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SARRASINE
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
10. Mai 2024
(Premiere)
Heute mag uns die Idee fremd vorkommen, verschiedene Musikstücke neu arrangiert zu vereinen, aber in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war diese Praxis durchaus üblich. Als Pasticcio bezeichnete man es, wenn eine Oper oder ein Oratorium aus bereits existierender Musik neu zusammengestellt wird. Dabei waren es nicht nur eigene Kompositionen, die dabei verwendet wurden. Während heute Werke der Literatur und der Kunst urheberrechtlich geschützt sind, gab es früher nur ansatzweise ein Recht am geistigen Eigentum. Die Belohnung des Schöpfers erfolgte meist durch Belohnungen ohne Rechtspflicht. Die Künstler akzeptierten das, weil sie so eine gehobenere gesellschaftliche Stellung einnehmen konnten und von einem Mäzen – oft dem Landesfürsten – gefördert wurden. Andere traten in den geistlichen Stand ein und waren in Klöstern wirtschaftlich abgesichert. Plagiate mochte man aber schon damals nicht. Auch Händel reagierte verschnupft, als eine andere Opernkompanie 1732 ohne sein Plazet einige seiner frühen englischen Masques aufführte und reagierte prompt mit einem eigenen erfolgreichen Neuarrangement und dem Nachschieben des erfolgreichen Oratoriums Deborah – ebenfalls ein Pasticcio. Auch seine Opern Oreste, Alessandro Severo und Giove in Argo folgen diesem Konstruktionsschema.
In der deutschen Romantik waren Pasticcios meist verschrien und wurden abfällig als Flickoper bezeichnet, da sie den Glauben an die Unantastbarkeit des Gesamtwerkes erschütterten. Noch heute reagieren viele befremdlich, denn wenn ein Pasticcio nur ein „Best of“ musikalischer Stücke vereint, ohne eine schlüssige Handlung damit zu verbinden, wird es schnell langweilig. Nur wer die Musik sorgfältig mit einer Handlung arrangiert, kann daraus ein Kunstwerk schaffen, das den Komponisten gerecht wird oder ihn – im besten Fall – sogar noch übertrifft.
Bei der diesjährigen Festspieloper hat George Petrou, der Künstlerische Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen, sich als Händel-Experte die nicht oder wenig verwendeten Stücke des Komponisten vorgenommen, für eine spätere Verwendung gespeichert und sich genau überlegt, welche Geschichte dafür den geeigneten erzählerischen Rahmen liefern und für die heutigen Zuschauer von Interesse sein könnte. Gelandet ist er dabei beim Franzosen Honoré de Balzac und dessen Novelle Sarrasine, die dieser 70 Jahre nach Händels Tod geschrieben hat.

Balzacs Werke zeigen eine ausgezeichnete Schilderung des bürgerlichen Lebens seiner Zeit, stets glänzt Reichtum aus den aufgeputzten Charakteren, doch nur wenige können mit ihrem parvenühaften Verhalten ihre Herkunft verleugnen. Der Erzähler der Novelle ist ein junger Pariser, der sich gerne in Salons herumtreibt. Bei Petrou ist das Balzac selbst. Von anderen Gästen unterscheidet er sich vor allem dadurch, dass ihm die Künstlichkeit seines Lebens bewusst ist. Er reflektiert über seine Mitmenschen, um der Wahrheit näher zu kommen.
Petrou und Dale haben die Handlung der Novelle für die Oper etwas angepasst. Statt der 16-jährigen Marianina, der entzückenden Tochter des Grafen Lanty, ist seine Begleitung, die Marquise de Rochefide die gefragte Sängerin mit der herrlichen Stimme. So bekommt die Binnengeschichte über den französischen Bildhauer Sarrasine, der sich Jahrzehnte früher in unbändigem Liebesfieber nach der Sängerin Zambinella verzehrt, auch in der Oper einen Sinn. Die Verbindung zwischen dem Paris des 19. und dem Rom des 18. Jahrhunderts schafft Balzac über einen verschrobenen Alten der reichen Gastgeberfamilie, den Balzac nach dessen Reaktion auf die Händelarie Lascia la spina als Ausgangspunkt seiner Geschichte über Sarrasine nimmt.
