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ABGEFAHREN – GLEIS 23⁄24
(Diverse Komponisten)
Besuch am
28. Mai 2024
(Premiere)
Das Junge Theater Krefeld und Mönchengladbach wurde 2019 ins Leben gerufen. Es besteht aus Künstlern, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben, außer am Theater zu arbeiten und zwischen Studienabschluss und Berufslaufbahn zu stehen. Aktuell gehören vier Sänger aus dem Opernstudio, zwei Tänzer aus dem Ballett, vier Orchestermusiker aus der eigens gegründeten Orchesterakademie, ein Musicalsänger und ein Pianist zum Jungen Theater. Sie sollen die Gelegenheit bekommen, sich mit den praktischen Seiten ihres Berufs an einem Mehrspartenhaus vertraut zu machen. Dass sie eben doch mehr miteinander zu schaffen haben, als im Projekt zu sein, wollen sie zum Abschluss ihrer Ausbildung unter Beweis stellen. Deshalb haben sie gemeinsam mit der Regisseurin Katja Bening das Abschlussprojekt Abgefahren – Gleis 23⁄24 erarbeitet, das am 27. April im Studio des Theaters Rheydt zur Uraufführung kam und heute seine Premiere in der Fabrik Heeder, der Außenspielstätte des Theaters Krefeld, feiert.
Was macht man mit einer Gruppe, deren Mitglieder sich im Theateralltag eher zufällig begegnen? Die Antwort ist leichter als gedacht. Man lässt sie zufällig am Hauptbahnhof aufeinandertreffen und schaut, was passiert. So einfach ist das, wenn man auf die Spielfreude junger Leute bauen kann. Am Sehnsuchtsort Bahnhof kann ja so ziemlich alles passieren. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und Bening ist die letzte, die eine solche Situation nicht gnadenlos ausnutzte. Dabei fragt man sich zunächst einmal, ob Bühnenbildner Udo Hess eigentlich noch sauber tickt. Er hat die schöne tiefe Bühne auf vielleicht drei, vier Meter zur Tribüne durch eine Stellwand verkürzt. Na, da darf man ja mal gespannt sein, wie zwölf Leute auf der Fläche überhaupt nur Platz finden, geschweige denn spielen sollen. Zumal am rechten Rand auch noch ein Flügel aufgebaut ist. Immerhin reicht der Platz in der Höhe noch aus, um eine „Bahnhofsuhr“ aufzuhängen, deren Zeitsprünge im Lauf des Abends echte Überraschungen bieten. Die Genialität des Bühnenbilds eröffnet sich sehr schnell nach Beginn der Aufführung. Dann nämlich wird die Stellwand auseinandergeschoben, und dahinter ist reichlich Platz für ein zusätzliches Zugabteil, Bänke und vieles mehr. Zusätzlich wird die Empore einbezogen. Die Darsteller hat Hess in alltags- und vor allem bewegungsfreundliche Kostüme der Gegenwart gekleidet. Für eine angemessene, von ganz großen Effekten – die auf der Studiobühne wohl ohnehin kaum möglich sind – freie Beleuchtung zeichnet Diana Hilgers verantwortlich.
Bening verzichtet auf die große Rahmenhandlung, lässt sich allenfalls auf Miniaturen ein. Und dennoch spielt sie die ganz große Klaviatur des Theaters. Tempo, Einfallsreichtum und fehlende Angst vor Genregrenzen bestimmen die kommenden anderthalb Stunden. Selbstverständlich gibt es Genregrenzen. Kein Mensch will in der Regel einen Sänger trompeten oder einen Tänzer singen hören. Aber Bening ist wichtig, dass die Akteure alle ihre Fähigkeiten einbringen. Und das gelingt ihr hervorragend. Die Bühne wird zum Spielplatz der großen Emotionen.

Haru Ueda beginnt den Abend mit Blues for Gilbert von Marc Glentworth am Vibrafon und legt damit schon mal das ganz hohe Niveau der Aufführung fest. Im Zugabteil nutzt Mezzosopran Kejti Karaj die Fahrkartenkontrolle, um den Aufenthalt aus Franz Schuberts Schwanengesang vorzutragen. Die Musik haben Bening und die Teilnehmer des Jungen Theaters gemeinsam zusammengestellt, nachdem die Regisseurin eine Vorauswahl getroffen hat, für Vorschläge dabei aber offenblieb. Und so entstand eine wilde Mischung aus Titeln, deren Entstehungszeit sowohl in der Auswahl als auch später in der Reihenfolge vollkommen offenblieb. Also darf Antonia Busse den ersten Satz Pater noster aus den Paroles für Sopran und Posaune des 1972 geborenen François Cattin mit lateinischem Text singen, unterstützt von Friedrich Falkenhagen. Nach Mozarts Auf den Tod einer Nachtigall wird deutlich, dass Bening auch Spaß haben will. Da kommt die Tokyo Subway Polka von Klaus Wallendorf gerade recht. Falkenhagen, der gemeinsam mit dem Pianisten Anton Brezinka die Arrangements, so weit nötig, erarbeitet hat, darf anschließend mit Kislev für Posaune solo von Daniel Schnyder glänzen. Auch wenn Bening das Kunstlied als ideales Grundgerüst für einen solchen Abend ansieht, fällt Robert Schumanns Wenn ich ein Vöglein wär doch gegen das Volkslied Turtullesbe – Turteltäubchen auf Deutsch – aus Karajs Heimat Albanien in der Wirkung ab.
