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UNA COSA RARA
(Vicente Martín y Soler)

Besuch am
31. Mai 2024
(Premiere)

 

Staats­theater Meiningen

Es scheint ein Ereignis zu sein, wenn sich der sogenannte Maler­fürst Markus Lüpertz nach Meiningen begibt und dort die Bühne und Ausstattung von Una cosa rara übernimmt. Gewandet in Anzug, Weste und mit Gehstock mit Silber­knauf bewehrt, steht er zunächst in der Presse­kon­ferenz Rede und Antwort, verteilt Seiten­hiebe in Richtung der „wirklich­keits­nahen Inter­pre­ta­tionen“ moderner Regis­seure und bricht eine Lanze für das Illusi­ons­theater, denn „Fotos, Film und Licht zerstören die alte Kulisse“. Fragmen­ta­risch müsse die Ausstattung auf der Bühne sein, der Zuschauer ist angehalten, das Gesehene für sich zu ergänzen, das Theatrale, die Poesie, die Emphase wirksam werden zu lassen. Während der Premiere sitzt Lüpertz in der Fremdenloge und betrachtet, wie sein Konzept nun in Meiningen wirkt, denn an diesem Haus wurde alles nur noch überar­beitet, entstanden ist die Produktion in Regensburg, wo sie 2018 zur Aufführung kam, unter dem damaligen Inten­danten Jens Neundorff von Enzberg, seit Beginn der Spielzeit 202122 Intendant am Staats­theater Meinungen und am Landes­theater Eisenach. Die Produktion wurde regulär von Regensburg gekauft und ist nun mit dem Meininger Ensemble hier aufge­frischt zu sehen.

Das Werk hat nach der Urauf­führung 1786 Mozarts Le nozze di Figaro vom Spielplan des Burgtheaters verdrängt und wurde vom damaligen Publikum als absoluter Renner goutiert. Die damalige Ausstattung beein­flusste ähnlich wie Goethes Die Leiden des jungen Werthers zwölf Jahre zuvor die Mode der Damen, die Hits aus der Oper wurden ähnlich wie später bei Mozart in den Gassen Wiens gepfiffen. Der spanische Komponist Vicente Martín y Soler legte hiermit seine zweite Zusam­men­arbeit mit dem Venezianer Lorenzo da Ponte vor, ein ungemein fleißiger Poet, der auch Mozart die Opern­li­bretti für dessen Figaro, Don Giovanni und Così fan tutte lieferte.

Foto © Christina Iberl

Und auch hier in der Cosa rara, dem seltenen Fall von Liebe und Aufrich­tigkeit, die die Haupt­figur Lilla in dem Stück beweist, geht es letzt­endlich um das Verhältnis von bürger­lichen Mädchen gegenüber den Avancen adeliger Männer. Das Ganze ist in Schäfer­spiele gekleidet, wie sie Marie-Antoi­nette, Lieblings­schwester von Kaiser Joseph II in Wien, liebte und selbst im Garten von Versailles nahe des Petit Trianon aufführte. Das stand­hafte Bauern­mädchen Lilla und ihre quirlige Freundin Ghita wider­stehen in dem Stück allen Gefäl­lig­keiten der Adligen, hier der Prinz Giovanni, Sohn der Königin von Spanien, Isabella, und Oberstall­meister Corrado. Die beiden Partner der umschwärmten Damen sind Lubino und Tita, die etwas tölpelhaft ihre Rechte bei ihren Geliebten einfordern. Königin Isabella mischt sich – ähnlich wie damals Joseph II – gerne aus Spaß unter das einfache Volk, bekommt dessen Sorgen mit, schlichtet und weist zurecht, wo es nötig ist. Am Ende blicken die Schäfer­paare in eine verhei­ßungs­volle Zukunft.

Lüpertz hat in Zusam­men­arbeit bei Bühne und Kostümen mit Ruth Groß dem lustigen Treiben farben­frohe Bühnen­ele­mente geschaffen. Schon als sich der Vorhang hebt, stehen drei überdi­men­sionale Pappku­lissen vorne am Rand, zwei lustvoll überzeichnete Frauen und ein knieender Mann, die bei Beginn der Handlung zur Seite fahren, später ziehen lustige Hirten vorbei. Figuren im Stile Lüpertz‘, kraft­strotzend, prall, verschroben. Im Hinter­grund sieht man einen stili­sierten Wald, der durch die Licht­wechsel – verant­wortlich ist Rolf Schreiber – unter­schiedlich in Szene gesetzt wird, mal bedrohlich schwarz mit Ästen wie Fäuste, mal lieblich bunt mit rotie­renden Gobos angestrahlt. Auf der intensiv einge­setzten Drehbühne kommen Wildschweine, Schafe, ein Häuschen, Figuren und Darsteller herein­ge­fahren. Über dem Wald erscheinen diony­sische Gestalten, blaue und rote Wolken dräuen passend zur Handlung. Am Ende wird, wohl um die Flüch­tigkeit des Augen­blickes zu betonen und die Illusion wieder zu nehmen, die gesamte Bühne gedreht und von hinten gezeigt, mit allen Aufgängen, Stützen und Markie­rungen. Das macht durchaus Sinn und evoziert den Eindruck der Flüch­tigkeit wie bei einer Wander­bühne, bringt durch die Farbigkeit Frische auf die Bühne.