George Petrou und Regisseur Laurence Dale nehmen die Kenntnis der Balzac-Novelle als gegeben hin, denn sie verzichten auf ausführliche Beschreibungen und fügen bei dem zur Stimmung der Novelle passenden Pasticcio aus Arien aus Almira, Giulio Cesare in Egitto, Ottone, Lucrezia, Agrippina, Atalanta, Tamerlano, Alcina, Scipione und Hercules sowie anderen Instrumentalstücken Händels nur relativ knappe überleitende Texte bei. Von Petrou stammende instrumentale Bindeglieder und Musik von Händel verbinden die Handlung und wurden wohl teilweise noch im Verlauf der Proben für die Bühne komplettiert, was ganz der Form des Pasticcio zu Zeiten Händels entspricht. Auch Petrou und Dale nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise aus dem Pariser Salon ins päpstliche Rom der Opera proibita – zusammen mit Balzac und der Marquise de Rochefide, die im ersten Teil der Oper als gefeierte Sängerin auftritt und durch die Bitte auf dem Ball Händels Lascia la spina vorzutragen, die Erinnerung an diese Zeit erst auslöst. In Rom erleben sie und Balzac die Geschichte des verliebten Bildhauers Sarrasine, der sich unsterblich in den schönen Opernstar Zambinella verliebt, ohne zu wissen, dass der in Wirklichkeit ein Kastrat ist. Die Bewunderung im damaligen Rom galt nämlich den Kastraten, nachdem der Papst Frauen Auftrittsverbot erteilt hatte. Nach der Kastration im Jungenalter blieb bei ihnen nicht nur der Bartwuchs aus, auch die Stimmbänder stellten das Wachstum ein. Doch trotz der Bewunderung ihrer Stimmkraft, die es ihnen ermöglichte, sehr lange Töne aushalten oder ebensolche Koloraturen zu singen, blieben sie gesellschaftlich meist ausgegrenzt
Sarrasine ist das alles nicht bewusst. Ihn fasziniert der Anreiz der schönen Sängerin, und wie besessen arbeitet er an einer Statue, die sie idealisiert. In der Fassung von Petrou und Dale wird er von Balzac unterstützt und überall dorthin gelenkt, wo Zambinella auftritt. Seine Versuche, sie für sich zu gewinnen, scheitern an deren Bitte, davon abzulassen und ihn als Freund zu akzeptieren. Blind vor Liebe verweigert Sarrasine jegliche Erkenntnis, und selbst als Zambinella bei einem Empfang in Uniform erscheint, will er die Wahrheit nicht erkennen. Erst eine Vergewaltigung führt ihm seine Illusion vor Augen. Bevor er Zambinella für solche Schmach töten kann, erstechen ihn die Gehilfen des Kardinals, der über Zambinella als Patron wacht. Der Militärhandschuh, den Zambinella bei der Vergewaltigung trug und den die Marquise de Rochefide am Abend des Balls in Paris an dem Greis sah, verrät ihr – und dem Zuschauer – die Zusammenhänge, denn der Kardinal stammte ebenfalls aus der Familie Lanty.
Zeigt das Bühnenbild von Giorgina Germanou die barocke Pracht eher etwas reduziert, um es auf der Bühne des Deutschen Theaters schnell wechseln zu können, sind ihre opulenten Kostüme für die Diva Zambinella, die Marquise de Rochefide und den als Ballgäste auftretenden Kammerchor der Universität eine echte Augenweide. Mit Kleidern und Perücken aus beiden Welten, nämlich Paris und Rom, präsentierte sie Alta Moda vom Feinsten.
Von den Arien Händels, die Petrou ausgewählt hat, sind die meisten verworfen oder später hinzugefügt und deshalb bisher selten gehört. Klug gewählt ist die mehrfache musikalische Einbindung von Lascia la spina und der zugrundeliegenden Sarabande, da sie sowohl die Lieblingsarie des Kardinals ist wie der Ausgangspunkt für die heftige Reaktion des Alten, als er sie Jahrzehnte später im Salon der Lantys erneut hört. Pasticcio, ganz im Stil Händels, der wie Petrou neben unbekannteren Stücken stets einige gekannte Höhepunkte seines Schaffens einbettete.

