O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Matthias Stutte

Panoptikum der Sehnsüchte

ABGEFAHREN – GLEIS 2324
(Diverse Komponisten)

Besuch am
28. Mai 2024
(Premiere)

 

Theater Krefeld und Mönchen­gladbach, Fabrik Heeder

Das Junge Theater Krefeld und Mönchen­gladbach wurde 2019 ins Leben gerufen. Es besteht aus Künstlern, die auf den ersten Blick wenig mitein­ander gemein haben, außer am Theater zu arbeiten und zwischen Studi­en­ab­schluss und Berufs­laufbahn zu stehen. Aktuell gehören vier Sänger aus dem Opern­studio, zwei Tänzer aus dem Ballett, vier Orches­ter­mu­siker aus der eigens gegrün­deten Orches­ter­aka­demie, ein Musical­sänger und ein Pianist zum Jungen Theater. Sie sollen die Gelegenheit bekommen, sich mit den prakti­schen Seiten ihres Berufs an einem Mehrspar­tenhaus vertraut zu machen. Dass sie eben doch mehr mitein­ander zu schaffen haben, als im Projekt zu sein, wollen sie zum Abschluss ihrer Ausbildung unter Beweis stellen. Deshalb haben sie gemeinsam mit der Regis­seurin Katja Bening das Abschluss­projekt Abgefahren – Gleis 2324 erarbeitet, das am 27. April im Studio des Theaters Rheydt zur Urauf­führung kam und heute seine Premiere in der Fabrik Heeder, der Außen­spiel­stätte des Theaters Krefeld, feiert.

Was macht man mit einer Gruppe, deren Mitglieder sich im Theater­alltag eher zufällig begegnen? Die Antwort ist leichter als gedacht. Man lässt sie zufällig am Haupt­bahnhof aufein­an­der­treffen und schaut, was passiert. So einfach ist das, wenn man auf die Spiel­freude junger Leute bauen kann. Am Sehnsuchtsort Bahnhof kann ja so ziemlich alles passieren. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und Bening ist die letzte, die eine solche Situation nicht gnadenlos ausnutzte. Dabei fragt man sich zunächst einmal, ob Bühnen­bildner Udo Hess eigentlich noch sauber tickt. Er hat die schöne tiefe Bühne auf vielleicht drei, vier Meter zur Tribüne durch eine Stellwand verkürzt. Na, da darf man ja mal gespannt sein, wie zwölf Leute auf der Fläche überhaupt nur Platz finden, geschweige denn spielen sollen. Zumal am rechten Rand auch noch ein Flügel aufgebaut ist. Immerhin reicht der Platz in der Höhe noch aus, um eine „Bahnhofsuhr“ aufzu­hängen, deren Zeitsprünge im Lauf des Abends echte Überra­schungen bieten. Die Genia­lität des Bühnen­bilds eröffnet sich sehr schnell nach Beginn der Aufführung. Dann nämlich wird die Stellwand ausein­an­der­ge­schoben, und dahinter ist reichlich Platz für ein zusätz­liches Zugabteil, Bänke und vieles mehr. Zusätzlich wird die Empore einbe­zogen. Die Darsteller hat Hess in alltags- und vor allem bewegungs­freund­liche Kostüme der Gegenwart gekleidet. Für eine angemessene, von ganz großen Effekten – die auf der Studio­bühne wohl ohnehin kaum möglich sind – freie Beleuchtung zeichnet Diana Hilgers verantwortlich.

Bening verzichtet auf die große Rahmen­handlung, lässt sich allen­falls auf Minia­turen ein. Und dennoch spielt sie die ganz große Klaviatur des Theaters. Tempo, Einfalls­reichtum und fehlende Angst vor Genre­grenzen bestimmen die kommenden anderthalb Stunden. Selbst­ver­ständlich gibt es Genre­grenzen. Kein Mensch will in der Regel einen Sänger trompeten oder einen Tänzer singen hören. Aber Bening ist wichtig, dass die Akteure alle ihre Fähig­keiten einbringen. Und das gelingt ihr hervor­ragend. Die Bühne wird zum Spiel­platz der großen Emotionen.

Foto © Matthias Stutte

Haru Ueda beginnt den Abend mit Blues for Gilbert von Marc Glent­worth am Vibrafon und legt damit schon mal das ganz hohe Niveau der Aufführung fest. Im Zugabteil nutzt Mezzo­sopran Kejti Karaj die Fahrkar­ten­kon­trolle, um den Aufenthalt aus Franz Schuberts Schwa­nen­gesang vorzu­tragen. Die Musik haben Bening und die Teilnehmer des Jungen Theaters gemeinsam zusam­men­ge­stellt, nachdem die Regis­seurin eine Vorauswahl getroffen hat, für Vorschläge dabei aber offen­blieb. Und so entstand eine wilde Mischung aus Titeln, deren Entste­hungszeit sowohl in der Auswahl als auch später in der Reihen­folge vollkommen offen­blieb. Also darf Antonia Busse den ersten Satz Pater noster aus den Paroles für Sopran und Posaune des 1972 geborenen François Cattin mit latei­ni­schem Text singen, unter­stützt von Friedrich Falken­hagen. Nach Mozarts Auf den Tod einer Nachtigall wird deutlich, dass Bening auch Spaß haben will. Da kommt die Tokyo Subway Polka von Klaus Wallendorf gerade recht. Falken­hagen, der gemeinsam mit dem Pianisten Anton Brezinka die Arran­ge­ments, so weit nötig, erarbeitet hat, darf anschließend mit Kislev für Posaune solo von Daniel Schnyder glänzen. Auch wenn Bening das Kunstlied als ideales Grund­gerüst für einen solchen Abend ansieht, fällt Robert Schumanns Wenn ich ein Vöglein wär doch gegen das Volkslied Turtul­lesbe – Turtel­täubchen auf Deutsch – aus Karajs Heimat Albanien in der Wirkung ab.

