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Foto © Laura Thomas

Ferne Nähe

KOMM NÄHER, NOCH NÄHER
(Diverse Komponisten)

Besuch am
9. Juni 2024
(Premiere)

 

Konzertsaal der Rochus­kirche, Köln

Weit ausgreifen, Nähe herstellen: Das ist die Regieidee eines Debüt­kon­zerts, mit dem eine schim­mernde Kölner Neue-Musik-Szene eine solitäre Klang­farbe hinzu­ge­wonnen hat. Dorrit Bauer­ecker und Christoph Stöber, zwei Exponenten der Szene, sind sich einig geworden. Als Klavierduo Bauer­ecker Stöber, gegründet im vergan­genen Jahr, betreten die beiden den auch mit Erwar­tungen gut gefüllten Konzertsaal der Rochus-Musik­schule. Vorn, prominent platziert, gut ausge­leuchtet, ein Yamaha-Flügel, eine Klavierbank. Das wird reichen für den Premie­ren­abend. Stamm­plätze sind nicht vergeben. Im Verlauf der folgenden neunzig Minuten werden fliegende Seiten­wechsel zu erleben sein. Schablonen bleiben außen vor. Botschaft: Bass und Diskant, das sind Rollen. In die kann jeder schlüpfen. Und den Fuß auf dem rechten Pedal zu haben, ist kein Privileg, sondern, wie alles andere, eine Frage der Absprache. Worum es einzig geht, das macht das Duo auch in seinen Wortbei­trägen deutlich, ist das Zusam­men­spiel von vier Händen auf einer Klaviatur. Mehr Tuch­fühlung, so viel ist klar, geht nicht in der Musik.

Foto © Susann Martin

Ein Thema, das den beiden die Idee für die Choreo­grafie ihres Abends an die Hand gegeben hat. Ein in den Klavier­farben gehal­tenes, insofern doch wenig lesefreund­liches Programm­blatt lockt mit einem verfüh­re­ri­schen „Komm näher, noch näher …“ Wer da adres­siert ist? Das Publikum? Nun, als Hörer sind wir zwar da, aber eben doch vor allem mit den Ohren dabei, was, nebenbei bemerkt, zu durchaus beträcht­licher Nähe führen kann. So gesehen spricht einiges dafür, im titel­ge­benden Lockruf eine Sprech­blase der Ausfüh­renden zu erkennen, einen inneren Dialog, den das Klavierduo Bauer­ecker Stöber unter­ein­ander führt. Eine Annahme, die sich am Ende des ersten Teils mit der Urauf­führung des Abends sehr sinnfällig bestätigt. Bei der jungen Kompo­nistin Georgia Koumará haben die beiden eine Kompo­sition in Auftrag gegeben. Heraus­ge­­kommen ist eine Kompo­sition, die mit der verblüf­fenden Idee aufwartet, die Zwiesprache des übenden Klavierduos Bauer­ecker Stöber ins Werk zu integrieren und während der Ausführung über in Griff­weite positio­nierte Handys jüngster Bauart zuzuspielen. Ein Moment der ironi­schen Brechung, klar. Freilich kein Fall aus allzu großer Höhe. Was die Kompo­nistin in fühlst du dich voll wohl da oben? for 4 hands and tape, abgesehen vom auskomponier­ten Gag, im Schilde führt, wird nicht recht klar. Gerade in der von wunder­barer Zeitöko­nomie bestimmten Umgebung der ersten Konzert­hälfte wirkt die Arbeit, sobald sie ihr Ironie-Pulver verschossen hat, wie ein Stück auf der verzwei­felten Suche nach sich selbst.

Foto © Susann Martin

Ein Eindruck, der freilich auch mit der program­mierten Nachbar­schaft zu zwei, drei Monumenten abend­län­di­scher Kunst­musik zu tun hat. Dass die hier Eingang gefunden haben, ist absolut bemer­kenswert. Bach vielleicht, aber Mozart und Schubert sind in Neue-Musik-Konzerten oder in Konzerten mit zur Neuen Musik affinen Ausfüh­renden ganz und gar unüblich. Der Mut, den so was braucht, nötigt Respekt ab. Es steckt darin wohl auch die Ahnung, dass es, wie Hermann Scherchen das gern sagte, die „Einheit der Musik“ ist, auf die es ankommt. Heißt konkret: Nach der Eröffnung mit Mozarts B‑Dur-Sonate schürfen Bauer­ecker und Stöber noch tiefer im Fruchtland, indem sie Bach-Choral­be­ar­bei­tungen des auf diesem Gebiet gut bewan­derten Reinhard Febel vortragen: Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ und Nun komm der Heiden Heiland. Auch wenn zumal bei Letzterem leichte Tempo­ver­schlep­pungen auffällig sind – auch in der Rochus-Pfarr­ge­meinde werden Choräle kaum in Zeitlupe gesungen werden – der Rahmen könnte kaum edler ausfallen. Insbe­sondere die beiden Bach-Adaptionen wirken in der Konzert-Drama­turgie wie zwei Balda­chine für das mittig platzierte George-Crumb-Stück Alpha Centauri aus den Celestical Mechanics, eine mit rockigen Riffs gespickte Rhythmus-Kompo­sition, in der Bauer­ecker und Stöber hörbar bei sich selber ankommen.

Was sich nach der Pause mit Half-Remem­bered City des japani­schen Kompo­nisten Day Fujikura wiederholt. „Rhythm is it!“ Aller­dings: In dieser Zuschreibung geht das Duo nicht auf. Im Gegenteil. Mit dem Eröff­nungs­stück des zweiten Konzert­teils betreten die beiden eine Welt, in der von allem Abschied genommen wird, auch und gerade von der „Nähe“. Nah ist in dem Stück, in Schuberts f‑moll-Fantasie, einzig der Tod. 1828, im Sterbejahr entstanden, spricht aus der Kompo­sition zu vier Händen allein die Verzweiflung, die Liebe, die gesucht wurde, nicht gefunden zu haben. Ein bewegender Moment, wenn Bauer­ecker im Diskant die Wehmuts-Punktie­rungen setzt und Stöber mit unbeirrt schrei­tenden Achteln dagegenhält. Das geht jetzt aus der Welt heraus. Der musika­lische Höhepunkt des Abends endet mit der Erkenntnis, dass Nähe in der Musik Schein ist. Durch nichts, auch nicht – eine Versu­chung, der das Duo zuweilen nachgibt – durch Klang­ballung lässt sie sich herbei­zwingen. Bei Schubert ist es anders. Und den spielt das Duo auch ganz anders. So, dass sich Berührtsein einstellt. Von einer Musik, die aus der Ferne spricht. Und uns, deswegen, nah kommt.

Was ersichtlich etwas anderes ist als die Botschaft einer vom Duo ins Debüt-Programm integrierten promo­vierten Psycho­login von der Kölner Sport­hoch­schule. Auftritt von Lisa Musculus, die uns allen Ernstes die „Herzraten“ des Klavierduos Bauer­ecker Stöber einblendet. Sie hatte das Duo bei einem Proben­besuch verkabelt, EKG-Kurven generiert, um so, messer­scharf, die prakti­zierte „Nähe“ der Ausfüh­renden zu demons­trieren. Es gibt Wissen­schaften, an die muss man glauben. Kunst muss man hören.

Georg Beck

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