In der Hauptrolle ist – quasi als Idealbesetzung – der feingliedrige, 30-jährige Venezolaner Samuel Mariño zu erleben, eine besondere Form des Countertenors, ein Sopranist. In Caracas arbeitete er nach seinem Studium unter anderem mit Dudamel und Rilling zusammen und entwickelte dabei eine Leidenschaft für das Barockfach, die er am Konservatorium in Paris weiterpflegte. Inzwischen lebt er, obwohl er sich mit der deutschen Sprache noch schwertut, in Berlin. Nur selten können erwachsene Männer mit normaler oder modaler Stimme statt in Falsett im Sopranbereich bis zum dreigestrichenen C singen, was besonders in der Barockmusik notwendig ist. Mariño ist ein sogenannter „endokrinologischer Kastrat“, da er hormonell bedingt nie in den Stimmbruch kam, was ihn als Jugendlichen auch Hänseleien aussetzte. Mariño fasziniert das Publikum durch seine Mimik und sein Erscheinungsbild, dass ihn zur perfekten Besetzung der Zambinella macht. Die Koloraturen gestaltet er so strahlend, dass den Zuschauern manchmal der Atem ausbleibt und sie gut verstehen können, dass Sarrasine nicht glauben kann, dass Zambinella ein Mann ist.
Die Premiere findet am Wochenende vor Pfingsten statt, als im schwedischen Malmö das Finale des ESC ausgetragen wird, bei dem Nemo als nichtbinärer Mensch, der sich also weder als Mann noch als Frau versteht, den Preis gewann. Diesen Abstand zu klassischen Geschlechterrollen spürt man auch bei Samuel, der das zwar als typisch für seine Generation ansieht, was vermutlich aber nur in gewissen urbanen Blasen zutrifft, andererseits aber die psychologische Unterstützung seiner Assistenzhündin Leia benötigt, um nicht – wie die Kastraten im päpstlichen Rom – von der Masse ausgegrenzt und als Exot betrachtet zu werden, wenn er für die Sopranistenpartien durch die Welt reist. „Wenn ich singe, fühle ich mich frei“, erzählt er. Anfangs musste er sich allerdings erst einsingen, denn sein Sopran erscheint manchmal zu forciert und dadurch in den hohen Trillern zu schrill, dann aber entrückt er mit sanften, unglaublich melodischen Tönen.
Große Begeisterung erregt auch Myrsini Margariti als Madame de Rochefide. Ihr klarer und strahlender Sopran und ihre Lust am Spiel nehmen die Zuschauer mit. In der Rolle des Balzac überzeugt Sreten Manojlović mit kräftigem Bass-Bariton. In der Titelrolle ist der aus Andalusien stammende Juan Sancho mit wundervoll geschmeidig-lyrischem Tenor zu erleben, der stimmlich wie darstellerische seine Leidenschaft zur schönen Zambinella herüberbringt.
Komplettiert wird das Ensemble durch Mitglieder des Deutschen Theaters Göttingen. Marina Lara Poltmann als dem Champagner zugeneigte Madame de Landy, Florian Eppinger erst als deren grapschender Gatte und später als machtvoller Kardinal, der seinen Anspruch auf Zambinella mehr als deutlich macht, und Ronny Thalmeyer als Wiener Geck, der versucht, den Ernst des Lebens nicht zu nah an sich heranrücken zu lassen. Auch stimmlich ist der die Statisterie der Feste stellende Kammerchor der Universität Göttingen unter Antonius Adamske mit einigen Choreinlagen und viel Spielfreude eine sehr gute Wahl. George Petrou am Pult schafft es, sein eigenes Pasticcio mit der Musik Händels überzeugend mit dem präzise seinen Vorgaben folgenden Festspiel-Orchester Göttingen umzusetzen und den Opernabend zu einem bejubelten Erlebnis werden zu lassen.
Michael Ritter