolitik so weiter machen kann.
Andreas H. Hölscher