Einer der Höhepunkte wird Et j’entends siffler le train, besser bekannt als A hundred miles, aus dem Jahr 1962 von Richard Anthony. Tenor Arthur Meunier greift zur Gitarre und begleitet, nachdem er den franzö­si­schen Text vorge­geben hat, seine Kollegen auf Englisch und Deutsch. Nach zwei weiteren Stücken gibt es einen kleinen Einbruch, wenn Jacob Cudden zum einzigen Stück von der Festplatte tanzt. Boris Randzio ist für die Choreo­grafie zuständig. Und er scheint noch zu den Choreo­grafen zu gehören, die der Auffassung sind, wenn schon Musik, dann darf sie nichts mit dem Tanz zu tun haben. Aber wenn ich She drives me crazy von Fine Young Cannibals höre, will ich sehen, wie „sie“ den Tänzer verrückt macht und nicht einen Faun am Nachmittag, und wenn er noch so gut getanzt ist. Ausge­glichen wird das gleich darauf von Saya Tanaka, die mit ihrem Horn auf der Empore fantas­tisch Richard Wagners Hornmotiv aus Siegfried interpretiert.

Foto © Matthias Stutte

Nach Freundlich lass uns scheiden folgt nun Der kleine Acker aus den Mähri­schen Duetten von Antonín Dvořák. Wunderbar, aber Bjorn Geudens kann das noch steigern. Der studierte Musical­sänger trifft bei Für Sarah aus dem Tanz der Vampire nicht nur den typischen Musical-Ton, sondern bringt vollkommen unüblich auch das nötige Volumen auf, ohne Mikrofon zu singen. Nachdem der Tenor nun schon die ganze Zeit mit der Sopra­nistin anbandelt, und der Mezzo­sopran dem Tänzer schöne Augen macht, ist zur Halbzeit die Gelegenheit gekommen, mal richtig auf den Putz zu hauen. Da gibt es eine Mischung aus Karneval und Jungge­sel­len­ab­schied – glück­li­cher­weise nur kurz, so dass das Stück es verträgt – ehe Meunier mit dem Brindisi Ich schwanke noch des 1992 geborenen Simon Mack abschließt. Schön gesungen auch der Mozartsche Kanon Bona nox und Wenn sich zwei Herzen scheiden von Felix Mendelssohn Bartholdy. Echte Italianità gibt es mit Ernesto de Curtis‘ Non ti scordar di me – Vergiss mich nicht. Basile Lefebvre bekommt seinen großen Auftritt mit dem zweiten Satz aus Postcards für Trompete solo, zu dem Alberto Lo Conte nach der Choreo­grafie von Victoria Bröcker tanzen darf.

Nach dem Schrei von Erich Zeisl, vom Bariton Miha Brkinjač inter­pre­tiert, darf die Bläser­gruppe mit Schlagzeug eine Art Zombie-Szene unter­stützen. Und dann vollbringt Geudens mit dem Stück Wahrheit aus dem Tanz der Vampire gesungene Sprach­akro­batik vom Feinsten. Kompliment. Die Stumm­film­szene, die zu Spanish Flea gezeigt wird, gerät kurz. Dann geht es in die Abschieds­kurve, angefangen mit Abschied aus Franz Schuberts Schwa­nen­gesang. Und wer jetzt etwa Trude Herr erwartet hätte, muss immerhin auf das Rührstück nicht verzichten. Aber es ist eines der schönsten, die es so gibt. Die Comedian Harmo­nists haben das Stück von Werner Richard Heymann unver­gesslich gemacht. Irgendwo auf der Welt muss es ja dieses kleine Stück vom Glück geben, also lasst uns aufbrechen, um es zu suchen. An diesem Abend müssen die Akteure nicht weit gehen. Das Publikum zumindest ist eindeutig beglückt.

Katja Bening und den hochta­len­tierten Nachwuchs­künstlern vom Jungen Theater ist ein Stück gelungen, das, frei von Ideologie, Beleh­rungen und morali­sie­render Besser­wis­serei, das Zeug hat, die Menschen wieder für die Bühne zu begeistern. Gut, dass es am 12. und 19. Juni noch zwei Folge­vor­stel­lungen gibt.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: