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Foto © O-Ton

Mehr als nur Talent

MIKALOJUS KONSTANTINAS ČIURLIONIS
(Wolfgang Amadeus Mozart, Mikalojus Konstan­tinas Čiurlionis, Johannes Brahms)

Besuch am
22. Mai 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Klassik aber frisch in der Talent­schmiede, Solingen

Als Ekaterina Porizko im vergan­genen August zur Sommer­aka­demie ins litauische Birštonas reiste, um dort eine Oper aufzu­führen (O‑Ton berichtete), gehörte zu ihren Aufgaben auch, dem Publikum der Sommer­aka­demie das mitge­brachte Cembalo zu zeigen. Alsbald saß Povilas Ušinskis an den Tasten, ein 15-jähriger Junge aus Šiauliai, einer Großstadt im Norden Litauens. Es gelang ihm binnen Minuten, die Musikerin mit seinem Talent zu beein­drucken. Was er nicht wusste: Porizko und Ekaterina Belowa schreiben in ihrem Unter­nehmen Klassik aber frisch die Talent­för­derung ganz groß auf ihre Fahnen. Und Porizko beschloss, der junge Mann müsse in Deutschland auftreten. Als Sohn einer Musik­päd­agogin spielt er seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier, beschäftigt sich ernsthaft mit seiner Passion, seitdem er elf ist. Nun lässt man auch in Litauen ungern Minder­jährige allein ins Ausland reisen. Klavier­leh­rerin Raimonda Sližienė erklärte sich bereit, ihren Schützling auf eigene Kosten zu begleiten. Damit wurde der Besuch möglich.

Povilas Ušinskis – Foto © O‑Ton

In der Talent­schmiede, das ist ein Konzertsaal in der ehema­ligen Chris­tus­kirche in Solingen, hat sich ein sehr überschau­barer, aber höchst wohlge­son­nener Besucher­kreis versammelt. Genau das richtige Publikum, was ein inzwi­schen 16-Jähriger bei seinem ersten Konzert im Ausland braucht. Es wird ein moderiertes Konzert. Und beginnt mit Mozart. Hm. Da hält sich die Begeis­terung erst mal in Grenzen. Bis Povilas sich an den Flügel setzt, ganz brav im schwarzen Anzug mit schwarz­weiß­ge­mus­terter Fliege, die ein klein wenig schief sitzt. Schul­ter­lange Haare, große Brille, aber keine Partitur. Und als er loslegt mit der Klavier­sonate Nr. 12 in F‑Dur, fühlt man sich schon nach den ersten Anschlägen an einen jungen, vorwit­zigen Mozart erinnert, der sich über die Altvor­deren mit ihrem behäbigen Spiel eher belustigt, die Perücke auf halb acht. Das ist so, wie man Mozart spielen sollte: like a rockstar. Mit schein­barer Unbeküm­mertheit, als flögen ihm die Noten gerade so zu und er lasse sie halt auf die Tasten fallen. Alle Achtung. Nach 16 Minuten sind die Hörer überrascht, dass es schon vorbei ist. War doch gerade so virtuos und brillant. Aber Porizko lässt nur kurzen Beifall zu. Sie will zum Kern des Abends kommen, und der ist eben nicht im deutschen Reper­toire zu finden, sondern ein Volksheld in Litauen.

Mikalojus Konstan­tinas Čiurlionis – ein malender Komponist oder kompo­nie­render Maler? lautet schließlich der vollständige, wenn auch etwas schwer­fällige Titel des Abends. Da soll es auch um den 1875 in Varėna geborenen Kompo­nisten und Maler gehen. Der Vater war Organist, erzählt Porizko. Und davon, dass er in Warschau Klavier und Kompo­sition studierte, anschließend sein Studium in Leipzig abschloss. Zurück in Warschau begann er, Malun­ter­richt zu nehmen. Alsbald zeigt er seine Bilder bei Kunst­aus­stel­lungen und sein musika­li­sches Talent bei Konzerten. Er begreift sich als Synäs­the­tiker, strebt also die Verbindung der beiden Künste an. Für Porizko, die in früher Jugend selbst malte, in ihrer knapp bemes­senen Freizeit kompo­niert und gerade ihren Master – es ist ihr dritter – in Orches­ter­leitung in Vilnius erworben hat, ein Bruder im Geiste. Dementspre­chend sprüht ihr Vortrag vor Leidenschaft.

Ekaterina Belowa, Povilas Ušinskis, Raimonda Sližienė, Ekaterina Porizko – Foto © O‑Ton

Mit der Nocturne in cis-Moll, dem Präludium in Fis-Dur und dem Pater noster von Čiurlionis beweist Povilas, dass er nicht nur das Ungestüm der Jugend am Klavier ausleben kann, sondern durchaus auch schon die Reife besitzt, sich mit ernst­haf­teren, ja, getra­ge­neren Werken ausein­an­der­zu­setzen. Das ist mehr als eindrucksvoll, so, wie auch die spätro­man­tische Musik des Kompo­nisten, der eben erst sein Studium abgeschlossen hat, beein­drucken kann. Eines von Porizkos Lieblings­themen, Bilder in der Musik und die Musik in Bildern wieder­zu­finden, findet seinen Ausdruck in dem Werk Das Meer – ein Zyklus kleiner Landschaften, das 1908 während Čiurlionis‘ Aufenthalt in Vilnius entstand. Obwohl keine Programm­musik, vermag das Publikum nach Povilas‘ Vortrag sehr wohl die Landschaften nachzu­voll­ziehen, die der damals 32-Jährige in Musik gegossen hat.

Zum Abschluss des offizi­ellen Programms bringt Povilas Drei Präludien zu einem Thema in b‑Moll zu Gehör, die 1905 in Warschau entstanden. Da spielt das junge Talent schon rund eine Stunde ohne Pause. Das geht ganz schön an die Kondition. Aber Povilas reißt sich zusammen und sammelt noch einmal alle Kräfte. Denn bei der Zugabe gilt’s. Sechs Minuten hat er für die Rhapsodie in g‑Moll von Johannes Brahms, die er selbst ansagt. Und ein letztes Mal zieht er das Publikum in seinen Bann. Da springen die Besucher begeistert auf, um langan­haltend zu applau­dieren. Auch Lehrerin Sližienė muss ein paar Tränen der Rührung über den derart großartig gelun­genen Vortrag verdrücken. Ist da ein weiteres Genie auf dem Podium in der Anlauf­phase? Povilas weiß es noch gar nicht. Konzert­pianist vielleicht, aber auch Dirigent oder Musik­wis­sen­schaftler zu werden, kann er sich im Moment gut vorstellen.

Wer den beein­dru­ckenden jungen Mann erleben will, hat dazu vorerst nur noch am 23. Mai um 19 Uhr im Alten Küsterhaus im Meerbu­scher Stadtteil Büderich Gelegenheit, dann mit leicht geändertem Programm.

Michael S. Zerban

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