Foto © Christina Iberl

Bei den Kostümen, die einen ebenso ephemeren Eindruck erwecken sollen, tut man sich schwerer. Die Angehö­rigen des Bauern­standes sind in weiße, mit groben Pinsel­strichen bemalten Kleidungs­stücke gekleidet, die teils wirken, als kämen verfremdete, kariert gewandete Highlander auf die Bühne. Die Damen tragen Dirndl, teils mit Punkten, teils mit heraus­quel­lenden, künst­lichen Brüsten über ebenfalls kariertem Rock. Die Adligen kommen anfangs in schwarzen Roben und Gehröcken, tauschen die aber fast im Laufe des Stücks gegen ebenso bunte Kleider um, der Prinz versucht sich halbnackt, mit Maler­schürze und mit gezwir­beltem Schnurrbart Salvador Dalí ähnlich sehend, an einem Porträt der Angebe­teten, um danach in die abgelegten Kleider der Königin zu steigen.

Lüpertz hat sein Ausstat­tungs­konzept noch in La Bohème in Meiningen vertieft, wohlge­merkt ist ja Una cosa rara zuerst in Regensburg gelaufen. Während dort aber mit ihm als Regisseur der Versuch, die Farben der Kostüme singen zu lassen, in statua­ri­schen Szenen gipfelte, bringt hier bei der Cosa rara Andreas Baesler als Regisseur eine fulmi­nante und mitrei­ßende Perso­nen­regie auf die Bühne. Wieder einmal beweist das Meininger Ensemble, ergänzt durch Bariton Jonas Böhm als Gast, dass es wunderbar quirlig und bis ins letzte spiel­freudig sein Publikum begeistern kann. Baesler schafft es in dem relativ offenen Rahmen der Bühne, die jewei­ligen Bezie­hungen gut sichtbar zu machen und gibt den einzelnen Darstellern immer wieder Gelegenheit, besondere Talente auszuleben.

Foto © Christina Iberl

In erster Linie ist hier Sara-Maria Saalmann als Ghita zu nennen, die ihren gut fokus­sierten, wandlungs­fä­higen und bildschönen Mezzo­sopran mit einer umwer­fenden Spiel­freude paart, die sie zum Ende hin sogar einen spani­schen Tanz mit Kasta­gnetten tanzen lässt. Auch Monika Reinhard überzeugt völlig als Haupt­figur Lilla, ihr Duett Per pietà mit Ghita zusammen gehört zu den Höhepunkten der Aufführung. Reinhards heller, silbriger und höhen­si­cherer Sopran singt sich munter durch alle Unbilden des Stückes und berührt mit ihrem Piano bei ihrer langsamen Arie. Emma McNairy als Königin Isabella überzeugt einmal mehr mit ihrem präch­tigen lyrischen Sopran, der immer wieder an die Gräfin im Figaro erinnert. Sehr inniglich, farbig und bestens von der Regie unter­stützt, lotet sie die Rolle der einsamen Adeligen aus, die sich nach einem freieren Leben sehnt. Allein in den Höhen wirkt sie vielleicht tages­be­dingt manchmal etwas angestrengt. Jonas Böhm singt als Gast im Ensemble den Lubino mit leichtem, geschmei­digem Bariton, findet im Laufe der Aufführung gut in seine Rolle, singt kräftig und überzeugend. Bassba­riton Tomasz Wija gibt einen Tita mit Erotik in der Stimme, klar und sehr präsent gefällt er besonders in den Duetten mit Reinhards leuch­tendem Sopran. Mykhailo Kushlyk als Prinz verleiht der Figur die nötige Steifheit zu Beginn und wandelt sich später in den halbnackten Maler im Schaf­fens­rausch, immer mit bestens fokus­sierter, heller und sehr klarer Tenor­stimme, sehr schön in seiner Arie Più bianca del giglio. Spiel­tenor Tobias Glagau gibt sich gut in die Rolle dessen, der am Ende allein die Schuld übernehmen muss, hinein und gefällt mit seiner weichen und sehr flexiblen Stimme. Selcuk Hakan Tiraşoğlu singt den Bürger­meister Lisargo mitreißend mit kräftigem und alles bestimmen wollendem Bass. In den wenigen Szenen, bei denen er beteiligt ist, bringt er sich mit Freude in das Spiel mit ein.

Chin-Chao Lin, seit der Saison 202324 Erster Kapell­meister und Stell­ver­tre­tender General­mu­sik­di­rektor am Staats­theater Meiningen, leitet die Hofka­pelle mit viel Freude und Engagement. Das Orchester spielt sehr trans­parent, locker und fein, nie die Sänger übertönend oder in Schwie­rig­keiten bringend – so soll es sein! Wenn auch zur Zeit der Entstehung des Werkes die Musik als besonders hinreißend empfunden worden ist, lassen unsere Mozart-verwöhnten Ohren doch bei allem Reiz eine gewisse Tiefe und drama­tische Gestaltung darin vermissen. Unter­haltsam und dem Zeitgeist entspre­chend kommt sie daher, zitiert Mozart manchmal ebenso wie dieser Una cosa rara erwähnt hat, bleibt aber aus heutiger Sicht diesem doch unterlegen.

Das Meininger Publikum wird am Ende mit einem kräftigen „Olé“ entlassen und feiert seine Cosa rara frene­tisch und mit stehenden Ovationen.

Jutta Schwegler

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