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So wie Goethes Faust zur deutschen Seele gehört, so gehört Ibsens Peer Gynt zur norwegischen. Oder Hamlet zur englischen. Für sein dramatisches Gedicht in fünf Akten bat Henrik Ibsen vor genau 150 Jahren den damals 31-jährigen Komponisten Edvard Grieg, eine passende musikalische Umrahmung für sein Werk zu schreiben. Die Uraufführung fand 1876 in Oslo statt, und man kann gewiss behaupten, dass Griegs musikalische Untermalung maßgeblich zur Popularität und zum anhaltenden Erfolg von Peer Gynt beitrug. Später stellte Grieg zwei Konzertsuiten zusammen, die auf der Bühnenmusik basieren, und die seitdem ein fester Bestandteil von Konzertprogrammen sind.
Ibsen begann die Arbeit an Peer Gynt 1867, während er im Exil in Italien lebte. Sie entstand aus eigenem künstlerischem Antrieb und seiner Auseinandersetzung mit der norwegischen Kultur und Mythologie. Die Handlung basiert auf norwegischer Folklore und ist ein Frühwerk, ein Gedicht in Versform. Ibsen schrieb es, um gelesen zu werden. Es zieht sich – und zieht sich – durch Peers Leben von der Jugend bis ins hohe Alter. Die Geschichten sind traumhaft, manchmal surreal und fantastisch, vorgetragen von Peer in langen Monologen, von einigen kleineren Gegenspielern unterstützt, kontrapunktiert, um die Handlung voranzutreiben. Dann, in einer überraschenden Wendung im zweiten Teil überfällt Peer Gynt den Zuschauer mit philosophischen Diskussionen über die Torheiten des europäischen Kolonialismus. Es gibt Szenen der Zärtlichkeit, ein bisschen Varieté, plötzliche Ausbrüche von häuslichem Realismus, dann Ausbrüche von psychedelischer Fantasie, ein Vorläufer dessen, was wir heute magischen Realismus nennen würden. Das Stück ist sehr vielschichtig, was einen Teil seines Charmes ausmacht – als ob wir uns in Peers Kopf befänden. Aber all die Stilbrüche machen es von Natur aus schwierig zu inszenieren. Grieg soll während der Komposition gesagt haben: „Es ist ein furchtbar unhandliches Thema“.

Die Geschichte beginnt in einem kleinen norwegischen Dorf, wo Peer, ein junger Mann voller Fantasie und Ehrgeiz, in einer Mischung aus Übermut und Selbsttäuschung lebt. Seine Abenteuer führen ihn in exotische Länder und durch fantastische Erlebnisse, von einer Begegnung mit dem Trollkönig bis hin zu wirtschaftlichen Spekulationen im Ausland mit Sklavenhandel. Durch Peers rastlose Suche nach Reichtum und Ruhm werden seine tiefe innere Leere und sein Unvermögen, echte Beziehungen aufzubauen, offenbart.
Ibsen zeichnet Peer als Antihelden – ein Mann, der ständig vor sich selbst und den Konsequenzen seines Handelns davonläuft. Seine Unfähigkeit, sich den Realitäten des Lebens zu stellen, macht ihn zu einer tragischen Figur. Die Frauen in Peers Leben, insbesondere seine aufopfernde Mutter Åse und seine Freundin Solveig, stehen im scharfen Kontrast zu seiner Rastlosigkeit. Beide verkörpern Treue, Liebe und Erlösung. Solveigs bedingungslose Liebe und Geduld zeigen einen Hoffnungsschimmer in Peers ansonsten chaotischem und ziellosem Leben.
Ibsens Peer Gynt ist eine tiefgreifende Erkundung menschlicher Schwächen und Sehnsüchte, die sich durch ihre poetische Sprache und reichhaltige Symbolik auszeichnet. Es ist eine bittere, aber gleichzeitig wunderschöne Reise in die Abgründe der menschlichen Seele, die nachdenklich stimmen und bewegen.

Zur Eröffnung der diesjährigen Festspiele in Bergen hat Johannes Holmen Dahl sich des Meisterwerks angenommen. Nia Damerell benutzt die weiträumige, dunkle, leere Bühne der Grieghallen und füllt sie im Laufe des Stückes mit nur zwei Requisiten: ein Gewitter aus vielleicht Seifenschaum und im zweiten Teil ein echtes kleines Flugzeug, das symbolisch für Peers Abenteuer mit ihm einfliegt und auch wieder abfliegt, symbolisch für seinen finanziellen Aufstieg, aber auch seinen Abstieg besonders gut eingesetzt wird. Der kniehohe und nasse Schaum, durch den sich alle Darsteller bewegen, ist auch symbolisch für die Nichtbeständigkeit, im wahrsten Sinne „Schaumschlägerei“ von Peers Persönlichkeit. Regisseur Dahl lässt den Hauptdarsteller, Herbert Nordrum, seine schlanke, schlaksige Körperlichkeit voll ausleben. Dieser Peer ist nichts außer wendig, ausdrucksvoll, unglaubwürdig in seinen Ansichten, Fantasien und Plänen – und doch liebenswert. Seine Mutter, Åse, von Ågot Sendstad mit einer bescheidenen und traurigen Selbstlosigkeit dargestellt, hält resigniert zu ihm bis zu ihrem eigenen ruhigen Tod. Seine Seelenverwandte Solveig, von Frøy Hovland Holtbakk zurückhaltend und hingebungsvoll gespielt, setzt ihren wunderschönen, klaren und lyrischen Sopran ein, besonders mit dem berühmten Solveigs Lied. Sie ist der Gegenpol zu Peers Rastlosigkeit und ermöglicht ihm letztendlich – in guter protestantischer Tradition – seine seelische Erlösung.
Edvard Grieg komponierte 26 musikalische Nummern für Peer Gynt. Die meisten sind kurze musikalische Untermalungen für die Bühnenhandlung. Thomas Søndergaard ist der Dirigent, der das exzellent spielende Bergen Philharmonische Orchester subtil und harmonisch leitet. Ragnhild Hemsing hat die ausgiebige Solopartie auf der für Norwegen typischen Hardanger-Geige – mit acht Saiten anstatt der üblichen vier – und wird dramaturgisch als träumerisch wandelnde Solistin auf der Bühne miteingebunden. Mehrere Chöre, darunter der Bergen Philharmonische Chor, das Edvard Grieg Vocal Ensemble wie auch der Mädchen- und Knaben-Chor nehmen an dem großen Chorfinale teil, das aus dem fast dunklen Hinterhalt der Bühne die Feierlichkeit der Musik unterstreicht.
Standing ovations für alle Darsteller und das gesamte Ensemble in den bis auf den letzten Platz ausverkauften Grieghallen.
Zenaida des Aubris