Einer der Höhepunkte wird Et j’entends siffler le train, besser bekannt als A hundred miles, aus dem Jahr 1962 von Richard Anthony. Tenor Arthur Meunier greift zur Gitarre und begleitet, nachdem er den französischen Text vorgegeben hat, seine Kollegen auf Englisch und Deutsch. Nach zwei weiteren Stücken gibt es einen kleinen Einbruch, wenn Jacob Cudden zum einzigen Stück von der Festplatte tanzt. Boris Randzio ist für die Choreografie zuständig. Und er scheint noch zu den Choreografen zu gehören, die der Auffassung sind, wenn schon Musik, dann darf sie nichts mit dem Tanz zu tun haben. Aber wenn ich She drives me crazy von Fine Young Cannibals höre, will ich sehen, wie „sie“ den Tänzer verrückt macht und nicht einen Faun am Nachmittag, und wenn er noch so gut getanzt ist. Ausgeglichen wird das gleich darauf von Saya Tanaka, die mit ihrem Horn auf der Empore fantastisch Richard Wagners Hornmotiv aus Siegfried interpretiert.

Nach Freundlich lass uns scheiden folgt nun Der kleine Acker aus den Mährischen Duetten von Antonín Dvořák. Wunderbar, aber Bjorn Geudens kann das noch steigern. Der studierte Musicalsänger trifft bei Für Sarah aus dem Tanz der Vampire nicht nur den typischen Musical-Ton, sondern bringt vollkommen unüblich auch das nötige Volumen auf, ohne Mikrofon zu singen. Nachdem der Tenor nun schon die ganze Zeit mit der Sopranistin anbandelt, und der Mezzosopran dem Tänzer schöne Augen macht, ist zur Halbzeit die Gelegenheit gekommen, mal richtig auf den Putz zu hauen. Da gibt es eine Mischung aus Karneval und Junggesellenabschied – glücklicherweise nur kurz, so dass das Stück es verträgt – ehe Meunier mit dem Brindisi Ich schwanke noch des 1992 geborenen Simon Mack abschließt. Schön gesungen auch der Mozartsche Kanon Bona nox und Wenn sich zwei Herzen scheiden von Felix Mendelssohn Bartholdy. Echte Italianità gibt es mit Ernesto de Curtis‘ Non ti scordar di me – Vergiss mich nicht. Basile Lefebvre bekommt seinen großen Auftritt mit dem zweiten Satz aus Postcards für Trompete solo, zu dem Alberto Lo Conte nach der Choreografie von Victoria Bröcker tanzen darf.
Nach dem Schrei von Erich Zeisl, vom Bariton Miha Brkinjač interpretiert, darf die Bläsergruppe mit Schlagzeug eine Art Zombie-Szene unterstützen. Und dann vollbringt Geudens mit dem Stück Wahrheit aus dem Tanz der Vampire gesungene Sprachakrobatik vom Feinsten. Kompliment. Die Stummfilmszene, die zu Spanish Flea gezeigt wird, gerät kurz. Dann geht es in die Abschiedskurve, angefangen mit Abschied aus Franz Schuberts Schwanengesang. Und wer jetzt etwa Trude Herr erwartet hätte, muss immerhin auf das Rührstück nicht verzichten. Aber es ist eines der schönsten, die es so gibt. Die Comedian Harmonists haben das Stück von Werner Richard Heymann unvergesslich gemacht. Irgendwo auf der Welt muss es ja dieses kleine Stück vom Glück geben, also lasst uns aufbrechen, um es zu suchen. An diesem Abend müssen die Akteure nicht weit gehen. Das Publikum zumindest ist eindeutig beglückt.
Katja Bening und den hochtalentierten Nachwuchskünstlern vom Jungen Theater ist ein Stück gelungen, das, frei von Ideologie, Belehrungen und moralisierender Besserwisserei, das Zeug hat, die Menschen wieder für die Bühne zu begeistern. Gut, dass es am 12. und 19. Juni noch zwei Folgevorstellungen gibt.
Michael S. Zerban